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Metaphysik: Der Streit um die Person

 

Der Streit um die Person

Ein Bericht von Godehard Brüntrup und Berthold Gillitzer

 

 

 

Das Problem der personalen Identität

 

"Person" ist zumindest in den westlichen Kulturen ein Begriff von grundlegender Bedeu­tung. Er dient nicht nur dazu, eine Art von Gegenständen zu klassifizieren, sondern er ist auch ein Begriff der Aner-kennung, ein nomen dignitatis. In diesem Zusammenhang ist dann von "Personwürde" die Rede. Zugleich aber scheint es unklar zu sein, was dieser Begriff überhaupt meint. Normalerweise identifizieren wir Personen, wie wir Menschen auch identifizieren, an­hand ihrer äußeren Erscheinung. Dabei mei-nen wir aber mit dem Begriff "Person" nicht das gleiche wie mit dem Begriff "Mensch".

 

Eine prägnante Fassung dieses Problems, welche die Debatte über den Begriff der Person bis heute bestimmt, geht auf John Locke zurück. Locke geht von dem Prinzip aus, daß die Bedingungen, die festlegen, wie lange ein Gegenstand derselbe ist, wann er entsteht und wann er vergeht, davon abhängig sind, zu welcher Art der Gegen­stand gehört. Umge­kehrt ist aber auch die Angabe der Identitätsbedingungen für die Art charakteristisch. Dieses Prinzip wendet er auf die Artbegriffe "Mensch" und "Per­son" an. Die Identität eines Menschen ist bestimmt durch die Kontinuität eines leben­digen Körpers. Davon kann die Identität von Personen abweichen. Wenn beispiels­weise jemand im Dauerkoma liegt, dann ist es nicht unmittelbar klar, ob nur noch ein menschlicher Organismus oder auch eine Person existiert. Auf der anderen Seite scheint es nicht prinzipiell ausgeschlossen, daß auch Wesen einer anderen Spezies Per-sonen sein könnten. Personen als Sub­jek­te der Erfahrung wären dann von Men­schen als biologischen Wesen verschieden. Damit stellt sich die Frage nach den Identi­tätsbe­din­gungen für Personen.

 

Das Problem der personalen Identität durch die Zeit besteht darin, die notwendigen und hinreichenden Bedingungen anzugeben, un-ter denen eine Person, die zu einem Zeit­punkt identifiziert wurde, identisch ist mit einer Person, die zu einem anderen Zeit­punkt identifiziert wurde. Im folgenden werden wir eine einführende Darstellung der Lösungen ver­suchen, die gegenwärtige Phi-losophen für dieses Problem vorschla­gen. Unter Ver­nachlässigung feinerer Diffe­ren­zierungen lassen sich drei grundlegende Kriterien zur Bestimmung der Identität von Personen angeben: das körperliche, das psy-chologische und das sogenannte einfache Kriterium.

 

1) Gemäß dem körperlichen Kriterium ist eine Person P2 zum Zeitpunkt t2 genau dann mit einer Person P1 zum Zeitpunkt t1 iden­tisch, wenn beide Personen denselben Kör­per haben. Die Bestimmung personaler Identität unterscheidet sich nicht von der Bestimmung der Identität materieller Ge­genstände im allgemeinen. Die einzelnen Teile des Körpers sind allerdings nicht gleichermaßen relevant für die Identität der Person. Viele Autoren gehen davon aus, daß schon allein das Gehirn die Person hinrei­chend individuiert. Sollte in ferner Zukunft also einmal die Transplantation von menschlichen Gehirnen möglich sein, so "folgte" die Person dem Gehirn, auch wenn dieses in einen neuen Körper implantiert würde.

 

2) Gemäß dem psychologischen Kriterium ist es die Kontinuität und Verbundenheit mentaler Zustände, die personale Identität garantiert.  Das klarste Beispiel ist die Erin­nerung an frühere Erfahrungen. Eine Person P2 zum Zeitpunkt t2 ist genau dann mit einer Person P1 zum Zeitpunkt t1 identisch, wenn P2 zum Zeitpunkt t2 durch eine konti­nuierli­che Kette von Erinnerungen mit P1 zum Zeitpunkt t1 verbunden ist. Gefordert ist nicht eine aktuelle Erinnerung der ge­samten Vergangenheit, sondern eine Kette von sich überlappenden Erinnerungen. (Bei­spiel: Man erinnert sich jetzt an Ereignisse im vergan­genen Jahr, im vergangenen Jahr erinnerte man sich an Ereignisse im Jahr davor, usw.).

 

3) Wenn die Frage der personalen Identität gemäß dem einfachen Kriterium gelöst wird, werden empirische Kriterien wie physische und psychologische Kontinuität nur als Anzeichen personaler Identität be­trachtet. Sie bestimmen nicht das Wesen personaler Identität. Es gibt keine empirisch überprüfbare Analyse personaler Identität. Personen dürfen nicht mit ihren Körpern (z.B. Gehirnen) oder ihren mentalen Eigen­schaften (z.B. Erinnerungen) gleichgesetzt werden. Es liegt dann nahe, Personen als nicht weiter analysierbare Entitäten (Sub­stanzen) eigener Art zu be­greifen, die sich nicht weiter kriteriologisch bestimmen las­sen.

 

Im folgenden soll exemplarisch für jede der drei Grundpositionen ein Hauptvertreter vorgestellt werden. Anschließend stellen wir zwei alternative Positionen dar: Die eine stellt die Relevanz personaler Identität über­haupt in Frage, die andere versucht eine Bestimmung personaler Identität, welche die klaren Grenzen des Dreierschemas sprengt.

 

Identität als körperliche Kontinuität: Bernard Williams

 

Bernard Williams wendet sich gegen ein psychologisches Kriterium der personalen Identität zu Gunsten eines körperlichen Kriteriums. Wenn ein psychologisches Kri­terium richtig ist und körperliche Kontinui­tät nicht notwendig ist, dann kann es Fälle geben, in welchen eine Person nacheinander zwei verschiedene Körper besitzt, die nicht durch raum‑zeitliche Kontinuität miteinan­der verbunden sind. Das ist aber nach Wil­liams nicht möglich. Um dies zu zeigen, entwickelt er zwei Argumente:

 

1) Das psychologische Kriterium besagt, daß P2 zum Zeitpunkt t2 mit P1 zum Zeit­punkt t1 identisch ist, wenn P2 sich an die Erlebnisse und Handlungen von P1 zutref­fend zu erinnern scheint und P2 charakter­lich und in ihren mentalen Fähigkeiten P1 gleicht. Warum sagen wir dann aber nicht, P2 gleiche P1, ohne mit P1 identisch zu sein? Wenn es logisch möglich ist, daß P2 so beschaffen ist, daß sie P1 in allen ihren psychischen Eigenschaften gleicht, ohne denselben Körper wie P1 zu besitzen, war-um sollte es dann nicht logisch möglich sein, daß zum selben Zeitpunkt t2 eine wei­tere Person P3 ebenso beschaffen ist, daß sie P1 in allen ihren psychischen Eigenschaften gleicht, ohne denselben Körper wie P1 zu besitzen? P1 kann jedoch nicht mit zwei verschiedenen Personen zugleich identisch sein. Es ist aber auch nicht plausibel, daß P1 nur mit P2 oder nur mit P3 identisch ist, weil beide nach dem psychologischen Krite­rium gleichwertige (ununterscheidbare) Kandidaten sind. Damit kann das psycholo­gische Kriterium für personale Identi­tät nicht ausreichend sein. Auf seiner Basis ist eine Unterscheidung zwischen vollkom­me­ner Übereinstimmung in den Eigenschaf­ten und numerischer Identität nicht möglich. Dies gewährleistet erst der Körper.

 

2) In der Sorge um unsere eigene Zukunft sind wir auf besondere Weise an der Zu­kunft unseres Körpers interessiert. Dazu ein fiktives Beispiel von Williams: Angenom­men, mir wird mitgeteilt, daß ich zu einem späteren Zeitpunkt gefoltert werde. Man sagt mir aber zugleich, daß vor diesem Zeitpunkt alle meine Erinnerungen gelöscht werden und ich mit neuen Erinnerungen versorgt werde. Auch meine charakterlichen Eigenschaften werden durch andere ersetzt. All dies wäre kein Grund dafür, keine Angst vor der Folter zu haben. Nach Wil­liams gibt es aber auch keine Begründung für die Annahme, die Situation ändere sich, wenn mir zusätzlich mitgeteilt würde, meine Erinnerungen und meine charakterlichen Eigenschaften würden auf einen anderen Körper übertragen. Dies läßt sich nur da­durch erklären, daß ich mich in besonderer Weise mit meinem Körper identifiziere. Mentale Eigenschaften sind für Personen nicht irrelevant, aber Personen sind wesent­lich Körper. Ohne die Kontinuität des le­benden Körpers gibt es keine Identität der Person.

 

Dieser Ansatz wirft jedoch schwierige Fra­gen auf: Wie schon erwähnt, ist für die Identität der Person das Gehirn von beson­derer Bedeutung. Ist aber das ganze Gehirn notwendig? Schon heute überleben Men­schen mit nur einer Hälfte der Großhirnrin­de. Fordern wir aber nur die Kontinuität einer Hemisphäre des Gehirns, dann ist es denkbar, daß die zwei Gehirnhemisphären einer Person in zwei verschiedene Körper verpflanzt werden. Mit welcher der beiden entstehenden Personen ist die ursprüngliche Person dann identisch? Mit beiden kann sie nicht identisch sein. Das Verdopplungspro­blem des psychologischen Kriteriums wie­derholt sich.

 

Identität als psychologische Kontinuität: David Lewis

 

Die modernen Nachfolger des Lockeschen Ansatzes sehen die Verbundenheit und Kontinuität psychischer Zustände als Gar­anten der personalen Identität. Die konti­nuierliche Sukzession psychischer Zustände in der Zeit wird durch eine geeignete kausa­le Verbundenheit dieser Zustände sicherge­stellt. Lewis gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Vertreter eines verfeinerten psychologischen Kriteriums. Die Konse­quenzen des Ansatzes werden am deutlich­sten, wenn man hypothetisch einige Ex­trem­fälle betrachtet. Wenn sich beispiels­weise der Informationsgehalt eines Gehirns auf ein anderes Gehirn übertragen ließe, dann hät­ten beide dieselben mentalen Eigenschaften. Wäre die Kopie dann mit dem Original identisch? Wie bereits er­wähnt, legen es empirische Befunde nahe, daß eine Hemi-sphäre ausreicht, um das mentale Leben einer Person hervorzubrin­gen. Theoretisch könnte man also das Ge­hirn einer Person teilen und in zwei ver­schiedene Körper transplantieren. Die aus der Aufspaltung resultierenden Personen stünden nun in psychologischer Verbunden­heit und Konti­nuität mit dem Vorgänger. Auf der anderen Seite könnte man sich vorstellen, daß man die Teile der Gehirne von zwei Personen in ein neues Gehirn fusioniert. Wenn man P1 mit P2 so fusio­niert, daß das Fusionsprodukt halb mit P1 und halb mit P2 psychologisch verbunden ist, dann folgt, daß es eine nur graduelle psychologische Kontinuität geben kann. Ebenso kann eine an der Alzheimer-schen Krankheit leidende demente Person nur in denkbar geringem Maße psycholo­gisch mit ihrer Vergangenheit verbunden sein. Wird dadurch die personale Identität gefährdet?

 

Obwohl solche Gedankenspiele oft abwegig erscheinen, offenbaren sie doch ein grund-sätzliches Problem des psychologischen Kri-teriums. Es läßt Fälle zu, in denen die Be­ziehung zwischen Stadien in der Entwick-lung der Person nicht mehr eins-zu-eins ist  bzw. graduelle Abstufung zuläßt. Die for­male Beziehung der Identität ist aber eins-zu-eins und läßt keine Grade zu.  Kommt es beim Überleben nun auf psychologische Verbundenheit oder formale Identität an? Lewis löst das Problem durch folgende Unterscheidung: Wenn man sagt, daß es beim Überleben auf mentale Kontinuität und Verbundenheit ankommt, dann spricht man über eine Beziehung zwischen momen­tanen Personenstadien. Wenn man sagt, es komme beim Über­leben auf Identität an, dann spricht man über Personen als zeitlich ausgedehnte Kontinuanten, die zu verschie­denen Zeiten verschiedene Stadien haben. Eine Person als zeitliches Kontinuans ist nichts anderes als die auf richtige (kausale) Weise verbundene Kette von Erfahrungen.

 

 

Lewis' Konzeption ist in diesem Sinne rela-tional. Die gesamte kontinuierliche Sukzes­sion von psychologischen Zuständen ist die Person. Die Person ist keine Substanz, die durch die Zeit fortbesteht und Träger ver­schiedener mentaler Eigenschaften ist. Die Person ist ein Aggregat (eine mereologische Summe) von Personenstadien. Die Stadien sind Teile der Person. Zwischen den einzel­nen Personenstadien besteht selbstverständ­lich keine Identität im formalen Sinn. Mein momentaner psychischer Zustand ist nicht identisch mit einem meiner zukünftigen psychischen Zustände. Trotzdem bleibe ich derselbe, weil beide Zustände Teile eines Aggregats miteinander verbundener Zustän­de sind. Nun können aber verschiedene Aggregate Teile gemeinsam haben. Daraus ergibt sich die bemerkenswerte Konsequenz, daß die beschriebenen extremen Möglich­keiten von Verschmelzung und Aufspal-tung als Fälle von Stadienteilung sich par­tiell überlappender kontinuierlicher Perso­nen betrachtet werden müssen. Würde ich also in Zukunft auf die beschriebene Weise aufgespalten, so wäre ich bereits jetzt eigentlich zwei Personen, die sich vorüber­gehend raum-zeitlich überlappt hätten. Diese kontraintuitiven Konsequenzen sind die Grundlage für die stärksten Argumente gegen die Position von Lewis.

 

Personen als irreduzible einfache Entitä­ten: Richard Swinburne

 

Swinburne unterscheidet zwischen dem, was wir meinen, wenn wir von Identität spre­chen, dem Wesen der Identität, und den Merkmalen, woran wir Identität erkennen, den Kriterien der Identität. Psychische und körperliche Kontinuität sind für ihn nur empirische Kriterien, sie sagen uns nicht, worin die Identität von Personen besteht. Dafür nennt er zwei Gründe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Richard Swinburne

 

1) Beide Kriterien sind nicht in jedem Fall eindeutig. Immer sind auch Fälle denkbar, in denen mehr als ein Kandidat die Krite­rien erfüllt. Eine Person zu einem früheren Zeitpunkt kann aber nicht mit zwei ver­schiedenen Personen zu einem späteren Zeitpunkt identisch sein. Diese Möglichkeit könnte zwar einfach per definitionem ausge­schlossen werden, doch dabei handelt es sich um eine willkürliche Lösung, die nicht in der Sache selbst begründet ist.

 

2) Sowohl körperliche als auch psychologi­sche Kontinuität läßt Grade zu. Damit gibt es immer Fälle, in welchen die Frage nach der Identität vage wird. Dies läßt sich aus der Perspektive der ersten Person nicht nachvollziehen. Ich kann mir nicht sinnvoll vorstellen, daß ich zukünftig nur zu einem bestimmten Grad existiere.

 

Die einzige Lösung für diese Probleme sieht Swinburne in einer Auffassung von Perso­nen als irreduziblen einfachen Entitäten: Das, was die Identität der Person bestimmt, ist eine unteilbare immaterielle Substanz, die Träger der Person ist. Er belebt damit die Vorstellung von einer immateriellen Seele wieder. Daß dies die plausibelste Lösung ist, begründet er folgendermaßen: Wir können uns logisch widerspruchsfrei vorstellen, daß wir als dieselbe Person einen andern Körper besitzen oder ganz ohne Körper existieren könnten. Wären wir mit unserem Körper identisch, dann wäre eine solche Vorstellung nicht widerspruchsfrei möglich. Der Körper von Personen ist kein wesentlicher Teil von ihnen, weil es lo­gisch möglich ist, daß sie ohne diesen Körper existieren könnten. Psychische und physika­lische Kontinuität sind Kriterien für die Identität von Personen, denen wir im Alltag vertrauen dürfen. Es kann aber Fälle geben, in welchen die Identität durch diese Krite­rien alleine nicht bestimmt ist, weil sie das Wesen der Identität nicht erfassen, das in einer immateriellen Substanz liegt.

 

 

Dieser Lösungsversuch wirft jedoch neue Probleme auf: a) Ist alles, was uns wider­spruchsfrei vorstellbar erscheint, auch wirk­lich logisch möglich? Wenn Personen mit Körpern identisch sind, dann scheint es nur widerspruchsfrei vorstellbar, eine be­stimmte Person könnte auch mit einem anderen Kör-per oder ohne Körper existie­ren. b) Wie sol-len wir uns immaterielle Substan­zen vorstel­len? Wie interagieren sie mit Kör­pern? Was bestimmt, ob sie mit dem einen oder mit dem anderen Körper interagieren? c) In Pro-blemfällen reichen die empirischen Kri­terien nicht aus, um die Identität von Perso­nen zu bestimmen. Wie plausibel ist der Ausweg, daß es über diese Kriterien hinaus etwas gibt, von dem wir prinzipiell nie mit Sicher­heit wissen können, ob es der Fall ist oder nicht?

 

Irrelevanz personaler Identität: Derek Parfit

 

Parfit will zeigen, daß die Suche nach ein-deutigen Identitätskriterien für Personen ir-relevant ist. Identität ist für das Überleben nicht notwendig. Personen können nach Parfit keine Körper sein. Radikale psychi­sche Veränderungen einer Person können dazu führen, daß wir nicht mehr von dersel­ben Person sprechen, obwohl sie denselben Körper besitzt. Es ist aber auch vorstellbar,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Derek Parfit

 

daß dieselbe Person durch unterschiedliche Körper realisiert wird.

 

Für Personen ist nach Parfit vielmehr die psychologische Kontinuität wesentlich. Das Fortdauern (Überleben) einer Person ist da-durch bestimmt, daß gegenwärtige psychi­sche Zustände in kausaler Verbindung mit vergangenen oder zukünftigen psychischen Zuständen stehen (z.B. Erinnerungen mit Erlebnissen oder Absichten mit Handlun­gen). Die Kontinuität dieser Verbindungen nennt er Relation R. Sie ist eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für personale Identität.

 

Normalerweise wird R durch die Kontinuität des lebenden Gehirns verursacht. Für das Bestehen von R spielt das aber nach Parfit keine Rolle. Eine Augenprothese ist genau­so gut wie ein natürliches Auge, wenn sie normales Sehen ermöglicht. Eine Gehirnpro­these ist genauso gut wie das natürliche Ge-hirn, wenn sie die gleichen mentalen Zu­stände und die Relation R ermöglicht.

 

Normalerweise gehen Identität und Relation R zusammen. Wenn es sich herausstellte, daß eine Person P1 immer nur zu einer ein-zigen Person P2 in der Relation R stehen könnte, dann kämen Identität und Relation R immer nur zusammen vor. Nach Parfit ist das aber nicht der Fall. Ähnlich wie Swin­burne argumentiert er, daß die Relation R nicht in jedem Fall eindeutig ist und mehr als eine Person in Relation R zu einer frü­heren Person stehen kann. Diese Möglich­keit läßt sich auch durch einschränkende Klauseln nicht einfach eliminieren. Diese machen nämlich die Identität entweder von externen Faktoren abhängig, indem sie per definitionem einen konkurrierenden Kandi­daten ausschließen. Oder sie machen sie von einem trivialen Faktum abhängig, das nur von einem Kandidaten erfüllt werden kann, z.B. einer Mindestmenge an Gehirn­substanz, die kontinuierlich vorhanden sein muß. Zwischen einem Kandidaten, der das Krite­rium gerade noch erfüllt, und einem Kan­didaten, der es gerade nicht mehr er­füllt, gibt es aber keinen wesentlichen Unterschied.

 

Einschränkende Klauseln hält Parfit deshalb für inadäquat. Die Swinburne'sche Lösung kann Parfit aber auch nicht akzeptieren. Die Annahme einer immateriellen Substanz ist für ihn unplausibel, solange wir keinen empirischen Beleg, wie überzeugende Bei­spiele von Seelenwanderung, dafür haben. Auch gibt es keine direkte Wahrnehmung einer solchen immateriellen Substanz. Das einzige, was uns zugänglich ist, sind unsere psychischen Zustände und ihre Verbindun­gen untereinander, die normalerweise, aber nicht notwendigerweise durch die Kontinui­tät unseres Gehirns verursacht werden.

 

Parfit zieht aus dieser Argumentation die Folgerung, daß die Identität einer Person für uns keine Rolle spielen sollte, sondern nur die psychische Kontinuität (R), egal wo­durch sie verursacht ist. Daß wir von Perso­nen sprechen, die psychische Zustände be-sitzen, beruht allein auf einer sprach­lichen Konvention und bringt keine meta­physische Tatsache zum Ausdruck. Perso­nen sind voll-kommen auf die Relation R reduzierbar. Nicht meine Identität ist von Bedeutung, sondern das Bestehen von R. R kann zu verschiedenen anderen Personen bestehen und ist graduell. Damit kommt auch der Verantwortung für die eigene Vergangen-heit und Zukunft weniger Be­deutung zu.

Das zentrale Problem dieser Konzeption be-steht darin, daß sich unser alltäglicher Per­sonbegriff auflöst. Da wir keine hinreichen­den Identitätsbedingungen für Personen an-geben können, wird die Rede von Perso­nen überhaupt fragwürdig. Was tritt dann an die Stelle der Person? Gemäß der Parfit'­schen Konzeption sind es relativ kurzzeitige Ket­ten von psychischen Zuständen. Können diese die Nachfolge des Personbegriffs übernehmen? Können solche Ketten psychi­scher Zustände einen Charakter haben und Verantwortung tragen? Können wir uns aus unserer Perspektive mit solchen Wesen identifizieren? Oder müssen wir auch die Begriffe von Verantwortung, Charakter und Lebensplan mit dem Personbegriff revidie­ren? Wie weit kann aber die Revision unse­rer alltäglichen Annahmen gehen, ohne uns handlungsunfähig zu machen?

 

Personen als lebendige Organismen: David Wiggins

 

David Wiggins hat eine Theorie der perso­nalen Identität vorgeschlagen, die Einsichten aus allen drei genannten Hauptalternativen in einen umfassenden Entwurf synthetisiert. Er verteidigt psychologische Kriterien als wichtige Elemente bei der Bestimmung des Personbegriffs. Sie müssen aber (im Sinne des körperlichen Kriteriums) auf ein biolo­gisches Fundament gestellt werden. Mit den Vertretern des einfachen Kriteriums verbin­det ihn der Rekurs auf den Substanz­begriff. "Person" ist ein Substanzbegriff, der sich auf Lebewesen einer bestimmten natürli­chen Art (homo sapiens) anwenden läßt. Die Ver-treter dieser Art verfügen im Nor­malfall über bestimmte mentale Eigenschaften (z.B. Selbstbewußtsein und Ratio­nalität). Letzte­re sind von den physiologi­schen Eigenschaften abhängig (superve­nient), ohne jedoch auf diese reduzierbar zu sein. Die Person ist also untrennbar von einem lebendigen Orga­nismus, sie ist aber aufgrund ihrer mentalen Eigenschaften nicht mit diesem Organis­mus identisch. Die Person transzen­diert ihren Körper, weil sie nicht-körperli­che Eigen­schaften besitzt. Die raum­zeitliche Kontinui­tät des Lebewesens genügt aber, um die Person zu individuie­ren. Ein Bei­spiel: Ein völlig dementer Pa­tient, der zu einem frühe­ren Zeitpunkt be­reits als Person identifiziert wurde, der sich aber nun in keiner psycho­logischen Verbun­denheit mit seinen vergan­genen psychi­schen Zuständen befindet, ist dennoch diesselbe Person, da es sich um denselben lebenden Organismus handelt

 

Wiggins be­stimmt den Personbegriff also nicht funktional (d.h. nicht im Hinblick auf bestimmte für Personen typische Fähigkei­ten). Perso­nen sind Substanzen. Im Sinne Putnams und Kripkes will Wiggins Sub­stanzbegriffe nicht durch eine beschreibende Auflistung aller notwendigen Eigenschaften bestimmen. Substanzbegriffe sind Begriffe natürlicher Arten. Sie werden unter anderem dadurch festgelegt, daß man einige normale Exem­plare der natürlichen Art als Referenz des Begriffs herausgreift. Was eine natürli­che Art ist, muß dann durch die besten em-piri­schen Theorien herausgefunden wer­den. Die besten empirischen Theorien beschrei­ben die Einbettung der natürlichen Art in das nomologische Netzwerk der Natur. "Person" ist ein Substanzbegriff in diesem Sinn. Wenn Personen Angehörige natürli­cher Arten sind, unterscheiden sie sich grundsätzlich von Entitäten, deren Identi­tätsbedingungen von konventionellen Fakto­ren ab­hängen. Personen sind also keine sozialen Konstrukte. Sie sind auch keine Artefakte wie Maschinen und Roboter. Nur ein We­sen, das auf die richtige Weise kau­sal mit den anderen Vertretern der Art verbunden ist, gehört zu dieser Art. Daher bestreitet Wiggins auch die Relevanz von Gedanken­experimenten der Aufspaltung und Ver­schmelzung von Personen. Im Kon­text ihrer naturgesetzmäßigen Einbettung haben menschliche Organismen klare Indi­vidua­tionskriterien. Wenn man die Organis­men durch allerlei (zudem bloß hypotheti­sche und völlig unterbestimmte) Science-Fiction-Experimente der Hirnspaltung und Informa-tionsübertragung völlig denaturiert hat, so handelt es sich nicht mehr um Exemplare einer natürlichen Art, sondern um Artefak­te. Für solche gibt es nur kon­ventionelle Identi­tätskriterien.

 

Ein zentrales Problem in Wiggins Ansatz besteht in der genauen Bestimmung des Verhältnisses von mentalen und physischen Eigenschaften der Person. Welche Rolle spielen die mentalen Eigenschaften, wenn menschliche Wesen im Koma immer noch Personen sind? Menschliche Personen kön­nen nicht ohne die Grundlage eines lebendi­gen menschlichen Organismus existieren. Kann es aber nicht sein, daß ein lebender menschlicher Organismus existiert, ohne eine Person zu sein?

 

 

LITERATUR ZUM THEMA

 

Baillie, J.: Problems in Personal Identity, 1993, Paragon House Publisher, New York.

Sehr leicht verständliche Einführung; hin­ter­fragt die Tauglichkeit der Gedankenexpe­rimente und Puzzle‑Cases.

 

Bourgeois, W.: Persons: what philoso­phers say about you. Viii, 340 p., $ 29.95, 1995, Wilfrid Laurier, Waterloo, Ontario.

Einführungstext mit breitem geschichtlichen Abriß bis in die Antike.

 

Lewis, D.: Überleben und Identität, 1976, in:  Siep 1983.

Logisch konsequent durchdachte Darstel­lung des psychologischen Kriteriums.

 

Locke, J.: Of Identity and Diversity, in: Perry 1975. Geschichtlich grundlegender Text für die heutige Debatte über den Per­sonbegriff.

 

Noonan, H. (Hg.): Personal Identity, 1993, Dartmouth. Aus­führliche Samm­lung ge­gen­-

 

wärtiger Texte zur personalen Iden­tität.

 

Parfit, D.: Reasons and Persons, Teil III, 1987, 543 p., £ 12.--, Clarendon Press, Oxford. Vollständigste Dar­stel­lung der Par­fit'schen Position; verknüpft meta­physi­sche Fragen mit ethischen Proble­men.

 

Perry, J. (Hg.): Personal Identity, Berke­ley, University of California Press, 1975. Samm­lung mit Texten von Locke bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

 

Perry, J.: A Dialogue on Personal Identi­ty and Immortality, in: Feinberg, J. (Hg.), Rea­son and Responsibility, Wadsworth, Belmont u.a. 91996, 383-400. Didaktisch gute Darstel­lung der drei Hauptpositionen in Form eines „platonischen“ Dialogs.

 

Quante, M.: Die Identität der Person: Facet­ten eines Problems, Philosophische Rundschau 42 (1995). Einführender deut­scher Text.

 

Siep, L. (Hg.): Identität der Person - Auf-sätze aus der nordamerikanischen Gegen­wartsphilosophie. 174 S., kt., DM 41.--, 1983, Schwabe, Basel. Ein­zige deutsche Aufsatzsamm­lung mit Texten bis Anfang der 80er Jahre

 

Swinburne, R. und S. Shoemaker, Perso­nal Identity, Blackwell, Oxford 1984. Darstellung der Swin­burne'schen Position zusammen mit einem Gegenentwurf Shoemakers.

 

Wiggins, D.: Locke, Butler and the Stream of Consciousness, in: Noonan 1993. Über­sichtliche Darstellung der Posi­tion von Wiggins

 

Williams, B.: Probleme des Selbst. Philo­so­phi­sche Aufsätze 1956-1972. Kt., DM 15.,--, Rec­lam UM 9891, 1978, Reclam, Stutt­gart 1978. Aufsatzsammlung mit Texten von Wil­liams zur personalen Identität und ver­wandten Themen.

  

UNSERE AUTOREN:

 

G. Brüntrup ist Dozent an der Hochschule für Philosophie in München, wo B. Gil­lit­zer an seiner Promotion arbeitet.

 

 




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