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01 2021

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Carl Friedrich Gethmann:
Brauchen wir für die Ethik Werte? Eine Analyse

aus: Heft 1/2021, S. 87-94
 
„Gibt es“ Werte?
 
Die skeptische Frage, ob Werte existieren, provoziert. Wer die Existenz von Werten in Frage stellt, scheint einen moralischen Skeptizismus zu vertreten, d.h. zu bezweifeln, dass Menschen in ihren Handlungen an moralische Orientierungen gebunden sind. Ein solcher moralischer Skeptizismus wurde in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte immer wieder vertreten und ist in einigen Spielarten auch gegenwärtig durchaus aktuell. Wer beispielsweise die Meinung vertritt, menschliche Handlungen seien nichts anderes als Wirkungen physikalischer Ursachen (Physikalismus), oder wer der Überzeugung ist, menschliche Akteure seien ausschließlich von biotischen Agentien wie Hormonen, Genen, neuronalen Prozessen getrieben (Biologismus), oder wer der Meinung ist, alle Moral entstehe aus einer Gefühlsduselei wie beispielsweise aus Mitleid (Emotivismus), oder bestehe nur aus Angst vor Strafe (Behaviorismus) bzw. einer mehr oder weniger verkappten Selbstsucht (Egoismus), vertritt in der Tat einen moralischen Skeptizismus. Damit ist die alles andere als triviale Frage aufgeworfen, was Moral überhaupt ist bzw. worin sie besteht, ferner was die Aufgabe der mit dem Phänomen der Moral befassten Wissenschaft (Moralphilosophie, Ethik) ist und schließlich, ob man zur Erklärung des Phänomens der Moral solche Entitäten wie „Werte“ überhaupt braucht.
 
Sprachkritische Beobachtungen
 
Das Substantiv „Wert“ wie auch Ausdrücke mit der Wortpartikel „---wert---“ verwenden wir in vielen Kontexten, ohne dass dabei besondere Probleme der Bedeutungsklärung aufgeworfen würden. So können wir sagen „Mein Auto ist noch 5000€ wert“ und dieser Verwendung ähnlich ergibt sich zwanglos auch eine substantivische Verwendung „Der Wert meines Autos ist 5000 €“.
Gegenüber solchen harmlosen Wortverwendungen ist der Satz „Zu meinem Auto gehört nicht nur sein Motor, seine Räder usw., sondern auch sein Wert“ leicht als problematisch einzusehen. Er scheint sich auf etwas zu beziehen, das es im Unterschied zu dem, was er mit den Ausdrücken „Motor“, „Räder“ aussagen will, in geheimnisvoller Weise auch noch gibt, wenn es auch nicht sinnlich erfassbar ist.
 
Viele Sprachverwender unterstellen unausdrücklich, was manche Sprachwissenschaftler und Sprachphilosophen seit Platon explizit vertreten, dass nämlich ein Ausdruck dadurch eine Bedeutung hat, dass er sich auf einen „Gegenstand“ bezieht („Referenztheorie der Bedeutung“). Wäre das eine angemessene Bedeutungserklärung, dann läge es in der Tat nahe, dass man von der erfolgreichen Verwendung eines Ausdrucks auf die Existenz eines entsprechenden Referenzobjekts schließen könnte. Blicken wir jedoch über die Typen von Ausdrücken, die in unserer Umgangssprache vorkommen, verliert eine solche Referenztheorie der Bedeutung sehr schnell ihre Plausibilität. Am plausibelsten erscheint sie noch, wenn wir uns die Bedeutung von Eigennamen von noch lebenden Personen vornehmen. Der Ausdruck „Franz Beckenbauer“ scheint dadurch seine Bedeutung zu haben, dass wir ja jederzeit auf Franz Beckenbauer zeigen können und durch diese Geste zu verstehen geben, dass dieses Referenzobjekt dem Ausdruck die Bedeutung gibt. Auch hier ist allerdings schon skeptisch zu fragen, ob wir wirklich auf Franz Beckenbauer zeigen, wenn wir glauben, ihn vor uns zu haben.
 
Erscheint er zum Beispiel auf dem Display des Fernsehapparates, dann kann man zweifeln, ob wir auf Franz Beckenbauer oder nicht eher auf etwas anderes zeigen, allgemein gesagt, auf eine Repräsentation von ihm. Dann müsste die Referenztheorie also dahingehend verfeinert werden, dass die Bedeutung eines Ausdrucks durch den Repräsentanten des Referenzobjektes gebildet wird. Aber auch durch diese Variante ergeben sich sofort einige Probleme. Was ist, wenn Franz Beckenbauer durch einen genialen Comedian perfekt simuliert wird? Würde dann der Ausdruck „Franz Beckenbauer“ seine Bedeutung verlieren?
 
Noch schwieriger werden die Verhältnisse, wenn wir uns klarzumachen versuchen, wodurch wir den Ausdruck „Sokrates“ verstehen. Jedenfalls werden wir nicht auf ihn zu zeigen versuchen, sondern eher die Geschichte erzählen, in deren Rahmen er vorkommt. Im Falle von „Schneewittchen“ wäre es dann eine fiktive Geschichte, nämlich das bekannte Märchen. Noch einmal anders sind die semantischen Verhältnisse, wenn man sich nicht auf individuelle Gegenstände wie Personen, sondern auf kollektive Zustände bezieht. Ein Ausdruck wie „klassenlose Gesellschaft“ bekommt seine Bedeutung nicht durch eine Erzählung, sondern durch eine umfangreiche Beschreibung sozialer Zustände. Ausdrücke wie „und“, „Hilfe“, „Aua“, „poh ey“ können dagegen nur durch Beispiele und Gegenbeispiele in ihrer Bedeutung geklärt werden.   Damit führt die Inspektion verschiedener Typen von Wörtern fast zwangsläufig auf die von Wittgenstein vorgeschlagene „Gebrauchstheorie der Bedeutung“. Nach ihr ergibt sich die Bedeutung eines Ausdrucks aus seinem sprachlichen Gebrauch.  Für den Kandidaten „Wert“ macht es einen großen Unterschied, ob man seine Bedeutung gemäß der Referenztheorie oder gemäß der Gebrauchstheorie zu explizieren versucht. Wer der Referenztheorie anhängt, muss einen Gegenstand(sbereich) angeben, auf den der Ausdruck „Wert“ referiert. Ein solches Objekt ist aber nicht ausfindig zu machen, und in diesem Sinne „gibt es“ Werte „nicht“. Betrachtet man demgegenüber den Gebrauch des Ausdrucks „Wert“, dann muss man feststellen, dass der Ausdruck „Wert“ in normativen (moralischen und juridischen) Kontexten für ganz unterschiedliche Phänomene verwendet wird („Tugenden“ wie Gerechtigkeit; „Maximen“ wie das Hilfegebot; „individuelle Motive“ wie das Geldverdienen; kollektive „Kriterien“ wie die Glückmaximierungsregel; „Zwecke“ wie friedliche soziale Verhältnisse; „moralische Attribute“ wie Würde u. v. m), so dass daher der substantivische Gebrauch von „Wert“ äußerst vieldeutig ist und sich für jede Verwendung ein anderer (vermutlich besserer) Terminus angeben lässt.
 
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