header


  

Neuigkeiten

25.03.2021 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Reinhart Koselleck-Projekte „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“


Reinhart Koselleck-Projekte „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“

 

Rolf Elberfeld (Universität Hildesheim), 28.2.2021

 

Geschichten der Philosophie sind für viele noch immer wichtige Quellen, um sich mit den geschichtlichen Entwicklungen des Denkens vertraut zu machen. Diese literarische Gattung hat inzwischen selbst eine lange Geschichte. Vergleicht man Philosophiegeschichtsschreibungen aus verschiedenen Jahrhunderten, so wird schnell klar, dass die jeweils dargestellten Themen und Personen sich stark voneinander abweichen. Das Forschungsprojekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Philosophiegeschichtsschreibungen innerhalb und außerhalb Europas in möglichst vielen verschiedenen Sprachen zunächst zu sichten – derzeit sind es bereits über 20 Sprachen –, um dann aufgrund einer neuen Materialbasis und im Rahmen längeren Auseinandersetzungen eine methodische Basis für eine globale Perspektive in der Philosophiegeschichtsschreibung zu entwickeln. 

Das Forschungsprojekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ ist das erste von der DFG geförderte Reinhard-Koselleck-Projekt im Fach Philosophie. Die Förderlinie „Reinhard-Koselleck-Projekt“ der DFG, die 2009 eingerichtet wurde, steht allen wissenschaftlichen Fächern offen und ist vorgesehen für „risikoreiche“ und „innovative“ Forschungen, bei denen am Anfang noch nicht klar ist, welches Ergebnis am Ende des Projektes stehen wird. Das Projekt, das vom 1. April 2019 bis zum 31. März 2024 gefördert wird, forscht inzwischen seit zwei Jahren mit einem festangestellten Team von sieben Personen und in Zusammenarbeit mit zahlreichen internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an den Möglichkeiten einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung, deren klare Konturen in der Gegenwart noch nicht wirklich abzusehen sind.

Ausgangspunkt für das Projekt war die erstmals im WS 2015/16 von Rolf Elberfeld durchgeführte Einführungsvorlesung „Geschichte der Philosophie in globaler Perspektive“ für Studierende im BA-Studiengang „Philosophie – Künste – Medien“ und im MA-Studiengang „Philosophie und Künste interkulturell“, eine Vorlesung, die seit dieser Zeit alle zwei Jahre an der Universität Hildesheim angeboten wird. Schon damals spielte die Frage nach einer Erweiterung des Curriculums in globaler Perspektive vor allem für den Anfang des Philosophiestudiums eine wichtige Rolle.

Ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt war darüber hinaus die Tagung „Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive“, die im Oktober 2016 an der Universität Hildesheim veranstaltet wurde. Die Vorträge der Tagung erschienen 2017 unter dem gleichen Titel als 9. Band des „Deutschen Jahrbuchs Philosophie der Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ im Meiner-Verlag. Auf der Tagung wurden Vorträge zu Philosophiegeschichtsschreibungen in verschiedenen Sprachen wie Chinesisch, Arabisch, Hebräisch, Deutsch, Latein usw. gehalten. Dabei erwies sich der Ansatz, die verschiedenen Sprachen – und nicht „Nationalphilosophien“ – in den Mittelpunkt der Forschungen zu stellen, als besonders fruchtbar. Für die Publikation wurde eine erste Materialsammlung erstellt zu unterschiedlichen Geschichten der Philosophie in verschiedenen Sprachen, die zum Ausgangspunkt für das ein Jahr später bewilligte Koselleck-Projekt wurde.

Seit 2019 ist im Rahmen aufwendiger Recherchen, die vor allem auf der Grundlage digitalisierter Bibliothekskataloge durchgeführt werden konnte, eine bibliographische Sammlung von Geschichten verschiedener Philosophien in derzeit 18 Sprachen entstanden. Erst während der Forschungstätigkeit wurde klar, dass mit den bibliographischen Sammlungen in verschiedenen Sprachen, die noch lange nicht abgeschlossen sind, die Literaturbasis eines bestimmten Forschungsgebietes in der Philosophie vollständig neu konzipiert und global erweitert wurde und wird. Dieses Forschungsgebiet ist dem deutschsprachigen Publikum spätestens mit der Übersetzung von Lucien Brauns (1923-2020) „Histoire de l’histoire de la philosophie“ (Paris 1973) durch Franz Martin Wimmer unter dem Titel „Geschichte der Philosophiegeschichte“ (Darmstadt 1990) bekannt gemacht worden. Wimmer hat zudem seit seinem Buch „Interkulturelle Philosophie“ (Wien 1990) die Frage nach Geschichte der Philosophiegeschichtsschreibung in interkultureller Perspektive verfolgt und erweitert.

Bei weiteren Recherchen stellte sich heraus, dass dieses Forschungsgebiet bereits im 17. Jahrhundert erstmals im protestantisch-deutschsprachigen Bereich etabliert wurde. In dem Buch „De Scriptoribus Historiae Philosophicae Libri IV“ sondiert und beschreibt Johannes Jonsius (1624-1659) die Philosophiegeschichtsschreibungen, die ihm damals vorlagen. Das damals ganz neue Forschungsgebiet wurde dann in deutscher Sprache weiter entwickelt bei Christoph August Heumann (1681-1764) in verschiedenen Beiträgen zu seinen „Acta philosophorum, das ist gründliche Nachrichten aus der historia philosophica“ (1715-1725), bei Elias Schmersahl (1719-1775) in seinem Buch „Historie der Weltweisheit überhaupt. Nebst einem Vorbericht von den bisherigen Verfassern dieser Historie“ (Zelle 1744), bei Michael Hißmann (1752-1784) „Anleitung zur Kenntnis der auserlesenen Literatur in allen Theilen der Philosophie“ (Göttingen 1778), bei Johann Andreas Ortloff (1769-1828) „Handbuch der Literatur der Geschichte der Philosophie“ (Erlangen 1798), bei Johann Heinrich Ernesti (1755-1836) „Encyclopädisches Handbuch einer allgemeinen Geschichte der Philosophie und ihrer Literatur“ (Lemgo 1807) und bei Johannes Freyer (1887-1969) „Geschichte der Geschichte der Philosophie“ (1911).

Die Überblicksdarstellungen zur Philosophiegeschichtsschreibung bestehen bei Jonsius und Heumann vor allem aus europäischen Autoren. Bei Schmersahl, Hißmann, Ortloff und Ernesti werden hingegen zahlreiche außereuropäische Philosophien ausdrücklich einbezogen. Diese Tradition der selbstverständlichen Einbeziehung außereuropäischer Philosophien bricht spätestens in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa ab. Freyers Darstellung geht nur noch auf die europäische Philosophiegeschichtsschreibung ein. Auch in den Darstellungen in Brauns „Histoire de l’histoire de la philosophie“, in den Bänden von Martial Gueroults „Histoire de l’histoire de la philosophie“ (1984-92) und im umfangreichsten Werk zur Geschichte der Philosophiegeschichtsschreibung in mehreren Bänden, der „Storia delle storie generali della filosofia“ (1981-2004), initiiert von Giovanni Santinello, werden allein die auf die europäische Philosophie bezogenen Geschichtsschreibungen analysiert.

Die Forschungen im Koselleck-Projekt haben das Forschungsfeld „Geschichten der Philosophiegeschichtsschreibung“ – aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen in den genannten Publikationen – in Bezug auf die Literaturbasis wesentlich erweitert und bis in das Jahr 2020 weitergeführt. Bei den Sondierungen haben sich bisher vier große Gebiete der Philosophiegeschichtsschreibung ergeben, die jeweils anders zu behandeln sind:

1. Philosophiegeschichtsschreibungen, die ab dem 5. Jahrhundert v. u. Z. bis ins 14. Jahrhundert in verschiedenen Sprachen entstanden sind und in denen nicht notwendig das Wort „Philosophie“ vorkommt, sondern philosophisch reflektierende Denktraditionen in ihrer Verschiedenheit und Entstehung beobachtet werden. Bisher werden Schriften in folgenden Sprachen sondiert: Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Persisch, Sanskrit, Tibetisch. Für das

Altgriechische,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/altgriechisch/

Arabische,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/arabisch/10-14-jahrhundert/

Persische

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/persisch/9-bis-17-jahrhundert/

und

Tibetische

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/tibetisch/

liegen bereits Listen vor. Für das Chinesische und Sanskrit zeichnen sich umfangreiche Listen ab, die ganz neue Fragen für die antiken Philosophiegeschichtsschreibungen aufwerfen werden.

 

2. Philosophiegeschichtsschreibungen in verschiedenen Sprachen zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, die explizit eine Geschichte der „Philosophie“ bzw. des „Denkens“ bieten wollen. Bisher wurden einbezogen: Deutsch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/deutsch/15-18-jh/

 Englisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/englisch/16-bis-18-jahrhundert/

 Französisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/franzoesisch/16-bis-18-jahrhundert/

 Italienisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/italienisch/17-18-jahrhundert/

 Japanisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/japanisch/19-jahrhundert/

 Latein,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/latein/

Persisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/persisch/19-jahrhundert/

 Portugiesisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/portugiesisch/18-und-19-jahrhundert/

 Russisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/russisch/19-jahrhundert/

 Spanisch,

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/spanisch/18-19-jahrhundert/

 Türkisch.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/tuerkisch/19-jahrhundert/

Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert bilden sich verschiedene Traditionen der Philosophiegeschichtsschreibung, wobei vor allem die deutschsprachigen Geschichten im 18. und 19. Jahrhundert besonders zahlreich sind und daran mitwirken, dass die Philosophie als ein eigenes Fach an den Universitäten ein Profil gewinnt.

 

3. Ab dem 20. Jahrhundert werden die Philosophiegeschichten in verschiedenen Sprachen weltweit immer zahlreicher und umfassen ein immer breiteres Themenspektrum. In diesem Zeitraum ist insbesondere eine „Nationalisierung“ der Philosophiegeschichten zu beobachten, so dass Geschichten der deutschen, französischen, englischen, spanischen, japanischen, indischen, chinesischen, äthiopischen, mexikanischen usw. Philosophie geschrieben werden. Die bisher einbezogenen Sprachen werden weiter unten einzeln vorgestellt.

 

4. Philosophiegeschichtsschreibungen, die die Geschichte der Philosophie seit dem 20. Jahrhundert versuchen in globaler Perspektive darzustellen. Bisher wurden Publikationen in 11 verschiedenen Sprachen gesammelt: Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Koreanisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Türkisch. Auch dieser Bereich soll anhand der einzelnen Sprachen weiter unten kurz charakterisiert werden.

 

Philosophiegeschichten in verschiedenen Sprachen

Während der Sammeltätigkeit zu den genannten Zeitperioden wurde immer klarer, dass sich in verschiedenen Sprachen sehr vielfältige Geschichtsschreibungen zu unterschiedlichen Philosophien entwickelt haben. In fortlaufenden Diskussionen über die möglichen Einteilungs- und Benennungsformen der gefundenen Philosophiegeschichten, zeichnet sich inzwischen allein aufgrund der Diskurse zur Philosophiegeschichte in den verschiedenen Sprachen eine deutlich erweiterte „Ordnung des Wissens“ für die Geschichte der Philosophie ab. Die alte Frage, ob es sich dabei um eine „Geschichte der Philosophie“ oder um „Geschichten der Philosophien“ handelt, muss auf der Grundlage des neuen Materials vertieft und radikalisiert diskutiert werden und wird nicht mehr auf der Grundlage einer dialektisch-teleologisch operierenden Philosophiegeschichte im Sinne Hegels gelöst werden können. Es wird auch nicht mehr möglich sein, wie im 19. Jahrhundert, die außereuropäischen Philosophien mit der Begründung auszuschließen, dass es sich nicht um Philosophien handeln würde, da die Philosophie in direkter Auseinandersetzung mit der europäischen Philosophie beispielsweise in Japan, China, Korea, Indien, Afrika, Lateinamerika, der arabischen Welt usw. seit über 150 Jahren weiterentwickelt wurde unter anderem in vielfältigen Philosophiegeschichtsschreibungen z. B. in japanischer, chinesischer oder koreanischer Sprache. Es geht nicht mehr um „alte Weisheitstraditionen“ in Asien, die zur Kenntnis zu nehmen sind, sondern auch um horizonterweiternde Transformationen der europäischen Philosophie in verschiedenen außereuropäischen Sprachen.

Vergleicht man beispielsweise die deutschsprachige und japanischsprachige Philosophie, so kann festgestellt werden, dass das Deutsche um 1750 zu einer ernstzunehmenden Sprache der europäischen Philosophie geworden ist. Das Japanische wurde ab den 1870er Jahren ausgehend von der Rezeption europäischer Philosophie zu einer Sprache der Philosophie, wobei dies in Europa und den USA erst heute stärker bemerkt wird. Die Sprachen der Philosophie haben selbst eine jeweilige Geschichte, die für die europäischen Sprachen wie Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch im Höchstfalle nicht mehr als 500 Jahre zurückreicht. Wohin genau die Forschungen führen werden, ist noch nicht abzusehen, was der Projektlinie von Koselleck-Projekten entspricht.

In den bisher gesammelten Materialien, das bereits jetzt auf der Homepage des Projekts zugänglich ist, kann beobachten werden, dass die Philosophiegeschichtsschreibung seit dem 20. Jahrhundert einen enormen Aufschwung in verschiedenen Sprachen erfahren hat, die jetzt in alphabethischer Reihenfolge – insofern die Listen auf der Homepage zugänglich sind – vorgestellt werden sollen. Die folgende Darstellung weist dabei nur auf einige wenige Ergebnisse hin, die sich bereits jetzt aus den Materialien ablesen lassen.

 

Die arabischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung seit dem 20. Jahrhundert ist im Vergleich zu anderen Sprachen wie Japanisch oder Chinesisch relativ übersichtlich. Die meisten Publikationen sind erschienen zum Bereich der islamischen bzw. arabisch-islamischen Geschichte der Philosophie. Bemerkenswert ist die Literatur zur Geschichte der griechischen Philosophie, in der vor allem auch die „orientalischen“ Quellen der griechischen Philosophie ausführlicher dargestellt werden. Darüber hinaus ist in neuerer Zeit eine Tendenz zur nationalen Philosophiegeschichtsschreibung bspw. zur libanesischen, algerischen, marokkanischen, tunesischen und syrischen Philosophie zu beobachten.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/arabisch/

 

Die chinesischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung seit dem 20. Jahrhundert ist eine der bisher umfangreichsten Versuche, verschiedene Geschichten der unterschiedlichen Philosophien darzustellen. Vor allem die Geschichte der chinesischen Philosophie wurde auf Chinesisch in einer Differenziertheit geschichtlich aufgearbeitet, wie es in keiner anderen Sprache zuvor geschehen ist. Hierzu gehören neben den zahlreichen Epochendarstellungen auch die Darstellungen zur Geschichte der konfuzianischen, daoistischen und buddhistischen Philosophie. Auch die europäische Geschichte der Philosophie ist umfangreich aufgearbeitet, wobei außerdem spezielle Geschichten der islamischen, jüdischen, deutschen, französischen, marxistischen usw. Philosophie zu finden sind. Ebenso existieren Geschichten der Philosophie für die „chinesischen Minderheiten“, die in Europa nahezu unbekannt sind. Diese Geschichtsschreibungen bieten ein breites und komplexes Diskussionsfeld über die verschiedenen Felder der Philosophiegeschichte.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/chinesisch/

 

Die deutschsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt am Anfang des 18. Jahrhunderts. Es ist schon seit längerem bekannt, dass durch die Geschichtsschreibungen zur Philosophie in deutscher Sprache im 18. und 19. Jahrhundert die Philosophie als eine Fachdisziplin an den Universitäten etabliert werden konnte. Die italienischsprachige, englischsprachige und spanischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung wurde wesentlich von der deutschsprachigen mitgeprägt. Für die Nachzeichnung und Interpretation dieser Entwicklungen ist das Buch von Ulrich Johannes Scheider „Philosophie und Universität. Historisierung der Vernunft im 19. Jahrhundert“ (Hamburg 1999) bis heute wegweisend. Neben der Literatur zur Geschichte der europäischen Philosophie sind ab dem 19. Jahrhundert ausgehend von verschiedenen Philologien zudem Philosophiegeschichten zur indischen, chinesischen, japanischen, jüdischen, arabischen, buddhistischen usw. Philosophie in deutscher Sprache entstanden.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/deutsch/

 

Die englischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung hat sich seit dem 19. Jahrhundert besonders im Bereich der europäischen Geschichte der Philosophie stark entwickelt. Ab dem 20. Jahrhundert und bis in die neuere Zeit hinein, hat sich das Gebiet „Geschichte der Philosophie“ vor allem in den USA enorm erweitert. Es ist nicht nur eine sehr umfangreiche und differenzierte Geschichtsschreibung zur europäischen Philosophie, sondern auch zur afrikanischen, lateinamerikanischen, afroamerikanischen, karibischen, nordamerikanischen, buddhistischen, islamischen, jüdischen, chinesischen, indischen, mexikanischen usw. Philosophie entstanden. Die englischsprachige Literatur ist derzeit in Bezug auf die kontextuelle Differenzierung die umfangreichste, die derzeit zudem stark wächst. Es ist dabei zu bemerken, dass die „American Philosophical Association“ (https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/lehre-und-forschung/zeitschriften-nord-amerika/nordamerika/) seit gut 20 Jahren die Diversität in der Philosophie nachdrücklich fördert und unterstützte.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/englisch/

 

Die französischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt im 17. und 18. Jahrhundert deutliche Konturen anzunehmen. Ähnlich wie die deutschsprachige Geschichtsschreibung differenziert sich die französischsprachige im 19. Jahrhundert für die europäische Philosophie in starkem Maße aus. Für das 20. Jahrhundert wird diese Entwicklung für die europäische Philosophie fortgesetzt. Abe dem 20. Jahrhundert erscheint eine zunehmend umfangreiche Literatur zur afrikanischen Philosophie hinzu ebenso wie Geschichten der indischen, chinesischen, jüdischen, islamischen usw. Philosophie.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/franzoesisch/

 

Die italienischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt mit vereinzelten Beiträgen bereits im 17. und 18. Jahrhundert und entfaltet sich dann stark im 19. Jahrhundert in Bezug auf die Geschichte der europäischen Philosophie. Diese Tendenz setzte sich soweit fort, dass bisher – im Vergleich zu allen anderen Sprachen – in italienischer Sprache die wohl größte Anzahl von Geschichten der europäischen Philosophie publiziert wurde. In fast jedem Jahr zwischen 1900 und 2020 sind teilweise mehrbändige Geschichten der europäischen Philosophie in italienischer Sprache erschienen. Diese starke Ausrichtung der italienischsprachigen Philosophie auf die Philosophiegeschichtsschreibung erklärt, warum in italienischer Sprache auch die umfangreichste Geschichte der Philosophiegeschichtsschreibung (vgl. Santinello) erschienen ist. Neben dieser besonderen Ausrichtung ist die umfangreiche Literatur zur jüdischen, indischen, islamischen und chinesischen Philosophie hervorzuheben.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/italienisch/

 

Die japanischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt bereits im 19. Jahrhundert. In japanischer Sprache wurden schon in dieser Zeit Übersetzungsterminologien geschaffen, die Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl in China als auch in Korea rezipiert wurden. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich ein breites Spektrum der Philosophiegeschichtsschreibungen insbesondere auch für die Geschichte der europäischen Philosophie. Daneben sind zahlreichen Geschichten der buddhistischen, ostasiatischen, chinesischen, und konfuzianischen Philosophie entstanden. Einen besonderen Bereich bildet die Geschichte der japanischen Philosophie bzw. des japanischen Denkens, die in großer Differenziertheit in den verschiedenen Epochen dargestellt wird. Daneben sind besonderes die vielen Geschichten der Ethik hervorzuheben, die deutlich andere Akzente setzen, als wir das in europäischen Geschichten der Ethik gewohnt sind.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/japanisch/

 

Die koreanischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt im eigentlichen Sinne erst nach 1945. In fast 80 Jahren ist eine beachtliche Literatur zu Philosophiegeschichte nicht nur der europäischen, sondern auch der buddhistischen, christlichen, konfuzianischen, chinesischen, indischen, japanischen oder deutschen Philosophie entstanden. Auf Koreanisch hat sich zudem eine Umfangreiche Literatur zur koreanischen Philosophie entwickelt, die ebenfalls nach koreanischen Geschichtsepochen differenziert ist. Durch die erstmals für die koreanische Sprache durchgeführte Sammlung wird deutlich, wie stark sich die Philosophie im modernen Korea in nur kurzer Zeit entwickelt hat. Korea kann damit seine Stellung in der Philosophie neben China und Japan sehr deutlich behaupten.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/koreanisch/

 

Die persischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung seit dem 20. Jahrhundert bezieht sich vor allem auf die Geschichte der europäischen Philosophie und auf die Geschichte der islamisch-iranischen Philosophie. Zudem ist ein Zweig zur Geschichte der modernen iranischen Philosophie entstanden.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/persisch/

 

Die polnischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt bereits im 19. Jahrhundert mit einigen Titeln. Im 20. Jahrhundert entwickelt sich dann ein breites Spektrum nicht nur zur Geschichte der europäischen Philosophie, sondern auch zu verschiedenen Philosophien in Asien. Einen besonderen Bereich bildet die Geschichte der polnischen Philosophie, die in sonst keiner Sprache so ausführlich dargestellt worden ist.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/polnisch/

 

Die portugiesischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt im 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert entstehen zahlreiche weiteren Geschichten der europäischen Philosophie. Als Besonderheiten sind die Geschichten der portugiesischen und der brasilianischen Philosophie hervorzuheben.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/portugiesisch/

 

Die russischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt im 18. Jahrhundert mit vereinzelten Werken zur europäischen Philosophie, was im 19. Jahrhundert vor allem unter deutschem Einfluss stark ausgebaut wurde. Im 20. Jahrhundert entsteht dann ein breit gefächertes Feld von Geschichtsschreibungen nicht nur zur europäischen Philosophie, sondern zur buddhistischen, islamischen, armenischen, aserbaidschanischen, chinesischen, indischen, japanischen, kasachischen, tartarischen, usbekischen usw. Philosophie. Es lässt sich gut erkennen, wie bestimmte geographische Gebiete erstmalig im Rahmen einer Philosophiegeschichtsschreibung auftauchen. Besonders hervorzuheben sind die Philosophiegeschichten zur marxistischen und zur bürgerlichen Philosophie, eine Unterscheidung, die auf politische Gründe zurückgeht. Gerade in der russischen Philosophiegeschichtsschreibung lassen sich aufgrund der historischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert, aber aufgrund der geografischen Ausdehnung Russlands bis weit nach Asien, viele interessante Unterschiede zur westeuropäischen Tradition beobachten.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/russisch/

 

Die spanischsprachigen Philosophiegeschichten beginnen im 18. Jahrhundert. Für das 20. Jahrhundert ist festzustellen, dass eine große Zahl an Geschichten der europäischen Philosophie erschienen ist. Eine Besonderheit der spanischsprachigen Philosophiegeschichtsschreibung sind die zahlreichen Geschichten der lateinamerikanischen Philosophie sowie indigener Philosophien oder zur karibischen Philosophie. Darüber hinaus entstanden zahlreiche nationale Philosophiegeschichten, wie der argentinischen, bolivianischen, brasilianischen, chilenischen, costaricanischen, dominikanischen, ecuadorianischen, kolumbischen, kubanischen, mexikanischen, nicaraguanischen, paraguayischen, puertoricanischen, salvadorianischen, uruguayischen, venezolanischen und besonders auch zur spanischen Philosophie. Auch Geschichtsschreibungen zur buddhistischen, islamischen und jüdischen Philosophie sind zu verzeichnen. Diese Vielfalt der Philosophiegeschichtsschreibungen in spanischer Sprache, die sich aus unserer Sammlung ergibt, ist bisher noch nie deutlich gemacht worden. Die Sammlung zeigt auch, wie das Spanische als Kolonialsprache in Lateinamerika zum Medium zahlreicher Philosophiegeschichtsschreibungen geworden ist.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/spanisch/

 

Die türkischsprachige Philosophiegeschichtsschreibung beginnt im 19. Jahrhundert und erfährt ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts einen deutlichen Aufschwung. Dabei haben sich vor allem drei größere Bereiche entwickelt: Geschichten der islamischen, der türkischen und der europäischen Philosophie. Dabei sind vor allem die Geschichten zur türkischen Philosophie hervorzuheben, die in neuerer Zeit auch „Geschichten der osmanischen Philosophie“ heißen. Ebenso wie in anderen Sprachen fördert die Philosophiegeschichtsschreibung in türkischer Sprache die Historisierung der eigenen Denkgeschichte.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/tuerkisch/

 

 

Aus den Feldern zur Philosophiegeschichtsschreibung, die in den verschiedenen Sprachen entstanden sind, lassen sich etliche Tendenzen ablesen. Eine zentrale Einsicht ist, dass im 20. Jahrhundert die Philosophiegeschichtsschreibung weltweit eine Welle der Nationalisierung erfahren hat, in denen autochthone Denktraditionen im Rahmen einer jeweiligen „Philosophiegeschichte“ historisiert wurden. Ein ähnlicher Prozess zeigte sich auch für die europäische Philosophie in den verschiedenen Sprachen seit dem 17. Jahrhundert. Es kann dokumentiert werden, dass im Rahmen der Philosophiegeschichtsschreibungen „intellektuelle Identitäten“ erzeugt wurden. Im Fall der europäischen Philosophie ging diese erzeugte Identität mit einem Anspruch auf eine weltweite Führungsrolle einher, wie u.a. in der Philosophiegeschichte Hegels deutlich zu sehen ist. Dass in den letzten Jahrzehnten in China große Anstrengungen auf dem Feld der Philosophiegeschichtsschreibung unternommen wurden, zeugt von einem neuen Anspruch Chinas, eine führende Rolle in der globalen Geschichte des Denkens einzunehmen. Philosophiegeschichtsschreibung ist damit in vielen Fällen mehr oder weniger verdeckt auch ein Akt politischer Selbstbehauptung. Hier zeigt sich, was in den Geschichtswissenschaften schon länger diskutiert wird, dass Geschichtsschreibungen immer auch – und sei es nur untergründig – mit bestimmten politischen Interessen verbunden sind. Darüber hinaus zeigen die verschiedensprachlichen Philosophiegeschichten alternative Deutungsmuster dieser Geschichte auf, die noch lange nicht in ihren möglichen Konsequenzen gesichtet worden sind. Es scheint überaus wichtig zu sein, die verschiedenen Ebenen bei der weiteren Erforschung der Materialien im Blick zu behalten. Eines ist nach den bisherigen Forschungen sicher: Die Geschichte der Philosophie kann in Zukunft in der universitären Lehre nicht mehr auf Europa beschränkt bleiben.

 

 

Globale Philosophiegeschichte

 

Um die möglichen Erweiterungen der Philosophiegeschichte systematische zu erforschen, sind im Koselleck-Projekt auch die bisherigen Buchpublikationen zu „globalen Philosophiegeschichten“ gesondert gesammelt worden. Die bereits jetzt umfangreiche Sammlung kann im Folgenden nur an ausgewählten Beispielen vorgestellt werden.

In deutscher Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-deutsch/

liegen derzeit 13 global orientierte Philosophiegeschichten vor unter anderem von Karl Jaspers, Kurt Schilling und Ernst Sandvoss. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts findet eine bemerkenswerte Neuausrichtung statt, die hier eine kurze Erwähnung finden soll: 1909 erschien erstmalig der Band Allgemeine Geschichte der Philosophie, der unter anderem von Wilhelm Wundt herausgeben wurde. Der Inhalt des Bandes umfasste die folgenden Themen, dargestellt in Form von Aufsätzen: Wilhelm Wundt, Philosophie der Primitiven Völker; Hermann Oldenberg, Die indische Philosophie; Wilhelm Grube, Die chinesische Philosophie; Tetsujiro Inouye, Die japanische Philosophie; Hans von Arnim, Die europäische Philosophie des Altertums; Clemens Baeumker, Die patristische Philosophie; Ignaz Goldziher, Die islamische und die jüdische Philosophie des Mittelalters; Clemens Baeumker, Die christliche Philosophie des Mittelalters; Wilhelm Windelband, Die Neuere Philosophie. Für diese Publikation ist besonders hervorzuheben, das mit Inouyes Text, der von 1884-1890 in Heidelberg und Leipzig Philosophie studiert hatte, erstmalig ein moderner japanischer Philosoph selbst die „japanischen Philosophie“ vorstellte.

 

In russischer Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/russisch/

liegen derzeit 12 global orientierte Philosophiegeschichten vor. Insbesondere sticht eine mehrbändige Geschichte der Philosophie hervor, die aus der Perspektive des historischen Materialismus die Weltgeschichte der Philosophie darstellt und in verschiedene Sprachen übersetzt worden ist: Академия Наук СССР, Ин-т Филос.; под ред. М.А. Дынник, М.Т. Иовчук, Б.М. Кедров и др.: История философии: В 6 томах. Москва : АН СССР , 1957-1965. [Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Dynnik, M.A., et al [Hrsg.]: Geschichte der Philosophie in 6 Bänden Moskau: AN SSSR 1957-1965; Übers. ins Deutsche 1960-1967, Chinesische 1961-1962, Spanische 1960 und Koreanische 2012].

 

In französischer Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-franzoesisch/

liegen nur zwei Versuche einer global orientierten Darstellung der Philosophie bzw. Philosophiegeschichte vor. Hier ist insbesondere die Encyclopédie Philosophique Universelle, die von 1989 bis 1998 im Auftrag der UNESCO in Paris erschienen ist. Diese setzt für die globale Philosophiegeschichtsschreibung einen ganz neuen und an pragmatischen Grundsätzen orientieren Rahmen. Die Enzyklopädie ist wie folgt aufgebaut: 1. L’Univers Philosophique (1989); 2. Les Notions Philosophique – Dictionnaire (zwei Bände) (1990); 3. Les Œuvres Philosophique – Dictionnaire (zwei Bände) (1992); 4. Le Discours Philosophique (1998).[1] Der 1. Band führt in einem sehr weitgefassten Rahmen in die Problemfelder der Philosophie ein, wobei die Philosophie grundsätzlich in globaler Perspektive behandelt wird. Der 2. Band, unterteilt in zwei Teilbände, ist ein philosophisches Begriffslexikon, das drei Abschnitte umfasst: 1. Philosophie Occidentale, 2. Pensées Asiatiques (Inde, Chine, Japon), 3. Conceptualisation des Sociétés Traditionelles. Die Differenzierung und die Konzeption bietet somit einen neuen Ansatz, um auf sprachlicher Ebene philosophische Begriffe in unterschiedlichen Kulturkontexten zu thematisieren, ohne dass dabei Differenzen nivelliert werden, aber auch nicht nur die großen Traditionen in Europa und Asien einbezogen werden. Der 3. Band, ebenfalls unterteilt in zwei Teilbände, ist ein philosophisches Werklexikon, dass wie folgt aufgebaut ist: 1. Philosophie Occidentale (Antiquité, Moyen Age, Renaissance, Age Classique, Modernité, Essor des sciences humaines, Pensée contemporaine), 2. Pensées Asiatique (Inde, Chine, Japan, Corée), 3. Conceptualisation des Sociétiés Traditionelles (Afrique, Amérique, Asie du Sud-Est, Europe, Océanie). Dieses Lexikon bietet erstmalig in großer Fülle eine Zusammenschau „philosophischer” Werke aus den verschiedensten Traditionen der Welt. Allein der Teil über Asien bietet Informationen, die bisher in keinem anderen westlichen Lexikon zugänglich sind. Der 4. Band thematisiert den Diskurs der Philosophie im Allgemeinen und in globaler Perspektive. Beginnend mit der Analyse verschiedener Sprachen und ihrer Bedeutung für den philosophischen Diskurs, folgt eine ausführliche Thematisierung unterschiedlichster Nationalphilosophien. In weiteren Sektionen werden das Übersetzungsproblem und die Fragen der philosophischen Komparatistik erörtert. Daran anschließend werden Analysen zur Bedeutung der Textualität in globaler Perspektive durchgeführt. Das Lexikon entwirft in einem breit angelegten Versuch eine Neuorientierung des gesamten philosophischen Diskurses in globaler Perspektive. Dabei ist vor allem das hohe methodische Bewusstsein bemerkenswert, durch das die verschiedenen Ebenen der Diskurse in hoher Differenzierung und jenseits verengter Zentrismen durchgeführt werden. In vielerlei Hinsicht ist diese Enzyklopädie noch immer eine Ausnahmeerscheinung und liefert Ausgangspunkte für vielfältige Überlegungen zur Neukonzeption einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung.

 

In englischer Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-englisch/

liegen derzeit 21 global orientierte Philosophiegeschichten vor und damit die größte Anzahl im Vergleich zu allen anderen Sprachen. In den letzten zwanzig Jahren kann man gar von einem Boom in der globalen Philosophiegeschichtsschreibung sprechen. Aus den zahlreichen Publikationen möchte ich hier nur eine hervorheben. Ninian Smart (1927-2001), britischer Religionswissenschaftler, veröffentlichte im Jahr 1998 das Buch World philosophies, das 2002 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Seine Darstellung der globalen Philosophiegeschichte ist insgesamt regional aufgeteilt und erfasst unter geographischen Aspekten fast die gesamte Welt, nur Australien und Polynesien erhalten keine eigene Darstellung. Neben der regionalen Einteilung ist die Darstellung zugleich historisch differenziert, so dass auch moderne Entwicklungen einbezogen werden. Das Inhaltsverzeichnis gliedert die Themen wie folgt: 1.  The history of the world and our philosophical inheritance, 2. South Asian philosophies, 3. Chinese philosophies, 4. Korean philosophies, 5. Japanese philosophies, 6. Philosophies of Greece, Rome and the Near East, 7.  Islamic philosophies, 8. Jewish philosophies, 9. Europe, 10. North America, 11. Latin America, 12. Modern Islam, 13. Modern South and South-east Asia, 14. China, Korea and Japan in modern times, 15. African philosophies, 16. Concluding reflections. Da dieses Werk auch ins Deutsche übersetzt wurde, ist es die einzige umfassende Darstellung der Philosophiegeschichte in globaler Perspektive in deutscher Sprache nach 1990.

Für die englische Sprache sei an dieser Stelle noch auf das digitale Projekt von Peter Adamson (LMU München) verwiesen, der in einem Podcast unter dem Titel „History of Philosophy without any gaps“

https://historyofphilosophy.net/

seit 2010 fortlaufend neue Felder der Philosophiegeschichte in globaler Perspektive aufarbeitet.

 

In italienischer Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-italienisch/

liegen derzeit sechs global orientierte Philosophiegeschichten vor. Es ist vor allem der Beitrag von Virgilio Melchiorre (Hg.) Filosofie nel mondo (Milano 2014) hervorzuheben. Melchiorre behandelt zunächst die „okzidentale“ und die analytische Philosophie. Danach folgen weitere Kapitel zur russischen, islamischen, jüdischen, chinesischen, lateinamerikanischen, afrikanischen, indischen und japanischen Philosophie. Jeder geographische Bereich wird in der Zeitspanne von der Antike bis zur Gegenwart von unterschiedlichen Personen vorgestellt.

 

In japanischer Sprache

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-japanisch/

wurden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts 18 Versuche zur globalen Philosophiegeschichte publiziert. Der jüngste Versuch einer umfassenden Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive stammt aus dem Jahr 2020: 伊藤邦武・山内志郎・中島隆博・納富信留 『世界哲学史』8巻、東京、筑摩書房 (ITŌ Kunitake / YAMAUCHI Shirō / NAKAJIMA Takahiro / NŌTOMI Noburu: Globale Geschichte der Philosophie. 8 Bde. Tokyo: Chikuma Shobō, 2020.) Hier versucht eine Gruppe japanischer Philosophen und Philosophinnen das Feld „World Philosophy“, wie sie es nennen, neu zu strukturieren und darzustellen. Sie beziehen ein weites Feld von Philosophien ein – das Inhaltsverzeichnis ist hier in deutscher Sprache einzusehen.

https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/globalgeschichten-japanisch/2020-itoo-et-al/

Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung europäischer und asiatischer Denktraditionen. Am schwächsten fällt die Beschreibung der afrikanischen Philosophie aus; Philosophien in Lateinamerika fehlen gänzlich. Wie in vielen anderen Darstellungen zeigt sich hier eine geographische Zentrierung, aus der bestimmte Bereiche aus dem Blick geraten. Ein Ergebnis unserer Untersuchungen ist, dass sich in den verschiedenen Philosophiegeschichtsschreibungen Tendenzen zu verschiedenen Zentrismen zeigen und sich dieses Phänomen nicht nur für Europa beobachten lässt. In Geschichten der Philosophie, die in einzelnen Sprachen geschrieben werden, werden insbesondere auch die geschichtlichen Denktraditionen, die sich in den Sprachen entwickelt haben, besonders berücksichtigt.

 

 

Fazit

 

Die heutige Philosophiegeschichtsschreibung ist im Umbruch begriffen, da sich im 20. Jahrhundert eine Fülle von neuen Perspektiven ergeben haben. Dies zeigt auch das größte deutschsprachige Projekt zur Philosophiegeschichtsschreibung nach dem 2. Weltkrieg, Der Ueberweg. Grundriss der Geschichte der Philosophie, der damit begonnen hat, die Bände für das 20. Jahrhundert zu planen auch in globaler Perspektive. Die weiteren Forschungen im Koselleck-Projekt werden sich der systematischen Erschließung der neu gewonnenen Literaturbasis widmen, die auch durch eine digitale Datenbank erschlossen werden soll. In Zusammenarbeit mit den digital humanities an der Universität Florida sollen die Daten animiert zugänglich und systematisch durchsuchbar werden. Zwei weitere Themenfelder, die im Rahmen der Forschungen derzeit bearbeitet werden sind Frauen in der außereuropäischen Philosophie und die Philosophien oraler Traditionen in Afrika und Lateinamerika. Schon bald wird zudem ein größeres Ergebnis der Diskussionen veröffentlicht werden können, denn Anke Graneß hat ihre Habilitationschrift Propädeutik zu einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung: Afrika als Zukunftsmodell im SS 2021 an der Universität Hildesheim eingereicht. Im Kontext afrikanischer Philosophie erarbeitet Graneß wesentliche Methoden und Horizonte, die eine zukünftige, global orientierte Philosophiegeschichtsschreibung ermöglichen sollen.

 


[1] Alle Bände wurden unter der Leitung von André Jacob herausgegeben.







© Information Philosophie     Impressum     Datenschutz     Kontakt