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Geist-Gehirn Problem: Nichtreduktiver Physikalismus

Das nichtreduktive physikalistische Mo­dell der Geist-Hirn-Beziehung von Roth/­Schwegler

Lange haben Neurobiologen und Psycholo­gen geglaubt, Wahrnehmung eines kom­plexen Objekts oder Ereignisses finde statt, wenn sogenannte "höchste Hirnzellen" aktiv seien, die gewöhnlich im Cortex angesiedelt wurden. Inzwischen ist an die Stelle dieses Konzep­tes das der verteilten Repräsentation getreten. Es besagt: Keine einzelne Nerven­zelle und auch kein lokales neuronales Netzwerk kann einen komplexem Wahrneh­mungsinhalt in all seinen Aspekten reprä­sentieren. Vielmehr wird ein wahrgenom­mener Sachverhalt in eine Vielzahl von Aspekten zerlegt, die zum einen mit den Details und zum anderen mit der Bedeutung des Wahrgenommen zu tun haben. Im vi­suellen System zum Beispiel zerlegen die Photorezeptoren das Bild eines Objekts punkthaft hinsichtlich der Wellenlänge und der Helligkeit des reflektierenden Lichtes. Diese Informationen werden in der Netzhaut über Interneurone zu den Retinaganglienzel­len weitergeleitet.

Der bekannte Hirnforscher Gerhard Roth und sein Mitarbeiter Helmut Schwegler stellen dieses Konzept und seine Aus­wirkun­gen auf das Geist-Gehirn-Problem in dem Artikel

Roth, G. und Schwegler, H.: Das Geist-Gehirn-Problem aus der Sicht der Hirnfor­schung und eines nicht-reduktionistischen Physikalismus, in: Ethik und Sozialwis­senschaften, Heft 1/1995

vor. Danach ist es angesichts allen verfüg­baren Wissens vernünftig, von einer im Rahmen der experimentellen Überprüfung liegenden strengen Parallelität zwischen Mentalem und Neuronalem auszugehen. Anhand der vorliegenden Erkenntnisse der Hirnforschung er­scheinen einige bekannte philosophische Standpunkte als sehr unplau­sibel. Dies sind insbe­sondere

n die Anschauung, Mentales sei absolut privat, d.h. nur mir selbst zugänglich,

n die besonders von Psychologen häufig vertretene und auf Wilhelm Wundt zurück­gehende Meinung, ein enger Zusammen­hang mentaler mit physiologischen Prozes­sen liege zwar bei "einfachen" Wahrneh­mungen (ins­besondere Farb- und Former­kennung) vor, nicht jedoch bei "höheren" kognitiven Lei­stungen,

n die Anschauung, der Aufweis strenger Parallelität zwischen mentalen Akten und Gehirn­prozessen sei für dispositionale Aus­sagen unmöglich. Es ist aber nach Roth/­Schwegler davon aus­zugehen, daß auch dem dispositionalen Zustand wie "etwas erwar­ten, hoffen, wünschen usw." ein bestimmter neuronaler Prozeß entspricht,

n der interaktionistische Dualismus, wie er insbesondere von Eccles und Popper ver­treten wurde und der eine Autonomie des Geistes gegenüber dem Gehirn behaupetet. Dagegen spricht nach Roth, daß das Auf­treten geistiger Zustände im Gehirn an stoffwechsel­physiologische Bedingungen und spezifische Interaktionen verschiedener Teile des Gehirns gebunden ist. Stoffwech­selphysiologische und neuronale Prozesse im Gehirn haben voraus­sagbare Wirkungen auf subjektive Zustände und kognitive Lei­stungen. Bewußtsein geht niemals den neu­ronalen Prozessen voraus, sondern ergibt sich aus ihnen. In ähnlicher Weise folgt das Gefühl, eine Handlung intendiert zu haben (der "Willensakt") den für eine Willkür­handlung notwendigen neuronalen Prozes­sen: Dem Bereitschaftspotential, welches jeder Willkürhandlung notwendig vorgeht, folgt im Abstand von 300 bis 1000 Mil­lisekun­den der subjektiv empfundene Wil­lensakt. Entsprechend läßt sich durch geeig­nete Hirnstimulation eine subjektiv "ge­wollte" Bewegung auslösen. Dies - zu­sam­men mit vielen anderen Evidenzen - ist mit einer "Autonomie" des Geistes oder Willens gegenüber dem Gehirn unvereinbar.

Eine "ontologische" Reduktion wichtiger kognitionspsychologischer Begriffe auf Begriffe der Neurophysik und -physiologie ist bisher nicht geleistet worden: niemand wird behaup­ten, daß Neurone "denken" oder auch nur Objekte "erkennen" können. Auf der Ebene von Einzelzellen gibt es keine "Bedeutung" und erst recht nicht auf der Ebene von Synapsen und Membranen. Wenn wir kognitive Prozesse wie das Er­kennen eines individuellen      G­esichtes mit Gehirnprozessen korrelieren wollen, dann müssen wir ein bestimmtes Ak­tivitätsmuster angeben, welches sich über weite Teile des primären und sekundären visuel­len Cortex, des unteren temporalen Cortex (Gesichtserkennung im engeren Sinne), des parietalen Cortex (räumliche Anordnung des Gesichtes) usw. erstreckt und diese neuro­nalen Leistungen adäquat repräsentiert. Es handelt sich dabei um ein Aktivitätsmuster, welches in selektiver Weise das ganze Gehirn durchzieht. Dieses mit der Erkennung eines individuellen Ge­sichtsausdruckes befaßte ausgedehnte Ak­tivitätsmuster hat noch niemand aus den physikochemischen und physiologischen Gesetzmäßigkeiten der beteiligten Neuronen allein ableiten können. Denn daß die Neu­ronen im Hinterhauptlappen des Ge­hirns visuelle Neuronen sind, ergibt sich nicht aus aus ihren physiologischen Eigenschaften, sondern aus der Stellung dieses Netzwerks von Neuronen im gesamten Gehirn ein­schließ­lich der visuellen Sensorik; diese Stellung resultiert nach Struktur und Funk­tion teils aus phylogenetischer und teils aus frühontogenetischen Determinationsprozes­sen. Letztlich erhält das Aktivitätsmuster des Netzwerks seine Bedeutung nur inner­halb der Interaktion des Gehirns mit der Umwelt.

Die Schwäche eines emergentistischen Standpunktes - sei es im monistischen (Lo­renz, Bunge) oder im dualistischen Sinne (Popper) - ist, daß er das Auftreten "neuar­tiger" Sy­steme zu etwas Mystischem macht. Dabei - so die Autoren - ist dieses Phäno­men in der unbelebten und der belebten Natur alltäglich: alle nicht rein quantitativen Eigenschaften sind emergent; sie sind das Resultat von Systemeigenschaften. Dazu gehört beispielsweise die Harmlosigkeit des Kochsalzes Natriumchlorid im Gegensatz zur Giftigkeit seiner Kom­ponenten. Auch das in diesem Zusammenhang oft genannte Argument der prinzipiellen Nichtvorhersag­barkeit bzw. Nichtableitbarkeit "emergenter" Eigenschaften bei noch so genauer Kenntnis der Komponenten, ist nicht stichhaltig. Viel­mehr, so die Autoren, sind emergente Eigenschaften oft vorhersagbar.

Roth und Schwegler schlagen vor, vom Geist als einem "physikalischen Zustand" zu spre­chen, wobei "physikalisch" nicht durch eine materielle Substanz definiert ist (wes­halb ihre Position keine materialistische ist), sondern lediglich methodologisch verstan­den wird. Dies läßt zu, daß Geist als Zu­stand verstanden wird, der in großen, inter­agierenden Neuro­nenverbänden auftritt und mit physiologischen Methoden nachweisbar ist; ebenso kann dieser Zustand "Geist" von uns als völlig anders erlebt werden. Dies unterscheidet "Geist" aber nicht vom Er­leben des Lichtes, der Härte von Gegenstän­den und der Musik.

Damit wir Geist als physikalischen Zustand ansehen können, müssen wir angeben kön­nen, wo, wann und wie dieser Geist auftritt, d.h. welche Teile des Gehirns in welcher Weise aktiv sein müssen, damit ein Mensch bestimmte mentale Zustände hat. In ge­wisser Weise ist es auch bereits möglich, etwas über die Funktion von Geist zu sagen, nämlich welche Wirkung Hirnprozesse haben, die von mentalen Zuständen begleitet sind. Mehr kann, so die beiden Autoren, eine wissenschaftliche Erklärung prinzipiell nicht leisten, sie kann das "Wesen des Geistes" nicht erklären.

In der Kritik dieses Artikels wirft Dieter Birnbacher den beiden Autoren vor, sie würden nicht nur die philosophische Rele­vanz, sondern auch die philosophische Bri­sanz der von ihnen präsentierten neurowis­senschaftlichen Resultate unterschätzen. Damit meint er insbe­sondere die Beobach­tung, daß das Gehirn vor dem Bewußtsein entscheidet, ob eine be­stimmte Körper­bewegung stattfinden soll - was für die Diskussion um die Willensfreiheit von Bedeutung ist. Das zeigt, daß bewußte Willensakte nicht aus dem Nichts kommen, sondern ebenso wie andere Bewußtseins­ereignisse von neuronalen Vorgängen ab­hängen. Weiter scheint der Zeitpunkt, zu welchem eine willentliche Körperbewegung eintritt, unab­hängig von dem bewußten Willensakt bereits mit dem Aufbau eines charakteristischen Bereitschaftspotentials festzustehen. Das Gehirn, und nicht das Bewußtsein, "entscheidet" darüber, ob die Körperbewegung zustandekommt. Der be­wußte Willensakt übernimmt dabei keine

Steuerungs-, sondern lediglich eine Rück­meldungsfunktion. Der Grund dafür, daß die meisten Philoso­phen vor den Konsequenzen, nämlich einem Epiphänomenalismus, zu­rück­schrecken, vermutet Birnbacher darin, daß sie den Men­schen nicht noch eine wei­tere meta­physi­sche Kränkung zumuten wollen.

Martin Carrier (zusammen mit Jürgen Mittelstraß Verfasser eines Standardwerkes zum Leib-Seele-Problem) kritisiert, die beiden Autoren irrten sich mit der Ein­schätzung ihres Standpunktes als "nicht-reduktionalistischen Physikalismus", denn sie akzeptierten alle wesentlichen in­haltlichen Bestandteile des traditionellen Reduktionis­mus - mit Aus­nahme der Be­zeichnung.

Für empirisch unplausibel hält Carrier die von den Autoren behauptete strenge Paral­lelität zwischen psychologisch gleichartigen und neurophysiologisch gleichartigen Zu­ständen und umgekehrt, insbesondere was die "intentionalen Zustände" (wie die Über­zeugung, daß es regnet) betrifft. Wenn jemann beim Verlassen des Hauses zum Regen­schirm greift, dann erklären wir diese Verhaltensweise durch Zuschreibung der Über­zeugung, daß es regnet. Für diese Erklärung ist der Inhalt der zugeschriebenen Über­zeugung wichtig. Zu dem Inhalt kann man jedoch auf neuronal völlig unterschied­liche Weise gelangen: man kann die Wetter­lage dem Wetterbericht entnehmen oder sich durch einen Blick aus dem Fenster vergewis­sern, daß es regnet. Neurophysiolo­gisch macht es aber einen großen Unter­schied, ob die Überzeugung durch Stim­ula-tion des visuellen oder des akustischen Reiz­verar­beitungsmechanismus im Gehirn zu­standekommt. Carrier ver­mutet, daß psy­cho­logisch einheitlichen Zuständen neuronal heterogene Zustände entspre­chen. Das glei­che Bild ergibt sich bei Berücksichtigung der Fähigkeit des Gehirns, be­stimmte Aus­fälle, die sich als Folge etwa eines Schlag­anfalles ergeben, im Laufe der Zeit zumindest teilweise zu kom­pensieren, was auf den Schluß führt, daß in solchen Fällen gleichartige mentale Zustände durch unter­schiedliche neurophysiologische Zustände um­gesetzt werden. Von daher spricht die empirische Sachlage gegen die von Roth/­Schwegler angenommene "strenge Paral­lelität". Fas psychophysische Verhältnis ist für Carrier weit eher durch Supervenienz des Mentalen zum Neuronalen gekennzeich­net.

Gegen die heute unter Gehirnforschern, aber auch einigen analytischen Philosophen ver­breitete Anschauung, die Neurophysiologie sei in der Lage, alles Geistige zu erklären, wendet sich Helmut Pape. Wenn aber, so wendet er ein, der Geist eine notwendige Eigenschaft von Gehirnprozessen ist, dann muß zumindest jede Art geistiger Phäno­mene in das postulierte nicht-reduktive,

jedoch notwendige Verhältnis zu Gehirnpro­zessen ge­bracht werden können. Jede Zu­schreibung solcher Phänomene ist aber für einen konse­quenten Physikalisten schon dann problematisch, wenn sie mentalistische Begriffe wie "Wollen", "Intention" oder "gedanklicher Inhalt" enthält. Damit gerät der nicht-reduktive Physikalist à la Roth/­Schwegler in folgendes Dilemma:

n Entweder er nimmt die Notwendigkeit der Beziehung von geistigen Prozessen auf Ge­hirnzustände nur als Postulat eines Ideals der Forschung an, ignoriert sie aber, was seine sonstigen Thesen über die Beziehung zwischen Gehirn, Umwelt und Geist sowie über die Zuschreibung bedeutungsvoller geistiger Fähigkeiten betrifft. Doch damit bleibt er von Anfang an unvollständig, weil er sich nicht dem Anspruch philosophischer Theorien des Geistes stellt, den gesamten Bereich geistiger Phänomene und gültiger Sprachformen über Geistiges zu erklären.

n Oder aber er versucht eine vollständige Theorie des Geistes zu liefern, die erklä

Selbstzu­schreibung von geistigen Zuständen neurophysiologisch zu rekonstruieren. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

dest teilweise zu kom­pensieren, was auf den Schluß führt, daß in solchen Fällen gleichartige mentale Zustände durch unter­schiedliche neurophysiologische Zustände um­gesetzt werden. Von daher spricht die empirische Sachlage gegen die von Roth/­Schwegler angenommene "strenge Paral­lelität". Fas psychophysische Verhältnis ist für Carrier weit eher durch Supervenienz des Mentalen zum Neuronalen gekennzeich­net.

 

Gegen die heute unter Gehirnforschern, aber auch einigen analytischen Philosophen ver­breitete Anschauung, die Neurophysiologie sei in der Lage, alles Geistige zu erklären, wendet sich Helmut Pape. Wenn aber, so wendet er ein, der Geist eine notwendige Eigenschaft von Gehirnprozessen ist, dann muß zumindest jede Art geistiger Phäno­mene in das postulierte nicht-reduktive,

jedoch notwendige Verhältnis zu Gehirnpro­zessen ge­bracht werden können. Jede Zu­schreibung solcher Phänomene ist aber für einen konse­quenten Physikalisten schon dann problematisch, wenn sie mentalistische Begriffe wie "Wollen", "Intention" oder "gedanklicher Inhalt" enthält. Damit gerät der nicht-reduktive Physikalist à la Roth/­Schwegler in folgendes Dilemma:

 

n Entweder er nimmt die Notwendigkeit der Beziehung von geistigen Prozessen auf Ge­hirnzustände nur als Postulat eines Ideals der Forschung an, ignoriert sie aber, was seine sonstigen Thesen über die Beziehung zwischen Gehirn, Umwelt und Geist sowie über die Zuschreibung bedeutungsvoller geistiger Fähigkeiten betrifft. Doch damit bleibt er von Anfang an unvollständig, weil er sich nicht dem Anspruch philosophischer Theorien des Geistes stellt, den gesamten Bereich geistiger Phänomene und gültiger Sprachformen über Geistiges zu erklären.

 

n Oder aber er versucht eine vollständige Theorie des Geistes zu liefern, die erklärt, wie es möglich sein kann, unsere mentali­stische Sprache und die Kompetenz der

 

 

 







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