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STELLUNGNAHMEN

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Peggy H. Breitenstein, Franziska Dübgen, Daniel James, Franz Knappik, Pauline Kleingeld, Maria Martinez Mateo, Klaus Vieweg und Marcus Willaschek:
Rassismus und Kolonialismus in der Diskussion

aus: Heft 4/2021, S. 24-43
 
Gegenwärtig werden in der Philosophie rassistische und kolonialistische Tendenzen in klassischen Texten diskutiert. Warum erst und warum gerade jetzt?
 
Peggy H. Breitenstein: Zunächst würde ich die Situation ein wenig anders beschreiben: In der deutschsprachigen Philosophie werden diese Tendenzen derzeit erstmals weithin vernehmbar, unter Anteilnahme einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Diese Präzisierung erscheint mir wichtig und aufschlussreich. Bekannt sind diese Tendenzen nämlich auch im deutschsprachigen Fachdiskurs schon länger. Um das am Beispiel Kants zu konkretisieren: Kürzlich fand ich einen Artikel zum impliziten Rassismus in Kants Darstellung der ‚Wilden‘, der 1988 von den renommierten Kant-Studien kurzerhand abgewiesen wurde – ohne Diskussion oder eingehende Begründung. Seit mehr als 20 Jahren gibt es zudem in vor allem postkolonial und rassismuskritisch engagierten Richtungen der anglophonen Kantforschung fruchtbare Debatten zum Zusammenhang von Eurozentrismus, Rassismus, Kolonialismus bei Kant und auch zahlreiche Artikel, Monographien, Sammelbände.
 
Vor diesem Hintergrund stellt sich vielleicht auch die Eingangsfrage anders: Warum können diese kritischen Stimmen derzeit nicht mehr einfach übertönt werden? Das wiederum dürfte einerseits mit Problemen zu tun haben, die sich gesellschaftskritisch erfassen lassen als struktureller Rassismus und (Neo-)Kolonialismus. Angesichts dieser derzeit öffentlich diskutierten Probleme kann sich auch die akademische Philosophie der Frage nicht mehr verweigern, welchen Beitrag ihre Klassiker bei deren Reproduktion gespielt haben (könnten). Andererseits hat dies (hoffentlich) mit der zunehmenden Diversität Lehrender und vor allem Studierender zu tun, die es inzwischen unmöglich macht, bei der Lektüre und Diskussion philosophischer Texte immer nur Menschen vor Augen zu haben, die von rassistischen Passagen selbst nicht angesprochen sind. Inzwischen haben sich die von diskriminierenden und herabwürdigenden Äußerungen Angesprochenen selbst Gehör verschaffen können: sowohl im Rahmen sozialer Bewegungen wie Black Lives Matter als auch in Studierendenprotesten. Angesichts dieser Stimmen kann sich auch die akademische „Scientific Community“ nicht mehr einfach hinter einer Mauer des Verschweigens verstecken und selbst das vehement verteidigte, illusionäre Ideal der Wissenschaftsfreiheit überzeugt nicht mehr.
 
Marina Martinez Mateo: Dass Fragen um Rassismus in der Philosophie sowie um den Beitrag der Philosophie zur Etablierung und Legitimierung von Kolonialismus heute erst diskutiert würden, stimmt nicht ganz. Solche Diskussionen und Kritiken an der europäischen bzw. „westlichen“ Philosophie hat es immer wieder – vermehrt in den letzten Jahrzehnten – gegeben. Etwa wären hier Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken von 1952 oder Gayatri Chakravorty Spivaks Kritik der postkolonialen Vernunft von 1999 (und viele andere) zu nennen. Auch zeitgenössische Kritik an den entsprechenden klassischen Texten hat es immer wieder gegeben.
 
Die Tatsache, dass diese kritischen Ansätze in einer breiteren Öffentlichkeit bzw. in der (deutschsprachigen) akademischen Philosophie kaum rezipiert wurden, ist gerade Teil des Problems und zeigt auch, weshalb die Auseinandersetzung mit dem Rassismus und Eurozentrismus der Philosophie nicht bloß historisch ausfallen darf, sondern auch die Gegenwart in den Blick nehmen muss.
 
Die Frage zielt aber natürlich im Grunde dar-auf, weshalb diese Probleme heute breiter diskutiert werden und eine größere mediale Aufmerksamkeit erfahren als noch 2019. Hierzu scheint mir die evidenteste Antwort die angemessenste: Es gibt heute außerhalb der Philosophie soziale und politische Kämpfe und Debatten, die Fragen um Rassismus (aus Gründen sich immer wieder erweisender bitterer Dringlichkeit) ins Zentrum holen. Diese Diskussionen haben nun auch die akademische Philosophie erreicht, von der selbst allerdings, wie mir scheint, nicht viel ausgegangen ist. An der Diskussion um Kants Rassismus, die in den Sommermonaten des Jahres 2020 die Feuilletons füllte, zeigt sich das sehr deutlich: Es waren die weltweiten Proteste im Rahmen von Black Lives Matter, die Denkmäler kolonialer „Persönlichkeiten“ ins Wanken brachten und damit die Diskussion darüber entfachten (genau genommen ausgelöst durch eine beiläufige Bemerkung des Historikers Michael Zeuske im Deutschlandfunk), ob nicht eigentlich auch Immanuel Kant vom Podest gestoßen werden müsste. Die Reaktionen der Philosoph:innen hierauf klangen zunächst so, als müsse das eigene Fach gegen Angriffe von außen verteidigt werden – erst im Laufe der darauffolgenden Monate haben sich daraus weitergehende Diskussionen ergeben, die einen neuen, kritischen Blick auf Philosophie und Philosophiegeschichte ermöglicht haben.
 
Franziska Dübgen:In der internationalen Forschung, insbesondere in den Critical Race Studies, der Postkolonialen Theorie sowie in den Kulturwissenschaften, gibt es bereits seit mehr als drei Jahrzenten Forschung zur Verwobenheit von Kolonialismus, Rassismus und Philosophie. Die jetzt einsetzende breitere Rezeption dieser Themen in der Philosophie ist sicherlich u. a. gesellschaftspolitisch motiviert: Proteste von Studierenden an südafrikanischen Universitäten sowie an Londoner und Berliner Bildungsinstitutionen richten sich seit 2015 verstärkt gegen einen philosophischen Kanon, der vor allem durch „weiße“, in der westlichen Hemisphäre angesiedelte Autor*innen geprägt ist und deren Lebensrealität widerspiegelt. Auch im politischen Leben hat die Sensibilität gegenüber rassistischen Ausgrenzungsmechanismen zugenommen – nicht zuletzt aufgrund der Black Lives Matter-Bewegung in den USA und der daraus folgenden Debatte über institutionellen Rassismus in Deutschland. Diese studentischen und sozialen Bewegungen zwingen uns dazu, unsere Augen zu öffnen für Formen der symbolischen, physischen und institutionellen Gewalt gegenüber Menschen, die bis heute als „Andere“ konstruiert, kulturalisiert, rassifiziert und abgewertet werden.
 
Wir haben zudem mittlerweile an unseren Universitäten Studierende und Kolleg*innen aus unterschiedlichen Kontinenten. Der Raum, in dem wir lehren und forschen, ist diverser geworden – wenn auch bei weitem nicht divers genug. Neben den sozialen und politischen Bewegungen unserer Zeit ist es daher auch der Umstand einer diversifizierten Kollegen- und Studierendenschaft, die uns dazu aufruft, selbstkritischer, demütiger und lernfähiger mit unserem philosophischen Erbe umzugehen und uns mit der Gewalt auseinanderzusetzen, die vielen Texten potentiell inhärent ist.
 
Welches sind schlimme Beispiele von rass-stischen Textstellen der abendländischen Philosophiegeschichte?
 
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