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03 2021

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Ursula Wolf:
Wie kann die Philosophie angewandte Ethik betreiben? Am Beispiel der Tierethik

aus: Heft 3/2021, S. 8-13

 Was ist angewandte Ethik?
 
Der Ausdruck „angewandte“ Ethik legt die Vorstellung nahe, man habe zuerst einen allgemeinen moralischen Standpunkt und frage dann, wie dieser auf Einzelfälle anzuwenden sei, also eine Art deduktiver Methode. Dagegen macht der Ausdruck „praktisch“, wie wir ihn beispielsweise in Singers Buchtitel Practical Ethics finden, einen Gegensatz zur Theorie der Ethik auf. Historisch ist die Bezeichnung „angewandte Ethik“ nicht aus der Entgegensetzung „allgemein-einzeln“ hervorgegangen, sondern aus dem Gegensatzpaar „theoretisch-praktisch“. Im Logischen Positivismus wird die Ethik, wenn überhaupt, dann nur theoretisch untersucht. Man nimmt an, dass nur diejenigen Sätze sinnvoll sind, welche sich empirisch überprüfen lassen, und außerdem apriorisch-analytische Sätze, die aufgrund der Bedeutung ihrer Satzform oder der in ihnen vorkommenden Begriffe wahr sind. Da ethische Urteile Wertungen enthalten und so nicht dem empiristischen Sinnkriterium genügen, kann die einzig sinnvolle philosophische Beschäftigung mit der Ethik nur darin bestehen, die ethische Rede allgemein-theoretisch zu analysieren, also Metaethik zu betreiben, die alle Aussagen über Inhalte und die Findung konkreter Entscheidungen ausklammert.
 
Doch die großen Moraltheorien sind nicht auf diese Weise begrenzt. Tatsächlich wird die Reduktion der Ethik auf Metaethik bald als unbefriedigend empfunden, als die zunehmende Entwicklung neuer Technologien, insbesondere Biotechnologien, und die damit einhergehenden Gefahren nach Kriterien der Bewertung und Entscheidung in Anwendungsfragen verlangen. Die Ausarbeitung solcher Kriterien gilt für gewöhnlich als Aufgabe der Ethik, und so wird durch den zunehmenden praktischen Druck die Selbstbeschränkung der philosophischen Ethik auf reine Theorie durchbrochen.
 
Die philosophische Ethik ist dann zunächst mit zwei Problemen konfrontiert. Wie die Debatten über schwierige Anwendungsfragen zeigen, haben verschiedene Gruppen bzw. Individuen unterschiedliche Grundüberzeugungen. Ich lasse im folgenden diese Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden inhaltlichen Moralkonzeptionen beiseite und beschränke mich auf die Methodenfrage im engeren Sinn, die Frage der Anwendung innerhalb einer Moralkonzeption. Hier herrscht in der heutigen Debatte über angewandte Ethik John Rawls‘ Methode des Überlegungsgleichgewichts vor. Diese besagt, dass wir bei der Suche nach einer moralischen Entscheidung nicht deduktiv vorgehen, sondern ein Gleichgewicht zwischen unseren Moralprinzipien einerseits und unseren reflektierten konkreten Überzeugungen andererseits suchen müssen, wobei beide Seiten für eine Revision offen sind. Das ist sicher überzeugend, was die Kritik am deduktiven Modell betrifft. Aber ist es zureichend?
 
Es gibt mindestens drei Ebenen, die bei Anwendungsfragen der Moral eine Rolle spielen: erstens einen eher vagen umfassenden Standpunkt auf der übergeordneten Ebene (also für die Leserschaft dieser Zeitschrift wohl der Standpunkt der universalen und gleichen Rücksicht); zweitens konkret-inhaltliche Normen der mittleren Ebene (kein Leiden zufügen, nicht töten, nicht belügen usw.), welche in der Gesellschaft gelten und welche die Individuen in Form von Tugenden internalisiert
haben; drittens schließlich Einzelentscheidungen auf der Ebene der konkreten Handlungssituation. Die philosophische angewandte Ethik befasst sich primär mit der mittleren oder zweiten Ebene, der Ebene der konkreten Normen. Quer zu dieser Differenzierung nach Graden der Abstraktion auf der Seite des moralischen Standpunkts steht eine vierte, die ethische Frage (wobei „ethisch“ jetzt nicht wie in „Metaethik“ die Theorie der Moral bedeutet, sondern die breitere Lehre vom guten Leben). Sie fragt, welches die Rolle und das Gewicht der moralischen Dimension unter den anderen Dimensionen unserer praktischen Einstellung ist.
 
Während Rawls an die Unabhängigkeit der Moraltheorie glaubt, zeigt diese vierte Frage, dass moralische Erwägungen für die handelnde Person nur ein Aspekt praktischer Entscheidungen neben anderen nicht-moralischen Werten bzw. Motiven sind, und daher wird die metaethische (in Rawls Ausdrucksweise: moralphilosophische) Frage, was moralische Überlegungen von anderen unterscheidet und wie sie sich zu diesen verhalten, Einfluss auf die Reflexion unseres moralischen Standpunkts haben.
 
Die ethische Frage mündet für das Individuum immer in eine konkrete Entscheidungsfrage: Was soll ich hier und jetzt, in dieser Situation, tun, wie ist hier und jetzt zu handeln gut bzw. richtig? Weil das Individuum in konkreten Situationen ständig mit dieser Frage konfrontiert ist, besteht ein dringendes Interesse an Klärung, wie sich die richtige Handlung finden lässt. Diese Methodenfrage bezieht sich darauf, wie sich allgemeiner Standpunkt, Normen der mittleren Ebene und konkrete Entscheidungssituation im Kontext des individuellen Lebens zueinander verhalten. Erst wenn der strukturelle Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Aspekten geklärt ist, können wir die Stellung der angewandten Ethik genauer bestimmen. Ich greife dazu auf die antike Ethik zurück, welche die moralischen Fragen immer schon im Kontext der weiteren ethischen Frage, der Frage nach dem guten Leben betrachtet hat. Sodann will ich erläutern, wie Platons Methode in den Frühdialogen, der Elenchos (Prüfungsgespräch), uns in der angewandten Ethik vor Verkürzungen bewahren kann.
 
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