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Philosophie des Geistes: Das Problem der Intentionalität in der Philosophie des Geistes

Johannes L. Brandl:

Das Problem der Intentionalität

in der zeitgenössischen

Philosophie des Geistes

 

 

 

Unter Intentionalität versteht man in der Philoso­phie des Geistes eine besondere Eigenschaft von Überzeugungen, Wünschen und anderen psychi­schen Vorkommnissen. Überzeugungen und Wün­sche haben es an sich, daß das, wovon jemand überzeugt ist und was er sich wünscht, nicht der Fall sein muß bzw. nicht eintreten muß. Allgemein drückt man dies so aus: Psychische Vor­kommnisse haben einen Inhalt unabhängig davon, ob ihr Ge­genstand existiert.

 

Ende des 19. Jahrhunderts hat Franz Brenta­no auf diese Eigenheit psychischer Vor­kommnisse auf­merksam gemacht. Brentano und seine Schüler Edmund Husserl, Anton Mar­ty, Alexius Meinong, Kazimierz Twar­dow­ski u.a. bemühten sich um eine genaue Analyse und Beschreibung der intentionalen Struktur psychischer Vorkommnisse (psy­chi­scher Phänomene oder Akte in Brentanos Terminologie), wobei ihnen die innere Wahrnehmung als Maßstab der Korrektheit dieser Beschreibungen diente. Es sind vor allem begriffliche und logische Unklar­hei­ten, die dabei Probleme aufwerfen: Was ist unter einer 'intentionalen Beziehung' auf einen Gegen­stand zu verstehen? Was ist mit der 'intentionalen Inexistenz' des Inhalts im Akt gemeint? Wie soll man die Rede von 'nicht-existierenden Gegen­ständen' logisch interpretieren? Kann ein Akt auch sich selbst zum Gegenstand haben? usw.

 

In den letzten Jahrzehnten haben diese be­grifflichen und logischen Fragen etwas an Bedeu­tung verloren. Sie wurden verdrängt durch eine stärker metaphy­sische Problem­stellung, nämlich die Frage, wie unser Den­ken, Fühlen und Wollen als Teil des Natur­geschehens zu erklären ist. Die Inten­tiona-lität des Psychischen stellt hier weniger ein begriffliches als ein sachliches Problem dar. Der folgende Be­richt versucht, die wichtig­sten Positionen, die sich aus dieser Diskus­sion ergeben haben, zu skizzieren.

 

Intentionalität aus naturalistischer Sicht

 

Betrachtet man das Phänomen der Inten­tio-nalität aus traditioneller Sicht, so ist es eine grundle­gende, nicht weiter erklärbare Eigen­schaft, die den Bereich des Psychi­schen vom Physischen trennt. Der Na­turalis­mus lehnt eine solche Tren­nung ab, weil er die Einheit von Geistes- und Naturwis­senschaf­ten in Frage stellt. Daraus ergibt sich ein Zugang zum Problem der Inten­tionalität, der sich von der tradi­tionellen Sicht­weise in zu­mindest vier Punkten unter­schei­det:

 

1. Ein Naturalist begnügt sich nicht mit einer Beschreibung der intentionalen Struk­tur psychi­scher Vorkommnisse, er möchte auch erklären, wie Intentionalität zustan­dekommt. Eine strikte Tren­nung von de­skriptiver Psychologie (Phäno­menolo­gie) und genetischer (empirischer) Psycho­logie ist für ihn ausgeschlossen.

 

2. Ein Naturalist betrachtet die Perspektive der dritten Person als adäquat zur Unter­suchung aller Phänomene, also auch zur Untersuchung von Intentionalität. Er braucht nicht zu leugnen, daß es ein unmit­telbares Bewußtsein der eigenen inten­tio­nalen Erleb­nisse gibt, er bestreitet jedoch, daß die innere Wahrnehmung der richtige Maß­stab für die Korrekt­heit ihrer Beschrei­bung und Erklärung ist.

 

3. Ein Naturalist fühlt sich nicht an Bren­tanos These gebunden, wonach Inten­tiona-lität ein exklu­sives Merkmal des Psy­chi­schen ist, und zwar auch dann nicht, wenn der Bereich des Psychi­schen neben Bewußt­seinserlebnissen auch un­bewußte mentale Zustände umfaßt. Er schließt nicht a priori aus, daß alle Lebewesen oder auch Artefak­te (wie z.B. Meßinstrumente) Inten­tionalität besitzen.

 

4. Das Wichtigste für einen Naturalisten ist aber, daß Intentionalität keine im Bewußt­sein gegebene, nicht weiter hinterfragbare Eigenschaft psychi­scher Vorkommnisse ist. Wir besitzen keine Ga­rantie dafür, daß un-ser intentionales Vokabular (die Begriffe des 'Glaubens', 'Wünschens', usw.) etwas Reales beschreiben. Ein Naturalist kann auch ­ein Skeptiker sein, der In­ten­tiona­lität als eine Fiktion des Sprach­ge­brauchs an­sieht.

 

Diese vier Punkte charakterisieren zunächst nur die naturalistische Sichtweise, sie impli­zieren noch keine spezifischen Thesen. Ins-besondere implizieren sie nicht die These des Materialismus oder Physika­lismus, nicht die These der Ir­reduzibilität des Inten­tionalen, nicht die Ableh­nung intensionaler Entitäten, und auch nicht die These, daß die Wis­senschaft mit einer exten­sionalen Spra­che das Auslangen findet. Dies sind Thesen, die durch Willard van Orman Quine Be-rühmtheit erlangten, sie sind aber für eine naturalistische Auffassung von Inten­tio-nalität keineswegs verbindlich.

 

Quine ist nicht nur Naturalist, er ist neben Paul Churchland auch der bekannteste Skeptiker, was die Verwendung des inten­tionalen Vokabulars betrifft. In Word and Object (1960) bezeichnet Quine dieses Vo-kabular als eine 'schauspiele­rische Aus­drucksform', die wissenschaftlich un­tauglich sei. Naturalisten haben sich seither be­müht zu zeigen, daß diese Skepsis (auch aus na-turalistischer Sicht!) unbegründet ist. Dies hat zwei Arten von Theorien hervorge­bracht: (a) nonfaktualistische Theorien der Intentionalität und (b) rea­listische The­orien der Intentionalität. Non­faktualisten reagieren auf die skeptische Her­ausforde­rung dadurch, daß sie Aus­sagen, in denen intentionale Be-griffe vorkommen, nicht oder nur mit Ein­schränkungen als Tatsa­chen­behauptun­gen gelten lassen. Inten­tiona­le Realisten hin­gegen versuchen zu zeigen, daß solche Aus-sagen echte Tatsachenbe­hauptungen sind, die davon beschriebenen Tatsachen aber na-turalistisch erklärt wer­den können.

 

Nonfaktualistische Theorien der Inten­tionalität

 

Die bekannteste nonfaktualistische Theorie der Intentionalität ist die Theorie des Inten­tional Stance von Daniel Dennett. Dennett entwickelt diese Theorie schrittweise in seinen Büchern Content and Consciousness (1969), Brainstorms (1978) und The Inten­tional Stance (1987) sowie in zahlreichen Aufsätzen. Die Kernidee seiner Theorie ist, daß Aussagen, in denen intentionale Be­griffe vorkom­men, Teil einer Erklärungs­stra­tegie sind, deren Ziel es ist, das Verhal­ten von Individuen durch die Zuschreibung von Wünschen und Überzeugungen rational verständlich und damit prognostizierbar zu machen. Diese Zuschreibungen, und dies zeichnet die Strategie aus, sollen jedoch keine Tatsachen beschreiben, aus denen das Verhalten aufgrund kausaler Gesetzmäßig­keiten erschlossen werden kann.

 

Diese Art der Verhaltenserklärung und -pro-gnose ist für Dennett nicht die einzig mögli­che. Es ist theore­tisch auch möglich (und auch erwünscht), dasselbe Verhalten in rein physikalischen oder funktionalen Be­griffen zu erklären. Aus pragmatischen Gründen ist die intentionale Perspektive jedoch unver­zichtbar. Deshalb wird Den­netts Position häufig als 'instrumentali­stisch' bezeichnet. Man muß hier jedoch zwischen der Behaup­tung unterscheiden, daß auch falsche Be­schreibungen nützlich sein kön­nen, und der Behauptung, daß intentionale Aussagen gar nicht den An­spruch erheben, Tatsachen zu beschrei­ben, d.h. wahr oder falsch zu sein. Dennetts Standpunkt scheint mir besser durch letztere Be­hauptung cha­rakteri­siert zu sein.

 

Metaphysisch gesehen besteht nach Dennett keine Konkurrenz zwischen den verschie­de-nen Erklä­rungsstrategien, denn nur die physikalischen Erklä­rungen sind mit echten ontologischen Annahmen verbunden. Funk­tionale und intentionale Erklärun­gen ma­chen streng genommen keine Aussagen über intentionale Zustände, beinhalten also keine wei­teren ontologischen Verpflichtun­gen. So kann Dennett Materialist sein, ohne eine Identitätstheorie zu vertreten, und auch die These der Irreduzibilität des Intentiona­len unterschreiben. Er ist überzeugt, daß Quines These der Unbestimmtheit der Über­setzung analog auch für die Zuschreibung inten­tionaler Zustände gilt.

 

Neben Dennett gibt es eine Reihe anderer Philoso­phen, die mit einer nonfaktualisti­schen Theorie des Intentionalen sym­pathi-sieren. Im letzten Kapitel von The Inten­tional Stance zieht Dennett Ver­glei­che zwischen seiner eigenen Position und den Auffassungen von Wilfried Sellars, Hilary Put­nam, Donald Davidson, Jona­than Ben-nett und Stephen Stich. Es ist jedoch zwei­felhaft, ob sich diese Philoso­phen ohne Einschränkungen als Non­fak­tualisten ein­stufen lassen. Sellars ist auch ein Vorläufer einer Theorie der mentalen Re­präsen­tation, die kaum anders als rea­listisch verstanden werden kann; Davidson vertritt eine Iden­titätstheo­rie, die mit einem Non­faktualismus schwer verein­bar ist, und Stich läßt es of­fen, ob das inten­tionale Vokabular letztlich nicht doch verzichtbar ist.

 

Einer nonfaktualistischen Theorie am näch­sten kommt heute, neben Dennett, Lynne Rudder Baker. In Saving Belief (1987) und Explaining Attitudes (1995) argumentiert sie für einen Stand­punkt, den sie 'praktischen Realismus’ nennt. Damit ist die Auffassung gemeint, daß Glaubenshal­tungen und andere Einstellungen nicht als genuine Entitäten aufgefaßt werden müssen, damit Aussagen in intentionaler Redeweise wahr sein und Erklä­rungswert besitzen können. Solche Zu-schreibungen sind berechtigt als Teil unse­res realistischen All­tagsverständnisses, ohne deshalb metaphysisch interpretiert werden zu müssen. Auf diese Weise meint Baker dem Dilemma zu entgehen, inten­tionale Zu-stände entweder naturalistisch erklären oder eliminieren zu müssen.

 

Intentionaler Realismus

 

Intentionale Realisten begnügen sich nicht mit einem 'praktischen Realismus' im Sinne von Baker, sondern behaupten, daß inten­tionale Zustände genauso existieren wie elektrische Schwingungen oder Wär­mepo-tentiale, daß diese Zustände inten­tio­nale Eigenschaften haben, die kausal wirk­sam sind, und daß wir solche Zustände meinen, wenn wir sagen, was Leute glauben und wünschen. Ein intentionaler Realist, der zugleich Naturalist ist, muß daher zeigen, daß diese Annahmen nicht Wasser auf die Mühlen des Intentionalitäts-Skep­tikers len­ken.

 

Die heute meistdiskutierte realistische Theo­rie der Intentionalität ist jene von Fred Dretske. Dretske entwickelt diese Theorie in Knowledge and the Flow of Information (1981), in Explaining Behavior (1988) und zuletzt in Naturalizing the Mind (1994). Er geht davon aus, daß es so etwas wie 'natür­liche Repräsentation' unabhängig von (menschlichen) Interessen und Absichten gibt. Diese Art der Repräsentation läßt sich infor­mationstheoretisch als eine Form der Indikation erklären. So zeigt z.B. eine Ge­ruchsmarke oder eine Spur an, in welche Richtung ein Tier gelaufen ist. Solche natür­lichen Indikatoren existieren nicht nur unab­hängig davon, ob und wie wir sie interpre­tie­ren, sie können auch ohne unser Zutun bestimmte Funktionen erfüllen. Sie dienen z.B. anderen Tieren zur Orientierung und können sie, unter widrigen Umständen, so-gar in die Irre führen. Auf diese Weise er-klärt Dretske die Möglichkeit von Mißreprä­sentation und die Aspektualität von Reprä­sen­tation. Denn ein Indikator kann z.B. die Funktion haben, ein Tier als einen Kampf­gefährten zu reprä­sentieren, nicht aber als einen Rivalen, auch wenn jeder Kampfge­fährte zugleich ein Rivale sein sollte.

 

 

Dretske betrachtet diese zwei Elemente – natürliche Indikatoren und natürliche Funk­tionen – als die beiden Wurzeln, aus denen alle anspruchsvolleren Formen von Inten­tionalität entstehen. Wesentlich dafür ist, daß die Funktionen, die ein Indikator erfüllt, nicht phylogenetischen Ursprung haben müssen (und als solche systemimmanent sind), sondern (ontogenetisch) erlernt wer­den können. Davon abgeleitet sind dann nicht-natürliche Reprä­sentationsfunktionen, z.B. bei Meßinstrumenten, denen durch Ska-lierung bestimmte Funktionen zuge­schrieben werden, und bei sprachlichen Zei­chen, de-ren Funktionen ebenfalls konven­tioneller Natur sind.

 

Ein Problem, dem Dretske besondere Auf­merksam­keit schenkt, ist das Problem der kausalen Wirk­samkeit intentionaler Eigen­schaften: Wie können wir ausschließen, daß allein die nicht-intentionalen Eigenschaften intentionaler Zustände eine kausale Rolle beim Hervorbringen von Verhalten spielen? Dretskes Lösungsvorschlag besteht darin, zwischen dem Verhalten als einem Prozeß und den Körper­bewegungen als dem Pro­dukt dieses Verhaltens zu unterscheiden, z.B. zwischen dem Bewegen eines Arms und der daraus resultierenden Armbewe­gung. Intentionale Zustände sind nach Dret­s­ke ein Grund, nicht aber eine Ursache, für den Prozeß des sich so und so Verhaltens. Sie erklären, warum dieses Verhalten ge­wisse Körperbewegungen erzeugt und war-um dabei intentionale Eigenschaften eine Rolle spielen. Damit löst sich für Dret­ske auch die Frage der Reduzierbarkeit des In-tentionalen. In einem Sinne können wir Intentionalität auf etwas nicht-Intentionales 'reduzieren', nämlich auf natürliche Reprä­sentationen und natürliche Funktionen. Wir können jedoch keine Reduktion im Sinne von Quine vornehmen, da sich die Reduk­tionsbasis einer rein extensionalen Beschrei­bung entzieht.

 

Andere Vertreter des Intentionalen Realis­mus weichen von Dretske in verschiedener Hinsicht ab, wobei oft unklar ist, wie tief­greifend die Unterschiede sind. So spielt es z.B. bei Dretske keine Rolle, in welchem Medium mentale Repräsentation stattfindet, ja ob es überhaupt ein solches Medium gibt. Dagegen legen Hartry Field und Jerry Fo-dor Wert darauf, daß mentale Repräsen­ta-tionen sprachliche oder sprachähnliche Enti-täten sind, nämlich Sätze einer natür­lichen Sprache oder einer angeborenen language of thought. Sie schlagen vor, propositionale Einstellungen als zweistellige Relationen zwischen Subjekten und solchen mentalen Repräsentationen aufzufassen. Bei Dretske sind die Einstellungen selbst die mentalen Repräsentationen, die ihrerseits nicht als Relationen analysiert werden. In diesem Punkt unterscheidet sich Dretske auch von Robert Stalnaker, der sich eben­falls auf eine relationale Analyse der Ein­stellungen festlegt. Nach Stalnaker sind es jedoch Propositionen, nicht Sätze oder satz­ähnliche Konkreta, die als Relata fun­gieren, wobei Propositionen als Funktionen über mögliche Welten definiert werden. Eine andere reali­stische Variante einer relatio­nalen Theorie propositionaler Einstellungen hat Mark Richard entwickelt, indem er ihre Objekte als strukturierte n-Tupel von teils linguisti­schen und teils nicht-linguisti­schen Entitäten konstruiert. Dretskes Theorie hat gegenüber diesen Theorien den Vorteil, daß sie sich nicht auf die Analyse proposi­tio­naler Ein­stellungen beschränkt. Sie läßt auch Raum für mentale Repräsentation, die nicht das syntaktische Format von Sätzen, sondern von Bildern, Landkarten, Diagram­men, etc. hat.

 

 

Neben Dretske ist Ruth Garrett Millikan die wichtigste (naturalistische) Vertreterin eines Intentionalen Realismus. In Language, Thought and other Biological Categories (1984) entwickelt sie, ähnlich wie Dretske, eine Theorie der Repräsentation, in der ein teleologischer Begriff (nämlich der Begriff der proper function) eine zentrale Rolle spielt. Besonderes Augenmerk lenkt Mil­li-kan auf die Frage der epistemischen Zu­gänglichkeit unserer Gedanken. Sie kriti­siert eine Position, die sie Bedeutungsratio­nalis­mus nennt, gemäß der das Fassen eines Ge-dankens notwendigerweise die Fähigkeit einschließt, diesen Gedanken identifizieren und reidentifizieren zu können. Unterschie­de zwischen ihrer Position und jener von Drets­ke diskutiert Millikan in Kapitel 6 von White Queen Psychology and other Essays for Alice (1993).

 

Zwei offene Fragen

 

Vergleicht man den Nonfaktualismus mit der Position des Intentionalen Realismus, so drängen sich zwei Fragen auf: (1) Bilden diese zwei Positionen eine erschöpfende Al-ternative? und (2) Schließen sie sich gegen­seitig aus?

 

Was die erste Frage betrifft, so gibt es Philosophen, wie z.B. John Searle, die sich keinem der beiden Lager zuordnen lassen. Im Gegensatz zu Dennett behauptet Searle, daß es intentionale Tatsachen in einem metaphysischen Sinne gibt, im Gegensatz zu Dretske bestreitet er jedoch, daß sich Inten­tionalität als ein bewußtseinsunabhängiges Phänomen erklären läßt. Die Frage ist, ob Searle damit noch im Rahmen des Natura­lis­mus bleibt. Ob sein 'biologischer Natura­lis­mus' diesen Namen verdient, hängt davon ab, was man von einer naturalistischen Theorie der Intentionalität erwartet und erwarten darf. Michael Tye und Ste­phen Stich haben zuletzt dafür argumen­tiert, daß der Standpunkt des Naturalisten jedenfalls nicht mit der Forderung nach einer Erklä­rung von Intentionalität in nicht-inten­tionalen Begriffen gleichgesetzt werden darf.

 

Was die Frage der Vereinbarkeit von Non­faktualismus und Intentionalem Realismus betrifft, so scheint eine Annäherung nicht ausgeschlossen. Dennett selbst hat unter Bezugnahme auf Dretskes Erklärung der kausalen Effizienz intentionaler Eigenschaf­ten einen Versuch in diese Richtung unter­nommen. Eine aussichtsreiche Strategie könnte auch darin bestehen, nonfaktualis­tische und realistische Theorien auf ver­schiedene Anwendungsbereiche zu bezie­hen. So spricht man häufig von Proto-Über­zeugungen und Proto-Wünschen, wie sie bei vielen Lebewesen vorkommen, im Unter­schied zu den artikulierten Überzeugungen und Wünschen, die nur sprachfähige Wesen besitzen. Ein möglicher Kompromiß könnte darin bestehen, die realistischen Theorien auf solche Proto-Zustände zu beschränken und die nonfaktualistischen Theorien auf die sprachabhängigen intentionalen Zustände. Auf diese Weise könnte sich auch die Kon­troverse um den Vorrang von Intentionalität und Sprache lösen. Dies war die Streitfrage, über die in den 50er Jahren Chisholm und Sellars ihre berühmte Korrespodenz führten und die ganz am Anfang der zeitgenössi­schen Diskussion um die Natur des Inten­tionalen stand.

 

 

Ausgewählte Literatur zum Problem der Intentionalität

 

I. Darstellungen, Nachschlagewerke, Sam­mel­bände

 

Bechtel, W.: Philosophy of Mind. An Over­view for Cognitive Science. 176 p., cloth $ 30.--, pbk. $ 19.95, 1988, Lawrence Erl­baum As­sociates, New Jersey. Kapitel 3 und 4 geben einen Über­blick über die Entwick­lung des In-tentionalitätsproblems von Bren­tano bis zur Gegenwart.

 

 

French, P.A., et. al. (eds.): Philosophical Natu­ralism. Cloth $ 61.--, pbk. $ 31.--, 1994, Mid­west Studies in Philoso­phy XIX, University of Notre Dame Press. Ent­hält mehrere, teils kriti­sche Beiträge zur Natura­lisierung von Inten­tionalität.

 

Guttenplan, S. (ed.): A Companion to the Philo­sophy of Mind. Pbk., £ 17.--, 1994, Basil Black­well, Ox­ford. Neben zwei Ein­trägen von Sear­le und Perry zum Stich­wort 'In­tentionality' finden sich darin Selbstdar­stel­lungen von Davidson, Dennett, Dretske und Stalnaker.

 

Lyons, W.: Approaches to Intentionality. £ 32.50, 1995, Clarendon Press, Oxford. Disku-tiert die Positionen von Quine, Den­nett, Fodor, Millikan, Dretske, Loar, u.a. und ent­wirft eine eigene Position aus ent­wick­lungspsychologi­scher Perspektive.

 

Stich St.P. & Warfield, T.A. (eds.): Mental Representation. Pbk. £ 17.--, 1984, Basil Black­well, Oxford. Ein Sammelband mit klassi­schen Beiträgen von Fodor, Field, Dretske, Mil­likan, u.a.

 

 

II. Zur traditionellen Sicht von Inten­tionalität

 

Brandl, J.: "Intentionality" in: L. Albertazzi et. al. (eds.): The School of Franz Brentano. Klu­wer Academic Publishers, Dordrecht. 1996, 261-284. Ein Versuch, die traditio­nelle Frage nach den Gegenständen psychi­scher Akte mit den ontologischen Voraus­setzungen von Searles Theorie der Inten­tionalität zu verknüpfen.

 

Chisholm, R.M.: "Brentano on Descriptive Psy-chology and the Intentional" in E.N. Lee & M. Mandelbaum (eds.): Phenomenology and Exi­stentialism. Johns Hopkins Press, Baltimore 1967, 130-147. Die Quelle einer einflußreichen, inzwischen aber umstrittenen Brentano-Inter­pre­tation.

 

Haldane, J.: "Brentano’s Problem" in Grazer Philosophische Studien 35 (1989), 1-32. Trennt Brentanos Problem der intentionalen Beziehung von der Frage der Irreduzibilität intentionaler Begriffe.

 

Moran, D.: "Brentano’s Thesis" in Procee­dings of the Aristotelian Society. Suppl. LXX (1996), 1-27. Betont den rein deskrip­tiven Anspruch von Brentanos Theorie der Intentionalität und bestreitet, daß sie einer materialistischen Meta­pyhsik widerspricht.

 

Sajama S. & Kamppinen M.: A Historical In-troduction to Phenomenology. Croom Helm, London 1987. Ein Vergleich der unterschied­lichen Positionen zur inten­tionalen Struktur psychischer Akte innerhalb der Brentano-Schu­le.

 

 

III. Nonfaktualistische Theorien der Inten­tiona­lität

 

Die relevanten Bücher von Dennett und Baker werden im Text zitiert.

 

Bieri, P.: "Intentionale Systeme": Überlegun­gen zu Daniel Dennetts Theorie des Geistes” in: J. Brandstätter (Hg.): Struktur und Erfah­rung in der psychologischen Forschung. ­Walter de Gruyter. Berlin1987, 208-252. Eine aus­führliche Darstellung von Dennetts Position und der Problemstellung, die sie motiviert.

 

Dennett, D.: "The Myth of Original Inten­tiona­li­ty" in: K.A. Mohyeldin Said et. al. (eds.): Modelling the Mind. Clarendon Press. Oxford 1990, 43-62. Sieht in Searles Begriff der ‘in­trinsischen Intentionalität’ ein Relikt einer prä-evolutionistischen Denkweise.

 

Dennett, D.: "Ways of Establishing Har­mony" in: B. Mclaughlin (ed.): Dretske and his Critics. Basil Blackwell. Oxford 1991, 118-130. Ar­gumentiert, daß Dretskes Lösung des Problems der kausalen Effizienz inten­tionaler Eigenschaf­ten mit der Strategie des Intentional Stance harmoniert.

 

Dennett, D.: "Real Patterns" in Journal of Phi­losophy 89, 1991, 27-51. Stellt die Posi­tion des Intentional Stance als einen 'Semi-Realis­mus' dar, der damit verträglich ist, daß inten­tionale Aussagen reale Muster (nicht-inten­tionaler) Ereignisse beschreiben.

 

Rosenthal, D.: "Intentionality" in Midwest Stu­dies in Philosophy X (1986), 151-184. Weist eine Reihe von Argumenten zugunsten der An­nahme intrinsischer Intentionalität zurück.

 

 

IV. Realistische Theorien der Intentionalität

 

Die relevanten Bücher von Dretske und Mil­likan werden im Text zitiert.

 

Dretske, F.: "If you Can’t Make One, You Don’t Know How it Works", in French, a.a.O., 468-482. Ein kurzer Abriß von Dretskes Natu­ralisie­rungsprogramm.

 

Field, H.: "Mental Representation" (1978) in: Stich/Warfield, a.a.O., 34-77. Eine Pionierar­beit für naturalistische Erklärungen propositio­naler Einstellungen als Relationen zu mentalen Re­präsentationen.

 

Fodor, J.: "Propositional Attitudes" (1978) in ders.: Representations. MIT Press. Cambridge. 1981, 177-203. Entwickelt die Theorie mentaler Repräsentationen als Alternative zu Carnaps Analyse von Glaubenssätzen.

 

Jacob, P.: What Minds Can Do. Intentionality in a Non-Intentional World. Cambridge Univer­sity Press. Cambridge. 1997. Eine Darstellung und Verteidigung des Naturalisierungspro­gramms von Dretske mit besonderer Berück­sichtigung des Problems der kausalen Relevanz inten­tionaler Eigenschaften.

 

Richard, M.: Propositional Attitudes. Cam­bridge University Press. Cambridge. 1990. Verteidigt die Auffassung, daß die Gegenstände propositio­naler Einstellungen strukturierte Propositionen im Sinne von Russell sind, jedoch mit linguisti­schen Markierungen.

 

Stalnaker, R.: Inquiry. The MIT Press. Cam­bridge/Mass. 1987. Argumentiert für eine Ana­lyse von Intentionalität auf der Basis natura­listisch erklärbarer Relationen zwischen Per­sonen und Propositionen.

 

V. Kritische Auseinandersetzung mit der natu­ralistischen Sicht von Intentionalität

 

Chisholm, R. & Sellars, W.: "Intentionality and the Mental", in: H. Feigl et. al. (eds.): Min­neso­ta Studies in Philosophy of Science II. Universi­ty of Minnesota Press, Minneapolis. 1958, 507-539. Dokumentiert die Kontroverse zwischen Chisholm und Sellars über die Frage, ob Inten­tionalität auf der Basis sprachlicher Bedeutung zu erklären ist oder umgekehrt.

 

Haldane, J.: "Naturalism and Intentionality" in Inquiry 32, 305-322. Eine radikale Kritik des naturalistischen Standpunkts, speziell der Theo­rie von Stalnaker.

 

Searle, J.: Intentionalität. Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes.  353 S., kt., DM 24.80, stw 956, Suhrkamp, Frankfurt. (engl. Original 1983). Eine Verteidigung der Ir­reduzibilität der Intentionalität aus reali­stischer Sicht.

 

Stich, St. & Laurence, St.: "Intentionality and Naturalism" in French, a.a.O., 159-182. Be­strei­tet, daß es einen Sinn von ‘naturalisieren’ gibt, in dem es wünschenswert aber nicht möglich ist, Intentionalität zu naturalisieren.

 

Tye, M.: "Naturalism and the Problem of Inten­tionality" in French, a.a.O., 159-182. Unter­scheidet zwischen dem Pseudo-Problem einer Naturalisierung von Intentionalität und einem echten Problem des ‘Mechanismus von Inten­tionalität’.

 

Young, J.: "Intentionality" in Man and World 17 (1984), 696-722. Diskutiert kritisch die naturalistische Position von Sellars in der Aus­einandersetzung mit Chisholm.

 

 

UNSER AUTOR:

 

Johannes L. Brandl ist Assistent am Insti­tut für Philosophie der Universität Salzburg.

 

 

 




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