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04 2020

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Philipp Gisbertz-Astolfi:
Ethik des Krieges

 
aus: Heft 4/2020, S. 20-24
 
Das Phänomen des Krieges ist Teil der menschlichen Welt seit Anbeginn der Sesshaftigkeit und politischen Organisation menschlicher Gemeinschaften. Es ist zugleich ein seit der Antike vielfältig diskutierter Gegenstand moralphilosophischer Debatten. Dabei gliedern sich die Fragen anhand zweier großer Fragestellungen, nämlich nach dem Recht zum Krieg (ius ad bellum) und dem Recht im Krieg (ius in bello). Anders formuliert: Wann darf man einen Krieg führen? Und welche Handlungen sind in einem Krieg erlaubt und geboten?
 
Heutzutage werden zudem zwei weitere Felder als Teil der Ethik des Krieges verstanden: Das sogenannte ius post bellum, das Recht nach dem Krieg, beschäftigt sich mit dem moralisch gebotenen Verhalten nach einem Krieg, während das ius ex bello fragt, ob und wie man einen Krieg beenden sollte. Im Folgenden werden die philosophischen Debatten zu diesen vier Bereichen vorgestellt. Doch zuerst gilt es eine viel grundlegendere Frage anzusprechen:
 
Was ist überhaupt Krieg?
 
Es scheint auf den ersten Blick selbstverständlich, dass die Ethik des Krieges sich zunächst einmal über ihren Forschungsgegenstand, d. h. über den Begriff des Krieges selbst, verständigen sollte. Historisch ist es dementsprechend auch üblich gewesen, den Krieg zu definieren, und zwar meistens in Anlehnung an Cicero und Grotius als gewalttätige Austragung eines politischen Konfliktes, d. h. eines Konfliktes über Letztentscheidungskompetenz. Seit Rousseau wurde der Begriff regelmäßig auf Staaten eingeschränkt. Einige andere Autoren, wie etwa Hobbes oder Schmitt, verwenden einen anderen Kriegsbegriff, der auf Feindschaft und Unsicherheit statt aktualer Gewalt und Konfliktaustragung beruht. (Vgl. [5])
 
Die Frage nach dem Begriff des Krieges ist allerdings heutzutage nicht mehr selbstverständlicher Teil der Ethik des Krieges. Der zentrale Text der zeitgenössischen Debatte, Michael Walzers Just and Unjust Wars aus dem Jahr 1977 erörtert den Begriff nicht näher. Vielmehr nutzt Walzer sogar Vergleiche zu Ritterturnieren ohne klare begriffliche Abgrenzung. Was bei ihm noch irritieren mag, wird bei einer der zwei großen Denkschulen der zeitgenössischen Ethik des Krieges, dem sogenannten Revisionismus, in gewissem Sinne programmatisch: Dem Revisionismus zufolge ist Krieg moralphilosophisch nicht anders zu behandeln als alle anderen Situationen. Daher bedarf es für viele Revisionistinnen auch keiner genaueren begrifflichen Klärung des Krieges. Moralphilosophisch relevant ist für sie lediglich die Bewertung von konkret beschriebenen Fällen an allgemeingültigen Prinzipien.
 
Doch nicht alle Forscher sind sich diesbezüglich einig. Sebastian Schneider (vgl. [13]) hat vor Kurzem ein Werk vorgelegt, das eine Begriffsklärung versucht. Und auch der Autor dieses Berichts (vgl. [5]) hat in einem Aufsatz eine Begriffsanalyse versucht, um Redeweisen von einem „Krieg gegen den Terrorismus“ überprüfen zu können.
 
Das Recht zum Krieg
 
Bevor man sinnvoll über die anderen Fragen diskutieren kann, muss man die beantworten, ob es überhaupt Situationen gibt oder geben kann, in denen das Krieg-Führen eine moralisch erlaubte Handlung sein kann. Seit Thomas von Aquin werden hierfür klassischerweise sieben Bedingungen angeführt, die alle Gegenstand philosophischer Kritik sind. Ein Krieg ist demnach nur gerechtfertigt, wenn er aufgrund eines gerechten Kriegsgrundes geführt wird (1), auf den sich die Intention der gerechtfertigten Partei auch bezieht (2), wenn er das letzte Mittel der Konfliktlösung darstellt (3), es eine realistische Chance auf einen militärischen Erfolg gibt (4) und er in Anbetracht der Kriegsgrundes auch proportional ist (5). Darüber hinaus wird klassischerweise gefordert, dass nur legitime politische Autoritäten (6) einen Krieg führen dürfen und dass diese formal den Krieg erklären müssen (7).
 
Die wohl wichtigste dieser Bedingungen ist diejenige, dass ein Krieg nur gerechtfertigt sein kann, wenn man einen gerechten Grund hat, ihn zu führen. Michael Walzers Just and Unjust Wars (vgl. [15]) kennt drei solche gerechten Gründe, nämlich die Selbstverteidigung, die humanitäre Intervention und die Gegenintervention gegen Eingriffe anderer Staaten in einen Kampf um nationale Selbstbestimmung. Der letzte dieser Gründe wird heute kaum noch diskutiert, obgleich er auch heute politische Relevanz besitzt, etwa im aktuellen Ukrainekonflikt. Walzer geht es dabei um den Fall, dass ein Staat militärisch in die politische Selbstbestimmung eines Volkes eingreift. Er hält eine Gegenintervention von Drittstaaten für gerechtfertigt, soweit diese nur darauf abzielt, es dem Volk wieder zu ermöglichen, die Konflikte um die eigene politische Selbstbestimmung authentisch und selbst zu führen. Vielleicht war dies eine Reaktion auf den von Walzer kritisierten Vietnamkrieg. Jedenfalls haben sich in der Just War Theory nur die beiden anderen Gründe prominenter in der Diskussion gehalten.
 
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