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04 2021

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Sebstian Luft:
In Amerika promovieren? Hinweise von Sebastian Luft

In Amerika promovieren? Hinweise von Sebastian Luft
 
aus: Heft 4/2021, S. 78-86
 
Wer heute in Deutschland eine Karriere als Universitätsprofessorin oder Universitätsprofessor im Fach Philosophie anstrebt, für die oder den ist es beinahe unumgänglich, einen Studienaufenthalt oder noch besser eine Promotion in einem englischsprachigen Land, vornehmlich in den USA, vorweisen zu können. Sebastian Luft, der auf beiden Seiten des Atlantiks gelehrt hat und gegenwärtig Professor für Philosophie an der Marquette University in Milwaukee (USA) ist, gibt nachstehend einige Hinweise dafür, was es heißt, in Amerika zu promovieren. (Red.)
 
Wer erwägt, zum Doktorandenstudium nach Amerika (ich zähle hierzu USA und Kanada und mutatis mutandis andere englischsprachige Länder) zu gehen, sollte sich genau überlegen, was die Motive hierfür für einen sind. Nach Amerika sollte man gehen, wenn man sich eindeutig dafür entschieden hat, eine Karriere an der Uni zu machen. Es ist aber inzwischen auch fast zum Standard geworden, für eine Karriere im Heimatland Auslandserfahrung v. a. in Amerika zu sammeln. Umso mehr ist es wichtig, einen geplanten Auslandsaufenthalt strategisch im Vorfeld zu vorzubereiten. In Deutschland ergibt sich die Unikarriere für viele zufällig, und die meisten, die sie aktiv anstreben, bleiben dabei ohne Erfolg. Ganz anders in Amerika. Hier ist eine Unikarriere (mit W. James zu reden) eine lebendige Option. Mit einer Promotion in einem angesehenen Department hat man eine realistische Chance, eine Stelle in einem englischsprachigen Land zu bekommen, sehr realistisch, sofern man „alles richtig“ macht.
 
Was weiter für eine Promotion in den USA spricht, ist das Betreuungsverhältnis. Während in Deutschland Professoren und Dozenten mit den Betreuungen in der Regel heillos überlastet sind und diese darunter leiden, wird in den USA Qualität und Exzellenz der Ausbildung mit einem Betreuungsschlüssel be-messen: Selten sitzen in einem Doktorandenseminar mehr als acht Leute. Da die Departments sehr viel größer sind, hat in der Regel ein/e Professor/in selten mehr als drei Doktorand/innen, mit der Ausnahme von echten „Stars“ (wobei manche von ihnen gerade deswegen gar keine Betreuung übernehmen, dafür muss der „Mittelbau“ der festangestellten associate professors für die Betreuung sorgen).
 
Falsch wäre es jedoch anzunehmen, ein Department hätte gleich eine ganze Riege oder Forschergruppe von einer Sparte oder einer Spezialität; das Stichwort ist vielmehr „Pluralität“. Eher sollte man an „Ballungsräume“ denken: Konglomerate wie etwa New York, Boston, Washington DC, Chicago, San Francisco oder Toronto (und mehr gibt es eigentlich auch nicht) haben Dutzende von hervorragenden Universitäten. Diese haben in der Regel Absprachen, so dass man an verschiedenen Unis Seminare belegen (die Abrechnung erfolgt dann nach bestehenden Absprachen) bzw. „auditen“ kann (als Gasthörer besuchen, wobei dies aber oftmals nicht gern gesehen bzw. sogar verboten ist). Clusters und Forschungsgruppen entsprechen dem europäischen Modell, was auch eindeutige Vorteile fachlicher Art hat. Allerdings sind die zu vergebenden Stellen alle zeitlich begrenzt.
 
Sicherlich bringt es offensichtliche Vorteile mit sich, einen Titel einer berühmten Uni wie Yale oder Harvard zu führen. Aber die weit verbreitete Meinung, eine Promotion in Amerika würde in Deutschland helfen, eine Stelle an einer Uni zu bekommen, ist mit Vorsicht zu genießen. Denn in Deutschland ist eine Unikarriere nicht planbar. Es gibt viele ausgezeichnet ausgebildete Philosoph/innen, die keine Professur finden, sondern sich auf Drittmittel-, Projekt- oder Clusterstellen durchschlagen, oftmals eine an die andere gereiht, bis irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht ist und sie dann entweder in die Arbeitslosigkeit abrutschen oder sich vorher einen Plan B erarbeitet haben, der sie dann auffängt, etwa der Lehrberuf.
 
Wer sich besser absichern will, sollte ein Cotutela-Verfahren anzustreben, also eine Doppelbetreuung. Solche „Konstruktionen“ werden aber nicht überall angeboten und sind in der Regel kompliziert, allerdings nicht unmöglich.
 
Auch sollte man mit einberechnen, dass man in Europa zu jedem Zeitpunkt krankenversichert ist und andere Sozialleistungen genießt, was gerade in USA nicht immer der Fall ist (und so sehr wichtige Dinge wie Familienplanung extrem schwierig macht)!
 
Der Zeitpunkt zu gehen
 
Wer erwägt, nach Amerika zu gehen, sollte sich den richtigen Zeitpunkt überlegen. Es empfiehlt sich nicht, gleich zu Anfang des Studiums zu gehen (es sei denn, es handelt sich um einen Austausch im Rahmen etwa eines bestehenden Programms). Zum einen sind BA-Studiengänge sehr teuer, und die meisten Ausländer haben keinen Zugang zu Stipendien oder staatlichen Geldtöpfen („Loans“, vergleichbar mit BAFÖG). Außerdem dient der BA in Amerika zum größten Teil zum Aufholen von Basis- und Grundwissen, was in den weiterführenden Schulen in USA zumindest einfach nicht mehr vermittelt wird. Hier geht es um Allgemeinwissen und Grundkenntnisse der englischen Sprache; wer aus einer europäischen Schule (sei es Lycée, Gymnasium, High School oder ähnlichem) herkommt, wird sich großenteils langweilen (und höchstens sein Englisch perfektionieren). Hier geht es in erster Linie, neben Auffüllen von fundamentalen Wissenslücken, um das „College-Leben“, die Akkulturierung in die gebildete Gesellschaft, Netzwerken und das Kennenlernen von Freunden fürs Leben und vielleicht auch des Lebenspartners.
 
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