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01 2022

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Kristina Lepold:
Anerkennung

aus: Heft 1/2022, S. 16-25
 
Die Problematik der Anerkennung ist uns aus dem Alltag vertraut. Jeder von uns hat schon einmal die Erfahrung gemacht, von einer anderen Person nicht angemessen anerkannt zu werden. Zugleich freuen wir uns gewöhnlich über die Wertschätzung durch die Kollegin, die Aufmerksamkeit der Freunde für unsere Bedürfnisse und können nachvollziehen, warum Menschen zum Beispiel gegen Arbeitsbedingungen protestieren, die sie als entwürdigend erleben. Doch was genau ist Anerkennung? Warum ist sie für Personen wichtig? Welche Rolle spielt Anerkennung im gesellschaftlichen Leben? Und wie sind unterschiedliche Forderungen nach Anerkennung in normativer Hinsicht zu bewerten? Über diese Fragen hat sich in den letzten 30 Jahren in der Sozialphilosophie und politischen Philosophie international eine rege Diskussion entsponnen.
 
Was ist Anerkennung?
 
Wer sich philosophisch mit Anerkennung beschäftigt, sieht sich mit dem Umstand konfrontiert, dass der deutsche Ausdruck „Anerkennung“, aber auch der englische Ausdruck „recognition“ nicht nur eine, sondern mehrere Bedeutungen haben. Einige Autoren haben daher die Wichtigkeit betont, die verschiedenen Bedeutungen zunächst klar auseinanderzuhalten, um von dort ausgehend das Kernphänomen, das mit „Anerkennung“ bezeichnet werden soll, präziser zu fassen (vgl. etwa [2], S. 7-10). Allgemein lassen sich drei Bedeutungen von „Anerkennung“ bzw. „recognition“ unterscheiden:
 
● Der englische Ausdruck „recognition“ verweist primär auf den Akt der Identifizierung von etwas oder jemandem als X. Zum Beispiel kann jemand in diesem Sinn den Gegenstand vor ihrem Fenster als Baum oder die Person auf der Straße als ihre Nachbarin identifizieren. Im Deutschen sprechen wir hier allerdings nicht von „Anerkennung“.
 
● Sowohl im Englischen als auch im Deutschen kann man ferner Tatsachen anerkennen, akzeptieren oder einräumen (im Englischen auch „to acknowledge“). In diesem Sinn kann eine Person anerkennen, dass das Wetter zu schlecht ist, um draußen Fußball zu spielen, oder anerkennen, dass sie als Arbeitnehmerin in Deutschland verpflichtet ist, dort auch Steuern zu zahlen.
 
● Zudem können Personen oder Gruppen von Personen durch andere in einer bestimmten Eigenschaft anerkannt, bestätigt oder affirmiert werden, was im Rahmen der deutschen Begriffsverwendung im Vordergrund steht. Um Anerkennung in dieser dritten Bedeutung geht es in der philosophischen Diskussion. Dabei wird von manchen betont, dass Anerkennung in dieser Bedeutung nicht gänzlich unabhängig von Anerkennung in den ersten beiden Bedeutungen ist. So scheint beispielsweise die Identifizierung als X eine notwendige Bedingung für die Affirmierung bestimmter Eigenschaften von Personen oder Gruppen von Personen zu sein. Anerkennung in dieser dritten Bedeutung hängt aufs Engste mit Anerkennung im Sinne von Einräumen   oder Akzeptieren zusammen. Ob Kollektive und Institutionen dieselben oder zumindest ähnliche Fähigkeiten haben, ist eine interessante Frage, die die Debatte um Anerkennung mit der Debatte um kollektive Intentionalität verknüpft (vgl. u. a. [10]).
 
Können nur Personen in philosophisch relevanter Hinsicht die Rolle von Anerkennenden und Anerkannten innehaben oder auch Institutionen und Kollektive? Auf den ersten Blick scheint es unproblematisch, zu sagen, dass eine Institution eine Person in einer Eigenschaft anerkennt oder affirmiert, oder von der Anerkennung von ganzen Gruppen zu sprechen Die meisten an der Debatte beteiligten Autorinnen und Autoren verstehen jedoch Anerkennung ausschließlich als eine Beziehung zwischen Personen (eine Ausnahme bildet etwa Charles Taylor). Diese Personen können Gruppen angehören und tun dies auch häufig, doch sind es die Personen und nicht die Gruppen, die anerkennen und anerkannt werden. Diese verbreitete Auffassung beruht auf der Annahme, dass Anerkennung auf beiden Seiten Fähigkeiten voraussetzt, wie wir sie gewöhnlich nur Personen zuschreiben.
 
Der Umstand, dass Anerkennung aus Sicht vieler Autorinnen und Autoren auf beiden Seiten bestimmte Fähigkeiten voraussetzt, lässt ferner auch erkennen, wie sie eine andere Frage beantworten, die sich in diesem Zusammenhang stellt, die Frage nämlich, ob Anerkennung grundsätzlich monologisch oder dialogisch vorzustellen ist. Wenn nicht nur auf Seiten der anerkennenden Person Fähigkeiten vorausgesetzt sein sollen, sondern auch auf Seiten der anerkannten Person, legt das eine dialogische Auffassung nahe, der zufolge beide Seiten am Zustandekommen von Anerkennung beteiligt sind. In anderen Worten reicht es nach Meinung der großen Mehrheit der an der Diskussion Beteiligten für das Vorliegen von Anerkennung nicht, wenn nur die anerkennende Person etwas tut.
 
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