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03 2021

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Rainer Schäfer:
Die Kategoriendeduktion im klassischen deutschen Idealismus

aus: Heft 3/2021, S. 14-22
 
Die Kategoriendeduktion im klassischen deutschen Idealismus von Kant bis Hegel bildet nicht nur ein weites Feld, sondern stellt auch noch immer ein ungelöstes, aber zentrales Problem der Philosophie dar. Die Initialzündung durch Kants berühmte „transzendentale Deduktion der Kategorien“ in der Kritik der reinen Vernunft wirkte auf seine direkten Nachfolger Reinhold, Maimon, Fichte, Schelling und Hegel einerseits inspirierend, provozierte andererseits aber auch deutliche Kritik und den Wunsch nach einer völlig anders gearteten Deduktion.
 
Kategoriendeduktion
 
Bei Kant bildet in der ersten Kritik die Deduktion das Herzstück seiner theoretischen Philosophie und in deren Zentrum steht wiederum die Frage, wie sich Denken und Sinnlichkeit zueinander verhalten: Wie kann mit einer Zusammenführung von spontanem Denken und rezeptiver Anschauung objektive Erkenntnis von Gegenständen entstehen? Mit der Antwort auf diese Problemstellung gibt die transzendentale Deduktion der Kategorien gleichzeitig die gerechtfertigte Antwort auf Kants Grundfrage der ersten Kritik: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“.
 
Dieses Grundproblem der Deduktion bestimmt natürlich auch – ganz gleich, ob Kant hierbei bewusst oder unbewusst im Hintergrund steht – die gegenwärtigen Debatten der theoretischen Philosophie. Insbesondere in der Analytischen Philosophie ist es nach wie vor ein Problem, wie sich Sinnesdaten in Begriffsschemata einfügen. Dieses zieht sich durch die Theorien der Philosophy of Mind, das Mind-Body-Problem, die Naturalisierung der Erkenntnis, die Transcendental-Arguments-Diskussion, den updated Pyrrhonism, die Debatte um Sinnesqualia, oder das Knowledge by Testimony etc. Ebenso wird z. B. das transzendentale Subjekt kritisch in Luhmanns Systemtheorie behandelt. In der gegenwärtigen Debatte stellt die Deduktion von Grundbegriffen, d. h. Kategorien, jedoch höchstens ein Sonderproblem dar, das als eines der Themen moderner Epistemologie unter anderen gesehen wird. Oder radikaler gefasst, wird eine Deduktion, d. h. ein systematisch geführter Beweis für solche Begriffe von vornherein als unmöglich aufgegeben. – Eine solch leichtfertige Aufgabe ist problematisch, selbst wenn es von einem gewissen epistemischen Liberalismus und verführerischen skeptischen Relativismus zeugt, weil das solange nur eine ungerechtfertigte Behauptung bleibt, wie nicht bewiesen wurde, dass es für solche Grundbestimmungen keine Deduktion geben kann. D. h., eine solche Antideduktion wäre selbst auch schon wieder in gewissem Sinne eine Deduktion. –
 
Kant, Fichte, Schelling und Hegel stellten die Kategoriendeduktion dagegen in das Zentrum ihrer systematischen Ansätze und hatten daher eine umfassendere Perspektive, wodurch sie mannigfaltigere Lösungsmöglichkeiten auch für andere Probleme der theoretischen Philosophie sehen konnten. So folgt aus der Behandlung der Kategoriendeduktion bei Kant und Fichte auch eine spezifische Antwort auf das Skeptizismus- und das Außenweltproblem und die Gegebenheit von Sinnesdaten. Des Weiteren sind bei Kant und Fichte neuartige Einsichten in Struktur und Bedeutung von Selbstbewusstsein impliziert. Bei Schelling und Hegel ergeben sich aus der Problematik einer Kategoriendeduktion wiederum neuartige Konzeptionen der Methode der Philosophie, genetische Modelle von Selbstbewusstsein und Begriffsbildung, realistische Erklärungen der Natur und eine neuartige, metaphysisch-kritische Ontologie. Dies führt bei Hegel sogar durch die Radikalisierung des „Begriffs des Begriffs“ gegenüber der „Apperzeption“ Kants einerseits zu einer konsequenten Weiterführung des kantischen Ansatzes und andererseits zu einer gewissen Überwindung der Kategorie durch die Einheit des Begriffs.
 
Die Umgestaltung der kantischen Deduktion war daher nicht nur in methodischer, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht fruchtbar, denn die nachfolgenden Idealisten führten nicht nur neue Kategorien ein, sondern modifizierten auch jene, die sie von Kant übernahmen. Des Weiteren etablierte Kant mit der Deduktion – als apriorischer Rechtfertigung von begrifflichen Grundbestimmungen wie Substanz, Kausalität, Realität, Negation oder Wechselbestimmung – eine neuartige Methodik, die bei seinen Nachfolgern eine Methodenreflexion freisetzte, wie sie die Philosophie zuvor und danach nicht mehr erlebt hat. Im Ausgang von Kants Kategoriendeduktion muss man daher zwei Problemfelder unterscheiden:
 
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