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ESSAY

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Andreas Speer:
Ein anderer Blick auf das Mittelalter

aus: Heft 2/2021, S. 8-18
 
Die Mittelalterfallen
 
Warum sollen wir uns mit der Philosophie des Mittelalters beschäftigen? Hegels Polemik ist wohlbekannt, der in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie gegenüber der scholastischen Philosophie den Vorwurf erhebt, "leerer Verstand" zu sein, "der sich in grundlosen Verbindungen von Kategorien, Verstandesbestimmungen herumtreibt", so dass die höchste Idee und die höchste Bildung in den Gedanken "strohener Verstandesmetaphysik" zur Barbarei geworden sei. Und Bertrand Russels Gleichsetzung der Philosophie des Mittelalters mit katholischer Apologetik in seiner weit verbreiteten History of Western Philosophy hat letztlich dazu geführt, dass im angelsächsischen Philosophie-Curricula die mittelalterliche Philosophie weitgehend abwesend ist – einmal abgesehen von den Curricula der Catholic Universities, die den apologetischen Fehdehandschuh oftmals nur zu gerne aufgreifen, auf diese Weise die von Russel intendierte Exklusion der mittelalterlichen Philosophie von den neuzeitlichen Philosophiediskursen aber letztlich in Kauf nehmen. Ich nenne dies die Mittelalterfalle. Und anders als im Fall etwa von Architektur, Malerei oder Dichtung gibt es für die Philosophie auch keine kulturellen Kompensationsmöglichkeiten in Gestalt etwa des Kölner Doms, des Walraff-Richartz-Museums oder von Ritterromantik.
 
Das andere Motiv erwuchs und erwächst aus der Herausforderung, die mit der Darstellung eines keinesfalls monolithischen, vielmehr komplexen, vielsprachigen, multikulturellen und multireligiösen Jahrtausends wie der des Mittelalters einhergeht, und aus der Unmöglichkeit einer synchronen Darstellung dieser vielfältigen Perspektiven. Leider können wir nicht wie die Sänger in einer Oper in einem Ensemble im selben Moment ganz unter-schiedliche Dinge artikulieren und das Ganze dennoch zugleich harmonisch klingen lassen, selbst dann, wenn die beteiligten Personen völlig aneinander vorbeireden. Wir Historiker des Mittelalters hingegen müssen uns in der Regel für eine Erzählperspektive entscheiden und einen Standpunkt einnehmen. Dieser ist im Fall des Mittelalternarrativs klar: Als ein Narrativ westlich-abendländischer Kulturgeschichte erzählen wir aus eben dieser Perspektive. Das wird im Fall der mittelalterlichen Philosophie (aber nicht nur dort) überdeutlich. Ja, die „Philosophie des Mittelalters“ trägt ihr Definiens gleichsam im Namen – ohne dass damit aber bereits klar wäre, was „Mittelalterliche Philosophie“ ist.
 
Die Geschichte der Erfindung des finsteren Mittelalters
 
Kein Zeitgenosse in jenem Millennium, das wir gemeinhin als „Mittelalter“ bezeichnen, hätte jemals gedacht, im Mittelalter zu leben. Das Mittelalter ist eine Erfindung. Darin unterscheidet es sich nicht von anderen Epocheneinteilungen. Doch ist die Erfindung des Mittelalters durch Petrarca und seine Humanistenfreunde von Anfang an negativ konnotiert. Dieser gestaltet seine dem eigenen Bekunden nach auf einer Bootsreise auf dem Po konzipierte Invektive ‚De sui ipsius et multorum ignorantia‘ als Auseinandersetzung mit den Anhängern des Aristoteles (und insbesondere der aristotelischen Naturphilosophie), die diesen (Aristoteles), obgleich sie ihn nicht verstünden, anbeteten, während sie Christus verlachten und die Anhänger des Glaubens (fidei sectatores) angriffen. „Jede Ansicht“ – so Petrarca –, „die von der ihren abweicht, gilt bei ihnen als Unwissenheit, während es doch die höchste Weisheit ist, mit denen, die irren, nicht einer Meinung zu sein“ Petrarcas Humanismus ist demnach keine Rückkehr zu einer paganen Antike, sondern zu einer „wahren Philosophie“ im Geiste Augustins, den Petrarca zu seinem Kronzeugen erhebt und dessen Confessiones ihm auf dem Gipfel des Mont Ventoux zum Seelenführer werden.
 
Das humanistische Schema vom mittelalterlichen Kulturleben, das nach dem sechsten Buch der Elegantiae des Humanisten Laurentius Valla eine einzige Geschichte des Niedergangs ist, wird um die Mitte des 15. Jahrhunderts ergänzt durch den Topos einer Kultur-zäsur, die sich vor allem aus dem Bewusstsein speist, den Abstand zur Antike allmählich verringert und die einstige Höhe wiedererlangt zu haben. Zugleich aber wurde die auf die Antike folgende Ära in Dunkelheit getaucht. Damit ist jenes Schlagwort vom „finsteren Mittelalter“ geschaffen, das sich – ungeachtet aller Widerlegungen durch die historische Forschung – bis heute unser Geschichtsbild nachhaltig prägt.
 
Der Hallenser Historiograph Christoph Cellarius gilt dann als derjenige, der mit seiner dreiteiligen Historia antiqua von 1685, ‚Historia medii aevi‘ von 1688 und Historia nova von 1696 die bis heute maßgebliche Einteilung der Universalgeschichte in Antike, Mittelalter und Neuzeit terminologisch festgeschrieben hat, der bis in die Gegenwart auch die Philosophiegeschichtsschreibung folgt.
 
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