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01 2021

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Gregor Schiemann:
Das kommende Nichts

aus: Heft 1/2021, S. 18-28
 
Die begriffliche Bestimmung des Nichts wird sich im Folgenden nicht auf die Diskussion der notorischen Unbestimmbarkeit der unanschaulichen Gehalte des Ausdruckes beschränken, sondern ihn auch auf Phänomene der Erfahrung beziehen. Insofern das Substantiv „Nichts“ und seine grammatisch bestimmte Form, „das Nichts“, die absolute Negation anzeigen, lässt sich ihnen keine Beschaffenheit, keine existierende Entität und kein denkbarer Gegenstand zuordnen – die Ausdrücke sind inhaltlich in jeder Hinsicht völlig unbestimmt: Sie negieren bzw. widersprechen sich selbst und können nicht sein. Doch dies ist nur eine der in der Philosophie diskutierten Verwendungen der Ausdrücke.
 
Nichts oder das Nichts meint auch die Negation von etwas Bestimmtem. Zum Beispiel ist der Tod als Negation des Lebens ein Nichts. Oder: In der Langeweile kann ein Nichts als innere Leere der Erfahrung auftreten. Diese Bedeutungen des Nichts unterstellen seine Existenz. Wer möchte bestreiten, dass der Tod oder die Langeweile real sind? Zugleich meint aber der Tod auch, dass ein Lebendes nicht mehr existiert und keinerlei Bestimmungen mehr hat. Oder der Begriff der Langeweile unterstellt auch, dass für das Subjekt, solange es sich in dieser Stimmung befindet, keine Erfahrung mit einem spezifischen Inhalt existiert. Die Unbestimmtheit der absoluten Negation schwingt bei der relativen Negation also mit.
 
Die Auffassung, dass das Nichts wie das Sein existiert, geht im westlichen Denken auf den antiken Philosophen Demokrit zurück. In seiner Materietheorie denkt er sich das Sein aus Atomen zusammengesetzt, die sich im leeren Raum befinden. Den leeren Raum identifiziert er mit dem Nichts, ohne das es keine e    Atome geben kann – Sein und Nichts existieren für Demokrit in gleicher Weise.
Die Annahme der Existenz des Nichts gestattet die philosophische Begründung einer dynamischen Bedeutung. Das Nichts bezeichnet darin einen Grenzbegriff, der eine sukzessive Verminderung des Seins beschreibt, die zu seiner Vernichtung führt. Der Tod kann etwa als Vollendung eines Nichts eintreten, das sich im fortschreitenden Nachlassen der natürlichen und geistigen Kräfte zur Geltung bringt. Das Leben wird vermindert, bis es gänzlich verschwindet und – wie man sagt – nicht mehr ist.
 
Mit der relativen Bedeutung des Nichts erweitert sich der Umfang der Thematisierung des Nichts allerdings ins Unermessliche. Jedes Etwas kann negiert und die Negation dem Nichts zugeschlagen werden. Jede Abwesenheit, jede nicht realisierte Möglichkeit, jede Veränderung, jeder Zwischenraum lässt sich als Nichts auffassen. Die Abwesenheit einer Person ist die Negation ihrer Gegenwart, ein Ortswechsel heißt, nicht mehr an einem Ort zu sein usw. Diese heraklitische Sichtweise der Wirklichkeit als einer Totalität von Gegensätzen soll hier nicht weiterverfolgt werden.
 
Stattdessen will ich den Begriff des Nichts auf Negationen beziehen, die in besonderer Hinsicht von existenzieller Bedeutung sind. Diese Phänomene haben Prozesse zum Gegenstand, die darauf hinauslaufen, menschliches Leben oder seine herkömmlichen Grundlagen zu vernichten. An ihrem Ende wird das Nichts zu einer beherrschenden Realität. Diese auf die Zukunft bezogene Dynamik soll, sofern sie sich schon voraussagen lässt, zudem den Charakter der Unvermeidlichkeit haben, d.h. die ins Nichts führenden Prozesse sollen sich durch keine heute schon als realistisch angenommene Verfahren verhindern lassen. Phänomene, die diese Bedingungen erfüllen, fasse ich unter dem Begriff des kommenden Nichts zusammen. So unterschiedlich sie sein mögen, führen sie in einen Zustand größtmöglicher Negation, von dem man – freilich nicht ohne Widerspruch – annehmen kann, dass er dem absolut Unbestimmbaren nah ist.
 
Die von mir diskutierten Phänomene des kommenden Nichts lassen sich zwei Wirklichkeitsbereichen zuordnen – der Lebenswelt und der Wissenschaft. Lebenswelt und Wissenschaft bilden fundamentale Dimensionen der menschlichen Wirklichkeit. Die Lebenswelt stellt eine elementare Form des Erlebens von Wirklichkeit dar, die sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen lässt. Wissenschaft bildet die führende Form der Erkenntnis und Veränderung von Wirklichkeit in der Moderne. Wissenschaftliche Welterkenntnis wird in der Regel professionell gewonnen, ist weitgehend anonymisiert, verwendet abstrakte Begriffe und ist hochspezialisiert. Lebensweltliche Erfahrung ist hingegen unprofessionell, setzt vertraute Sozialbeziehungen voraus, bezieht sich auf Gegenstände der unmittelbaren Anschauung und ist allgemein zugänglich. Der Ausdruck „Lebenswelt“, den ich von Alfred Schütz übernehme, wird seinem Spezifikum, eine Welt der Fülle des Lebens zu beinhalten, gerecht.
 
Von den nun vorzustellenden Phänomenen des kommenden Nichts stammen zwei aus der Wissenschaft und betreffen die Lebenswelt nur bedingt. Bei den Phänomenen der Wissenschaft handelt es sich um die Leere des Universums und die Sinnleere in einer entzauberten wissenschaftlichen Welt. Zu diesen Phänomenen weisen die lebensweltlichen Phänomene des kommenden Nichts einige Analogien auf. Als Erscheinungen des kommenden Nichts in der Lebenswelt fasse ich den Tod und die innere Leere der Langeweile auf. Die von der Kosmologie beschriebene kommende Leere ist auch als Sterbeprozess des Universums bezeichnet worden, so dass die Analogie zum menschlichen Tod offensichtlich ist. Mit dem Entzauberungsprozess verliert die wissenschaftliche Erkenntnis an Faszination und Reiz des Wunderbaren, woran sich auch eine Stimmung der Langeweile anschließen kann.
Keines dieser vier Phänomene kann als gesichert gelten. Nicht zuletzt gibt ihnen ihr Zukunftsbezug einen irreduzibel hypothetischen, wenn nicht sogar spekulativen Charakter. Weil seine Unvermeidbarkeit nur vermutet werden kann, lässt sich das kommende Nichts eindeutig weder nachweisen noch von anderen verwandten Phänomenen abgrenzen. Phänomene können deshalb ihre Zugehörigkeit zum kommenden Nichts verlieren oder erst noch erhalten. Diese Unbestimmtheit verstehe ich als Einladung, kritisch zu prüfen, ob es weitere Phänomene des kommenden Nichts gibt oder geben könnte. Am Ende meines Textes werde ich auf diese Fragestellung zurückkommen.
 
Kosmische Leere
 
Dass die kosmische Leere ihre Zugehörigkeit zum kommenden Nichts verliert, ist als sehr unwahrscheinlich anzusehen. Mit der Leere des Universums ist der körperfreie Raum gemeint. Körper nehmen begrenzte Raumbereiche ein und bestehen aus einer Materiemenge mit Werten über einer minimalen Diochte. Typische Körper sind Asteroiden, Monde, Planeten und Sonnen. Nach den heutigen Theorien der Physik ist der körperfreie Raum im Universum keineswegs vollständig leer. Er ist durch interplanetare, interstellare und intergalaktische Gase angefüllt. Wären sie nicht vorhanden, wäre nicht einmal das verbleibende Vakuum ganz strukturlos. Thema ist aber hier nicht das Nichts in physikalischer, sondern in existenzieller Hinsicht. Körper können unmittelbare Bedingungen von kosmischen Lebensmöglichkeiten sein, der Aufenthalt im körperfreien Raum ist hingegen, soweit man weiß, lebensfeindlich und für Menschen ohne Schutz gewiss tödlich. Die Entgegensetzung von Körper und Leere steht in der Tradition von Demokrits Differenz von Sein und Nichts.
 
 
Nach der Standardtheorie der heutigen Kosmologie dehnt sich der Raum und mit ihm die Leere des Universums beschleunigt aus. Die Theorie stützt sich hierbei auf verschiedene teilweise mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Beobachtungen kosmischer Erscheinungen, die erst in den letzten gut 20 Jahren entdeckt wurden.
 
Auf die Ausdehnung des Raumes wird zurückgeführt, dass sich die Abstände zwischen entfernten Galaxien unentwegt und zunehmend schneller vergrößern und unsere Galaxiengruppe den Kontakt zum Rest des Universums verlieren wird. Schließlich soll die Expansion die Auflösung aller kosmischen Körper in ihre Bestandteile bewirken. Im Endzustand wird das unendlich große Universum, wenn diese Prognose richtig ist, ein nahezu leerer und damit lebloser Raum sein. In der unfassbar fernen Zukunft von vermutlich mindestens 10 hoch 100 Jahren soll es in einen Raumbereich, der dem jetzigen beobachtbaren Universum mit einem Durchmesser von fast 100 Milliarden Lichtjahren und einer Anzahl von etwa 100 Milliarden Galaxien entspricht, vielleicht noch ein Elementarteilchen geben.
 
Würde eine Person in dieses Universum eintreten, würde sie ein Vakuum vorfinden, in dem wahrscheinlich keine Spur der vorangehenden Entwicklung des Universums mehr nachweisbar wäre. Die vollendete Leere hätte mit aller materiellen Struktur auch alle messbaren Zeichen des Vergangenen, das Gedächtnis des Universums getilgt.
 
Die behauptete Unvermeidlichkeit des Eintreffens kosmologischer Phänomene hängt von der Voraussagegüte der Theorie ab und ist mit unterschiedlichen Graden der Hypothetizität belegt. Die sich ausdehnende Leere des Universums gilt für ein schon hervorragend belegtes, aber längst nicht vollständig verstandenes Phänomen. Insbesondere hat man die Ursache der beschleunigten Expansion noch nicht entdeckt. Wegen der Theorieabhängigkeit aller Aussagen über das kommende Nichts des Universums fasse ich es als Gegenstand der Wissenschaften auf.
 
Obwohl die Standardtheorie den Prozess der Ausdehnung des Raumes als ein kontinuierliches Geschehen beschreibt, kann der Endzustand in existenzieller Hinsicht als Negation des gegenwärtigen Zustandes aufgefasst werden. Exemplarisch deutlich wird dieser Gegensatz an der Vernichtung des Gedächtnisses des Universums im Endzustand. Alles Sein, das gegenwärtig in seiner Fülle existiert, wird – wenn auch erst weit nach dem Ende des Lebens im Universum – im Ganzen nicht nur vernichtet, sondern auch rest- und spurlos verschwunden sein.
 
Die Phänomene des kommenden Nichts sind im doppelten Sinn „kommend“: Sie bezeichnen eine noch fremde, kaum vorstellbare Zukunft, einen noch nicht eingetretenen Zustand, der der Gegenwart entgegengesetzt ist und auf die Menschen – nach allem, was wir wissen – unvermeidlich zukommt. Zugleich ist aber der Endzustand mit einem gegenwärtigen Geschehen verbunden, das wissenschaftlich oder lebensweltlich wahrnehmbar und wirksam ist.
 
Wissenschaftliche Entzauberung
 
Das zweite wissenschaftliche Phänomen des kommenden Nichts kann nicht in gleicher Weise faktische Geltung beanspruchen wie die kommende Leere des Universums. Bei dem als Entzauberung bezeichneten Prozess der Sinnvernichtung handelt es sich nicht nur um einen Gegenstandsbereich der Wissenschaft, sondern auch um ihre Methode. Die Voraussage der zukünftigen Entwicklung der wissenschaftlichen Methode kann sich nicht auf Naturgesetze stützen und ist folglich nicht mit vergleichbarer Sicherheit wie kosmologische Ereignisse versehen. Insofern kommt ihm ein spekulativer Charakter zu, der kosmologischen Voraussagen fremd ist.
 
Den Ausdruck „Entzauberung“ und eine seiner vielen, nicht immer eindeutigen Bedeutungen entnehme ich dem Werk von Max Weber. Weber verwendet „Zauber“ meist in der engen Bedeutung, die die Anerkennung nicht rational ausgewiesener Behauptungen und nicht sinnlich erfahrbarer, aber handlungsrelevanter Realitäten bezeichnet. Zauber bezieht sich damit vor allem auf Magie und Religion. Für Weber bilden Magie und Religion sinnstiftende kulturelle Systeme, die sich durch Wertsetzungen und normative Handlungsorientierungen auszeichnen. Entzauberung meint dann, dass die wissenschaftliche Erkenntnis bestehende kulturelle Sinngehalte vernichtet und keine neuen schafft. In der Hauptsache wird diesen Sinngehalten ihre Relevanz für die wissenschaftliche Erkenntnis genommen. Dadurch verlieren sie aber auch überhaupt an kultureller Bedeutsamkeit.
 
Max Weber hat den – von ihm selbst nicht so genannten – kulturellen Sinnnihilismus als Teil eines kultur- und epochenübergreifenden Rationalisierungsvorgangs beschrieben, an dem verschiedene gesellschaftliche Prozesse beteiligt sind und in dem die Wissenschaft anfänglich nur eine untergeordnete Rolle spielte. Mit fortschreitender Rationalisierung gewinnt die durch wissenschaftliche Erkenntnis bewirkte Entzauberung aber die Oberhand. Den Phänomenen wird der Zauber genommen, indem sie erklärt oder verstanden werden, ohne dass – mit Weber zu sprechen – „geheimnisvolle unberechenbare Mächte“ dabei zu Hilfe genommen werden.
 
Heute schon nehmen Umfang, Erklärungskraft und Verstehensgüte des Wissens in vielen Bereichen zu und könnten sich zukünftig soweit vervollständigen, dass sie zu keiner großen Verbesserung mehr fähig wären. Die Behauptung, dass sich der Prozess der Entzauberung nicht aufhalten lässt, setzt die fortgesetzte gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft voraus. Ferner ist ihre auch zukünftig bestehende Unfähigkeit angenommen, aus sich heraus sinnstiftende Systeme hervorzubringen. Ihre Ausdifferenzierung und Autonomisierung werden demnach weiter dafür sorgen, dass die rational erfassten Gegenstände zu speziell bleiben, um ihnen übergreifende Wertsetzungen und Handlungsorientierungen entnehmen zu können.
 
Der fiktive Endzustand des kommenden Nichts der Entzauberung wäre eine vollständig erkannte wissenschaftliche Welt. Alle Dunkelheit der Phänomene wäre in dieser Welt beseitigt, die wissenschaftliche Erkenntnis durch nichts mehr behindert oder begrenzt. Das wird nach all dem, was man heute weiß, niemals der Fall sein. Die wissenschaftliche Erkenntnis hat vermutlich Grenzen, die der Magie und der Religion – auch in der Lebenswelt – immer Raum bieten werden, sich zu entfalten.
 
Nach Weber ist eine entzauberte Welt in den Grenzen ihrer Reichweite eine sinnleere bzw. sinnlose Welt. Sie wird durch sukzessive Zerstörung von Sein, nämlich von traditionellem kulturellen Sinn herbeigeführt. Als Einwohner einer mit Sinn gefüllten Welt können wir uns ein Leben ohne Sinn nicht vorstellen. Wir kennen erst einzelne Facetten sinnloser Welten, die noch kein Bild eines Ganzen ergeben. Die Wissenschaften erforschen etwa das Universum, können aber nicht selbst wissen, ob diese Welt wert ist, erhalten zu bleiben; sie erforschen die natürlichen Prozesse, die zum Tod führen, können aber nicht selbst begründen, warum es beispielsweise falsch wäre, das Leben vorzeitig zu beenden.
 
Lebensweltlicher Tod
 
Der Tod, wie er durch direkte Beobachtung oder eigenes Erleben im Umkreis vertrauter Sozialbeziehungen erfahren wird, ist das erste der lebensweltlichen Phänomene des kommenden Nichts. Wir können bei älteren Menschen und ab einem bestimmten Lebensalter bei uns selbst etwa das sukzessive Nachlassen der Lebenskräfte beobachten. Den Tod selbst erfahren wir lebensweltlich nur durch den Tod anderer Menschen.
 
Der Tod ist metaphorisch gesprochen keine Erfindung der Kultur, sondern eine der Natur. Die Begrenzung des Lebensalters von Organismen ist in der Natur weit, wenn auch in sehr unterschiedlicher Ausprägung verbreitet. Noch liegt kein allgemein anerkannter wissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung der Mechanismen, die zur Alterung und bei den meisten Organismen zum Tod führen, vor. Der Mensch scheint zu den Lebewesen zu gehören, bei denen die nach der Aufzucht der Kinder oder Kindeskinder wirksame letale Altersschwäche eine natürliche Grundlage hat. Es ist kein realistisches Verfahren bekannt, mit dem sich der Tod eines Menschen dauerhaft verhindern ließe. Man kann das menschliche Leben verlängern, vielleicht auch für längere Zeit unterbrechen, zweifelt aber doch nicht ernsthaft daran, dass der Lebensverlängerung Grenzen gesetzt sind.
 
Der Tod ist für das Individuum die absolute Negation seines Lebens, er ist für das moderne Subjekt das absolute Ende seiner Welt. Dass sich wesentliche Bestandteile dieser Auffassung weit bis in die Antike zurückverfolgen lassen - Epikur ist der bekannteste Vertreter in diesem Kontext –, werte ich als Ausdruck ihrer Lebensweltlichkeit und ihrer Unabhängigkeit von wissenschaftlicher Erkenntnis.
 
Der Tod steht den Menschen immer bevor. Er ist lebensweltlich jedoch keineswegs immer gegenwärtig. In einer Welt der Lebensfülle bleiben das Sterben und der Tod ein randständiges, die Normalität unterbrechendes Phänomen. Das gilt auch für den Gedanken an den eigenen Tod, der dem Subjekt wie nichts Anderes nahegehen und doch zugleich unendlich fern sein kann. Man sieht andere Menschen und später sich selbst älter werden und kann sich doch zugleich den Tod nicht vorstellen, da die Negation des eignen Lebens undenkbar ist. Auch wenn der eigene Tod in keiner vergleichbaren Weise entfernt ist wie der tote Endzustand des Universums, steht er in zeitlicher Hinsicht noch unvereinbarer dem Leben gegenüber. Denn im Tod hört die Zeit für das Individuum auf zu existieren.
 
Das kommende Nichts des lebensweltlichen Todes weist eine strukturelle Verwandtschaft zum Nichts der Entzauberung auf. Wie der Prozess der Entzauberung bringt der zum Tod hinführende Prozess das Nichts durch eine Vernichtung von Sein hervor: Bei der Entzauberung entsteht das Nichts durch die Zerstörung von kulturellem Sinn, beim Altern und Sterben durch die spürbare Zerstörung von Lebenselementen. Hierin unterscheiden sich diese Phänomene vom kosmischen Nichts, das einem Seienden – seien es Körper und Elementarteilchen – immer schon gegenübersteht. Eine vergleichbare Dualität von Nichts und Sein ist auch für das letzte Phänomen, die innere Leere der Langeweile in der Lebenswelt, kennzeichnend.
 
Existenzielle Langeweile in der Lebenswelt
 
Die Langeweile tritt in verschiedenen Formen auf. Zunächst ist zwischen einfacher und existenzieller Langeweile zu unterscheiden.
Bei der einfachen Langeweile, die jeder kennt, handelt es sich um eine konkrete Unmutsäußerung. Als typisch langweilig in diesem Sinn gelten öde Orte, monotone Tätigkeiten oder seichte Unterhaltungen, insbesondere solange es bessere Orte, bessere Tätigkeiten oder bessere Unterhaltungen gibt. Existentiell wird aber die Langeweile, wenn Alternativen zu den Gegenständen des Unmutes fehlen oder interessante Objekte überhaupt abwesend sind und sich eine innere Leere des Individuums bemächtigt. Das Subjekt verfügt dann weder in der äußeren noch in der inneren Welt über Gegenstände, die eine Aufmerksamkeit verdienen, womit die Langeweile zur beherrschenden Stimmung wird, wie es etwa unter den Bedingungen einer räumlichen oder sozialen Isolation geschehen kann. Die in der existenziellen Langeweile auftretende innere Leere fasse ich als Phänomen des Nichts auf. Insofern ich der einfachen Langeweile diese Leere nicht zuschreibe, kann auch vom Nichts der Langeweile gesprochen werden.
 
Die existenzielle Langeweile ist in der abendländischen Kultur, auf die ich mich in diesem Zusammenhang allein beziehe, erst zu Beginn der Neuzeit nachweisbar. Sie beginnt ihren Vormarsch in einer schmalen Schicht von gutsituierten Kreisen, Literaten und Intellektuellen. Sie verbreitet sich von dort zu einer gemeinhin anerkannten Befindlichkeit auch in der Lebenswelt. Ihr wachsendes Auftreten ist eng mit der Etablierung saturierter Lebensverhältnisse verbunden. Wo um das Überleben nicht mehr gekämpft werden muss, die materiellen Existenzbedingungen gesichert scheinen und die gesellschaftlichen Strukturen Stabilität versprechen, hat der Einfluss der existentiellen Langeweile die Tendenz zuzunehmen.
 
Meine These zum kommenden Nichts der Langeweile hat den Charakter eines Gedankenexperimentes, in dem die Unvermeidlichkeit des Eintretens einer Situation, in der die existenzielle Langeweile der Lebenswelt zur beherrschenden Realität wird, an eine Reihe von Bedingungen geknüpft ist, von denen man heute noch nicht wissen kann, ob sie eintreten werden. Das Gedankenexperiment geht von der optimistischen Annahme aus, dass sich zukünftig und global die materiellen Lebensverhältnisse sichern und die gesellschaftlichen Verhältnisse gerecht gestalten lassen. Ferner unterstellt es, dass sich die Erde mit geeigneten technischen Mitteln und ökologischen Rücksichten erschließen lassen wird. Je besser sie erschlossen ist, desto kleiner und bekannter ist sie dem Menschen. Das hinlänglich Bekannte ist aber zumeist auch das Langweilige. Zusätzlich ist vorausgesetzt, dass dieser begrenzte Erfahrungsraum kosmisch gesehen nur in einer weit entfernteren Zukunft, wenn überhaupt, verlassen werden kann. In dieser Voraussetzung geht ein, dass sich die kosmische Leere, die die Erde jetzt schon umgibt, vielleicht nicht überwinden lässt. Die genannten Bedingungen könnten insbesondere für eine Zivilisation problematisch werden, die auf Innovation und Expansion angelegt ist. Sollte unsere Zivilisation zu diesem wenig selbstgenügsamen Typ gehören, könnte sich existenzielle Langeweile in der Lebenswelt, wenn dieser Erfahrungsbereich noch existierte, zu einem allgegenwärtigen Phänomen werden.
 
Überlegungen zum kommenden Nichts der Langeweile in der Lebenswelt führen an den Rand der Philosophie, wo sie sich mit der Literatur fiktiver Erzählungen berührt. Das Narrativ einer von existenzieller Langeweile beherrschten Lebenswelt wäre zugleich die Geschichte des Endes der Lebenswelt, die alle Selbstverständlichkeit und Vertrautheit verloren hätte.
 
Eine Herausforderung an das Denken
 
Das kommende Nichts stellt im mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung an das Denken dar. Seine paradoxe Struktur provoziert das begriffliche Denken. Seine Entgegensetzung zur gegenwärtigen Fülle des Lebens ist geeignet, die Frage nach dem Sinn des Lebens aufs äußerste zuzuspitzen: Wie kann der Sinn des Lebens gegen seine drohenden toten und sinnleeren Zukünfte verteidigt werden?
 
Das kommende Nichts provoziert auch wegen seiner behaupteten oder imaginierten Unvermeidlichkeit das Denken. Gibt es überhaupt Unvermeidliches? Würde es sich philosophisch lohnen, über Unvermeidliches länger zu reflektieren? Warum sollte man über Gegenstände nachdenken, an denen nichts zu ändern wäre?
 
Hier komme ich darauf zurück, dass sich das kommende Nichts mit verwandten Phänomenen berührt, denen die Unvermeidlichkeit mit guten Gründen abgesprochen wird und die ich deshalb nicht thematisiert habe. Verwandt in diesem Sinn sind Phänomene, die zumindest darauf hinauslaufen könnten, das menschliche Leben oder seine herkömmlichen Grundlagen zu vernichten. Hierzu rechne ich etwa die ökologische Krise, deren letale Folgen nach Auskunft der Wissenschaft eintreten werden, wenn die notwendigen Maßnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes nicht realisiert werden. Oder Waffen, die in der Lage sind, die menschlichen Lebensbedingungen mehrfach zu vernichten, wenn sie nicht durch Abrüstung beseitigt werden. Diese Phänomene würden dem kommenden Nichts anheimfallen, wenn es sich als unmöglich erwiese, die notwendigen Maßnahmen gegen ihre umfassend destruktiven Potentiale zu ergreifen. Zwischen den thematisierten Zukünften des Nichts und den dringlichen Problemen der Gegenwart könnte also ein Zusammenhang bestehen.
 
Meine Überlegungen haben nicht auf diesen Zusammenhang abgezielt. Das kommende Nichts tritt weniger schon als ein in der Gegenwart wirksames, sondern vielmehr als ein in eine andere Zukunft führendes Geschehen hervor. Es stellt deshalb auch angesichts der Aktualität gegenwärtiger Problemstellungen eine Herausforderung an das Denken dar. Will man sich dieser Aktualität nämlich nicht entziehen, ist es kein leichtes Unterfangen, Zeit für die Beschäftigung mit dem kommenden Nichts zu finden. Hier kann mein kommender Ruhestand eine willkommene Unterstützung sein.
 
UNSER AUTOR
 
Gregor Schiemann ist pensionierter Professor für Philosophie an der Universität Wuppertal. Bei dem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung seiner Abschiedsvorlesung.
 



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