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01 2021

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Gregor Schiemann:
Das kommende Nichts

aus: Heft 1/2021, S. 18-28
 
Die begriffliche Bestimmung des Nichts wird sich im Folgenden nicht auf die Diskussion der notorischen Unbestimmbarkeit der unanschaulichen Gehalte des Ausdruckes beschränken, sondern ihn auch auf Phänomene der Erfahrung beziehen. Insofern das Substantiv „Nichts“ und seine grammatisch bestimmte Form, „das Nichts“, die absolute Negation anzeigen, lässt sich ihnen keine Beschaffenheit, keine existierende Entität und kein denkbarer Gegenstand zuordnen – die Ausdrücke sind inhaltlich in jeder Hinsicht völlig unbestimmt: Sie negieren bzw. widersprechen sich selbst und können nicht sein. Doch dies ist nur eine der in der Philosophie diskutierten Verwendungen der Ausdrücke.
 
Nichts oder das Nichts meint auch die Negation von etwas Bestimmtem. Zum Beispiel ist der Tod als Negation des Lebens ein Nichts. Oder: In der Langeweile kann ein Nichts als innere Leere der Erfahrung auftreten. Diese Bedeutungen des Nichts unterstellen seine Existenz. Wer möchte bestreiten, dass der Tod oder die Langeweile real sind? Zugleich meint aber der Tod auch, dass ein Lebendes nicht mehr existiert und keinerlei Bestimmungen mehr hat. Oder der Begriff der Langeweile unterstellt auch, dass für das Subjekt, solange es sich in dieser Stimmung befindet, keine Erfahrung mit einem spezifischen Inhalt existiert. Die Unbestimmtheit der absoluten Negation schwingt bei der relativen Negation also mit.
 
Die Auffassung, dass das Nichts wie das Sein existiert, geht im westlichen Denken auf den antiken Philosophen Demokrit zurück. In seiner Materietheorie denkt er sich das Sein aus Atomen zusammengesetzt, die sich im leeren Raum befinden. Den leeren Raum identifiziert er mit dem Nichts, ohne das es keine e    Atome geben kann – Sein und Nichts existieren für Demokrit in gleicher Weise.
Die Annahme der Existenz des Nichts gestattet die philosophische Begründung einer dynamischen Bedeutung. Das Nichts bezeichnet darin einen Grenzbegriff, der eine sukzessive Verminderung des Seins beschreibt, die zu seiner Vernichtung führt. Der Tod kann etwa als Vollendung eines Nichts eintreten, das sich im fortschreitenden Nachlassen der natürlichen und geistigen Kräfte zur Geltung bringt. Das Leben wird vermindert, bis es gänzlich verschwindet und – wie man sagt – nicht mehr ist.
 
Mit der relativen Bedeutung des Nichts erweitert sich der Umfang der Thematisierung des Nichts allerdings ins Unermessliche. Jedes Etwas kann negiert und die Negation dem Nichts zugeschlagen werden. Jede Abwesenheit, jede nicht realisierte Möglichkeit, jede Veränderung, jeder Zwischenraum lässt sich als Nichts auffassen. Die Abwesenheit einer Person ist die Negation ihrer Gegenwart, ein Ortswechsel heißt, nicht mehr an einem Ort zu sein usw. Diese heraklitische Sichtweise der Wirklichkeit als einer Totalität von Gegensätzen soll hier nicht weiterverfolgt werden.
 
Stattdessen will ich den Begriff des Nichts auf Negationen beziehen, die in besonderer Hinsicht von existenzieller Bedeutung sind. Diese Phänomene haben Prozesse zum Gegenstand, die darauf hinauslaufen, menschliches Leben oder seine herkömmlichen Grundlagen zu vernichten. An ihrem Ende wird das Nichts zu einer beherrschenden Realität. Diese auf die Zukunft bezogene Dynamik soll, sofern sie sich schon voraussagen lässt, zudem den Charakter der Unvermeidlichkeit haben, d.h. die ins Nichts führenden Prozesse sollen sich durch keine heute schon als realistisch angenommene Verfahren verhindern lassen. Phänomene, die diese Bedingungen erfüllen, fasse ich unter dem Begriff des kommenden Nichts zusammen. So unterschiedlich sie sein mögen, führen sie in einen Zustand größtmöglicher Negation, von dem man – freilich nicht ohne Widerspruch – annehmen kann, dass er dem absolut Unbestimmbaren nah ist.
 
Die von mir diskutierten Phänomene des kommenden Nichts lassen sich zwei Wirklichkeitsbereichen zuordnen – der Lebenswelt und der Wissenschaft. Lebenswelt und Wissenschaft bilden fundamentale Dimensionen der menschlichen Wirklichkeit. Die Lebenswelt stellt eine elementare Form des Erlebens von Wirklichkeit dar, die sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen lässt. Wissenschaft bildet die führende Form der Erkenntnis und Veränderung von Wirklichkeit in der Moderne. Wissenschaftliche Welterkenntnis wird in der Regel professionell gewonnen, ist weitgehend anonymisiert, verwendet abstrakte Begriffe und ist hochspezialisiert. Lebensweltliche Erfahrung ist hingegen unprofessionell, setzt vertraute Sozialbeziehungen voraus, bezieht sich auf Gegenstände der unmittelbaren Anschauung und ist allgemein zugänglich. Der Ausdruck „Lebenswelt“, den ich von Alfred Schütz übernehme, wird seinem Spezifikum, eine Welt der Fülle des Lebens zu beinhalten, gerecht.
 
Von den nun vorzustellenden Phänomenen des kommenden Nichts stammen zwei aus der Wissenschaft und betreffen die Lebenswelt nur bedingt. Bei den Phänomenen der Wissenschaft handelt es sich um die Leere des Universums und die Sinnleere in einer entzauberten wissenschaftlichen Welt. Zu diesen Phänomenen weisen die lebensweltlichen Phänomene des kommenden Nichts einige Analogien auf. Als Erscheinungen des kommenden Nichts in der Lebenswelt fasse ich den Tod und die innere Leere der Langeweile auf. Die von der Kosmologie beschriebene kommende Leere ist auch als Sterbeprozess des Universums bezeichnet worden, so dass die Analogie zum menschlichen Tod offensichtlich ist. Mit dem Entzauberungsprozess verliert die wissenschaftliche Erkenntnis an Faszination und Reiz des Wunderbaren, woran sich auch eine Stimmung der Langeweile anschließen kann.
Keines dieser vier Phänomene kann als gesichert gelten. Nicht zuletzt gibt ihnen ihr Zukunftsbezug einen irreduzibel hypothetischen, wenn nicht sogar spekulativen Charakter. Weil seine Unvermeidbarkeit nur vermutet werden kann, lässt sich das kommende Nichts eindeutig weder nachweisen noch von anderen verwandten Phänomenen abgrenzen. Phänomene können deshalb ihre Zugehörigkeit zum kommenden Nichts verlieren oder erst noch erhalten. Diese Unbestimmtheit verstehe ich als Einladung, kritisch zu prüfen, ob es weitere Phänomene des kommenden Nichts gibt oder geben könnte. Am Ende meines Textes werde ich auf diese Fragestellung zurückkommen.
 
Kosmische Leere
 
Dass die kosmische Leere ihre Zugehörigkeit zum kommenden Nichts verliert, ist als sehr unwahrscheinlich anzusehen. Mit der Leere des Universums ist der körperfreie Raum gemeint. Körper nehmen begrenzte Raumbereiche ein und bestehen aus einer Materiemenge mit Werten über einer minimalen Diochte. Typische Körper sind Asteroiden, Monde, Planeten und Sonnen. Nach den heutigen Theorien der Physik ist der körperfreie Raum im Universum keineswegs vollständig leer. Er ist durch interplanetare, interstellare und intergalaktische Gase angefüllt. Wären sie nicht vorhanden, wäre nicht einmal das verbleibende Vakuum ganz strukturlos. Thema ist aber hier nicht das Nichts in physikalischer, sondern in existenzieller Hinsicht. Körper können unmittelbare Bedingungen von kosmischen Lebensmöglichkeiten sein, der Aufenthalt im körperfreien Raum ist hingegen, soweit man weiß, lebensfeindlich und für Menschen ohne Schutz gewiss tödlich. Die Entgegensetzung von Körper und Leere steht in der Tradition von Demokrits Differenz von Sein und Nichts.
 
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