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INTERVIEW

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Wo steht die Philosophiedidaktik heute? Fragen an Philipp Richter

aus: Heft 4/2021, S. 91-94
 
Fragen an Philipp Richter, den Vorsitzenden der neugegründeten Gesellschaft für Philosophie- und Ethikdidaktik e. V.
 
 
Herr Richter, Philosophieunterricht gibt es bereits seit einigen Jahrhunderten. Wozu braucht es da noch Forschung?
 
Philipp Richter:Forschung braucht es mit Blick auf die vielfältigen Bereiche der Bildung sowie des Lehrens und Lernens immer, für den Philosophieunterricht, wie er institutionell auf uns gekommen ist, aber ganz besonders. Der Philosophieunterricht, auf den sich die wissenschaftliche Disziplin der Philosophiedidaktik in Deutschland heute bezieht, ist ein Produkt der Reform der gymnasialen Oberstufe von 1972. Der Philosophieunterricht hat misslicherweise bis heute, außer im Bundesland Berlin, den Status eines negativ definierten Ersatzfaches. Wer keinem konfessionellen Religionsunterricht angehört oder nicht angehören möchte, für den muss ein Besuch des Philosophie- bzw. Ethikunterrichts ermöglicht werden.
 
Für die Gesellschaft für Philosophie- und Ethikdidaktik (GPED) ist die weitere und endgültige Etablierung des Fachs Philosophie an den Schulen ein Zukunftsprojekt, das durch fachdidaktische Forschung flankiert und aufgewertet werden sollte. Je besser wir verstehen, was im Philosophieunterricht passiert oder passieren sollte, desto besser lassen sich die Leistungen und Grenzen des Faches öffentlich kommunizieren. Alle Schülerinnen und Schüler sollten gemeinsam in Kontakt mit philosophischem Denken kommen, nicht zuletzt, weil diese Bildungsmöglichkeit allen eröffnet und auch für die politische Kohäsion und Demokratieteilhabe genutzt werden sollte.
 
Die neue Gesellschaft will diese Forschung intensivieren und professionalisieren. Nun gibt es dazu bereits seit längerem ein „Forum für Didaktik der Philosophie und Ethik“. Warum diese Neugründung?
 
Ein wichtiger Unterschied zwischen Forum und GPED besteht im rechtlichen Status. Während das Forum eine relativ freie Interessengemeinschaft ohne rechtliche Form ist, hat die GPED seit Oktober 2020 sehr erfolgreich viele organisatorische Hürden genommen und ist nun ein eingetragener Verein, dessen Gemeinnützigkeit vom Finanzamt anerkannt wurde. Alle Aktivitäten des Vereins sind daher transparent, überindividuell festgelegt und rechtssicher. Rechte und Pflichten des Vorstandes und der Mitglieder sind in der Satzung klar geregelt. Die Vereinsgründung war aber auch ein unerlässliches Mittel, um in die Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD) eintreten zu können. In diesem Dachverband kooperieren seit 2001 alle fachdidaktischen Disziplinen; die Philosophie war hier bislang nicht vertreten. Eine Vernetzung von Philosophiedidaktik und GFD war übrigens ein Anliegen, das auch im Forum artikuliert wurde. Ich will betonen, dass das Forum und die GPED keine Konkurrenzveranstaltungen sind: Es gibt einen regen Austausch und viele Kolleginnen und Kollegen sind in beiden Formaten aktiv. Der GPED geht es jedoch explizit um die Erforschung des Lehrens und Lernens von Philosophie im Austausch mit den größtenteils schon stärker etablierten fachdidaktischen Disziplinen.
 
Philosophiedidaktik ist seit einigen Jahren ein wachsendes Unternehmen – insbesondere was die Professuren betrifft. Was ist da geschehen?
 
Es wurde ersichtlich, dass die Philosophie im Vergleich mit den anderen, sehr professionellen und etablierten Fachdidaktiken einen großen Nachholbedarf hat. Im Gegensatz zu anderen Fächern wissen wir noch viel zu wenig über den realen Unterricht in unserer Fächergruppe. Es ist dringend erforderlich zu erforschen, was eigentlich im Philosophieunterricht passiert – vor allem wie Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Situationen denken, handeln und reagieren. Auf dieser Wissensgrundlage können dann fundierte, auch direkt handlungsorientierende Schlüsse gezogen werden. Für diese Aufgabe sind Professuren erforderlich, da diese für die Entwicklung von Forschungsprogrammen und -Methoden zuständig sind. In der Forschung liegt neben der immer auch forschungsbasierten Lehre die Existenzberechtigung von Professuren.
 
Die Philosophiedidaktik war in den letzten Jahrzehnten von einem dialogisch-pragmatischen Ansatz geprägt, der Philosophieren als Kulturtechnik sieht. Nun sind dessen Hauptvertreter bereits seit längerem im Ruhestand. Welche Bedeutung hat dieser Ansatz heute noch?
 
 
Die Vieldeutigkeit des Ansatz-Begriffs ist etwas irritierend. Ähnlich wie im Falle des Modell-Begriffs kann in der allgemeinen oder fachlichen Didaktik damit Unterschiedliches gemeint sein. „Ansätze“ können zum einen den Zusammenhang von normativen Thesen und Begründungen bezeichnen, die in präskriptiver Absicht vorgetragen werden (z. B. Empfehlungen für die Unterrichtsplanung und -durchführung). Es können jedoch auch theoretisch-analytische Konstrukte gemeint sein, die deskriptiv als Erkenntnisinstrumente zur Beschreibung, Systematisierung und Erforschung von Unterrichtsgeschehen eingesetzt werden. In dieser Funktion können „Ansätze“ durch eine theoretische und erfahrungsgesättigte Begrifflichkeit z. B. Zusammenhänge sichtbar machen, die sonst verborgen geblieben wären. Dabei gibt es unterschiedliche Grade an Theorie- und Empirie-bezug. Der nur anekdotischen Versicherung („das klappt immer“, „darauf springen meine Schüler an“) sollte jedoch kein allzu großes Gewicht beigemessen werden. Konzepte müssen in Bezug auf wirklichen Unterricht formuliert und dort auf einer möglichst breiten Basis erprobt und verfeinert werden. Eine normative Theorie, die diesen Bezug nicht herstellt, kann nicht überzeugen. Wie ich aus Schulen und von zahlreichen Lehrerfortbildungen weiß, sind Lehrkräfte allerdings sehr gut darin, eigenständig Konzepte für den gelingenden Unterricht zu entwickeln. So hat der dialogisch-pragmatische Ansatz vermutlich eher eine akademische Diskursformation in einschlägigen Zeitschriften der letzten Jahrzehnte oder auch manches Lehrplandenken mitgeprägt. Jedoch reduziert jeder „Ansatz“ – implizit oder explizit – die Unterrichtswirklichkeit relativ zu bestimmten Fragestellungen oder Zielsetzungen. Dieser Reduktion sollten wir uns bewusst sein. Mir scheint, die Zeit der großen Würfe ist vorbei, und wir sollten uns konkreten, kleinteiligen Fragen zuwenden, ohne in zu allgemeine Thesen mit normativem Überschuss zurückzufallen.
 
Einer ihrer Kollegen meinte kürzlich, die Philosophiedidaktik müsse ganz von vorne anfangen. Teilen Sie diese Meinung?
 
Ich stimme dem Kollegen insofern zu, dass nochmals neu und vertieft durchdacht werden muss, welche Perspektiven und Forschungszugänge zum Gegenstand es in der Philosophiedidaktik geben kann und geben sollte. Die vielen verschiedenen Möglichkeiten, ein forschendes Verhältnis zum Philosophieunterricht einzunehmen, sollten entwickelt, diskutiert und erprobt werden. Hier hat die Philosophiedidaktik in der Tat Nachholbedarf und wir können von den anderen Fachdidaktiken durch die Verbindungen in der GFD lernen. Womöglich hatte sich hier der philosophiedidaktische Diskurs der letzten Jahre durch andere Schwerpunktsetzungen etwas festgefahren. Jetzt gilt es neue und vielfältige Akzente zu setzen. Dabei ist die Wahrung der Diversität der Forschungszugänge und Perspektiven ein wichtiges Anliegen und erklärtes Ziel der GPED. Es sollen keine Mainstream-Meinungen vorgegeben oder gar Schulen etabliert werden. Auf Tagungen und in Mitgliederversammlungen der GPED herrscht in der jüngeren Generation wohl auch wegen des offenen und undogmatischen Zuschnitts eine regelrechte Aufbruchstimmung.
 
In welche Richtung sehen Sie die Didaktik sich entwickeln?
 
Es gibt zahlreiche interessante Forschungs-themen, die mit vereinten Kräften der GPED förderungsreif gemacht werden können oder andere, die bereits in Formaten gefördert werden (z. B. das DFG-Netzwerk zur Argumentationsdidaktik oder interdisziplinäre, fachdidaktische Projekte mit QLB-Förderung). Nicht zuletzt erklärte unlängst der neugewählte, designierte Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, dass es gerade die Philosophiedidaktik sei, die in den letzten 3-4 Jahren eine äußerst erstaunliche Entwicklung durchlaufen und vorzuweisen habe. Das Standing der Philosophiedidaktik in der Fachcommunity ist also im Aufwind begriffen, so dass hier auch intensive Kooperationen mit der Fachphilosophie in Aussicht stehen. Weitere Zukunftstrends sehe ich in der interdisziplinären Kooperation im Rahmen der GFD sowie in der zusätzlichen Internationalisierung der Beforschung von Philosophieunterricht weltweit.
 
Wo sehen Sie interessante Ansätze, die es weiter zu verfolgen gilt?
 
Einerseits scheint es wichtig, die oben genannten methodischen und metaphilosophischen Grundsatzfragen eines forschenden Verhältnisses zum Philosophieunterricht zu vertiefen. Andererseits sind es viele konkrete auf Unterrichtssituationen und -szenarien bezogene Fragen, die wir detailliert und auch empiriebezogen bearbeiten können. Beispielsweise meine ich damit die Erhebung und Systematisierung von Präkonzepten und Denkweisen, die Schülerinnen und Schüler zu bestimmten philosophischen Problemen mit in den Unterricht bringen. Oder das minutiöse Testen und Verfeinern von verschiedentlich operationalisierten Aufgaben für das Lesen und Schreiben philosophischer Texte. Dabei scheint es besonders wichtig, die Lehrer- und Schülerperspektive im und auf Unterricht zu erschließen.
 
Wie weit unterliegt die Philosophiedidaktik Zwängen, die von außen vorgegeben?
 
Glücklicherweise ist in Deutschland die Freiheit von Lehre und Forschung grundgesetzlich garantiert. Es gibt jedoch bedingte Zwänge, die sich z. B. aus Zeit- und Ressourcenmangel oder den Rahmenvorgaben für Studiengänge ergeben (in NRW z. B. das Praxissemester). Kein Zwang, aber eine wichtige Daueraufgabe besteht in den anfälligen Abstimmungen von Abläufen zwischen Schulen, Universitäten und Zentren für schulische Lehrerbildung. Diese werden an Universitäten jedoch zumeist zentral moderiert.
 
Was es allerdings schon zu bemerken gilt: Oftmals werden bestimmte bildungspolitische Erwartungen und Forderungen an die Philosophiedidaktik herangetragen, die jedoch philosophiedidaktisch kontrovers sind. Zum Beispiel die Erwartung, Philosophie und Ethik müssten in der Schule eine wertevermittelnde Rolle einnehmen – was aber mit dem Selbstverständnis der philosophischen Ethik als einer reflexiv-kritischen Disziplin nicht ohne weiteres vereinbar ist.
 
Einige namhafte Philosophieprofessoren sagten mir, die Person ihres Philosophielehrers sei es gewesen, die ihr Interesse an der Philosophie geweckt habe. Kann in der zu starken Verwissenschaftlichung der Didaktik nicht auch eine Gefahr liegen?
 
Wissenschaft ist ein ergebnisoffener Forschungsprozess. Die wissenschaftliche Untersuchung von Philosophieunterricht könnte ja beispielsweise durchaus zeigen, dass der Ablauf des Verstehens (z. B. von Argumenten und Texten) in der Schule ganz anders als in der akademischen Bezugsdisziplin abläuft oder ablaufen sollte. Die Fachdidaktik als Wissenschaft könnte womöglich auch zeigen, wie es manche Studien in der Tat allgemein belegen, dass es gerade die wissenschaftlich schwer fassbare, aber praktisch ausgedrückte Begeisterung der Lehrkraft oder die Lehrerpersönlichkeit sind, die Schülerinnen und Schüler für das Fach Philosophie einnehmen. Um dies aber feststellen zu können, müssen wir Wissenschaft treiben. Ohne Wissenschaft kennen wir die Gründe nicht. Wenn wir die Gründe kennen, dann kann sich jede Lehrkraft zu diesen verhalten und womöglich klarer als zuvor eine eigenständige Position zu ihrem Philosophieunterricht einnehmen.
 
Die Gesellschaft nennt sich Gesellschaft für „Philosophie- und Ethikdidaktik“. Ist das ein Titel für etwas Gemeinsames oder unterscheiden sie spezifisch zwischen einer Philosophiedidaktik und einer Ethikdidaktik?
 
Der Grund für diese verstärkende Doppelbenennung ist vor allem in der bundeslandspezifisch diversen Bezeichnung des Schulfachs aus der fachdidaktisch relevanten Fächergruppe zu sehen. Der auf Philosophie bezogene Schulunterricht trägt in jedem Bundesland und auch oft je nach Sekundarstufe einen anderen Namen. Die Forschung der GPED soll sich aber auf alle Fächer des Spektrums beziehen und auch alle dazu gehörigen Spezialfragen integrieren. Auf den ersten Blick liegt der Unterschied der beiden Disziplinen im Gegenstandsbereich – die Ethik ist eine Teildisziplin der Philosophie. Allerdings lassen sich ethische Fragen nicht sinnvoll ohne Bezug auf andere Fragen der Philosophie, z. B. metaphysische, handlungstheoretische oder erkenntnistheoretische Themen, behandeln. Insofern haben beide Bestandteile des Namens gleichermaßen den Bezug auf Kenntnisse und Methoden aus der Philosophie. Spezielle Unterschiede der Didaktiken zu ermitteln, wäre eine weitere Forschungsaufgabe.
 
Welches sehen Sie als die nächsten Aufgaben Ihres Vereins?
 
Wir haben in diesem Jahr schon viel bewegt, z. B. die offizielle Gründung des Vereins, Eintrag ins Vereinsregister und Geschäftsfähigkeit, Einrichtung der Verwaltungsabläufe, der Homepage, Beitritt zur GFD und Kooperation mit dieser sowie Veranstaltung von Mitgliederversammlungen, einer großen Tagung und des Forums für Lehre im Rahmen des DGPhil-Kongresses. Die nächsten Schritte sehe ich in der Fortführung des Aufbaus von weiteren Arbeitsgruppen zu spezifischen Forschungsthemen, die Gewinnung weiterer Mitglieder (auch aus Österreich und der Schweiz), die Vorbereitungen für die große Jahrestagung der GFD 2022 in Wien sowie die Planung einer eigenen Jahrestagung.
 
Ist irgendeine Publikationsform vorgesehen?
 
Es wurde auf der letzten Mitgliederversammlung das Desiderat identifiziert, dass es auch für die Philosophiedidaktik ein deutschsprachiges, durch Peer-Review qualitätsgesichertes Publikationsorgan geben sollte, das die Veröffentlichung von Forschungsbeiträgen in der üblichen Länge eines wissenschaftlichen Journalbeitrags (inklusive z. B. ausführlicher Fußnotenapparat) gestattet. Das wurde vor allem vom wissenschaftlichen Nachwuchs nachgefragt, dessen Förderung auch ein Anliegen der GPED ist. Um diesem Bedürfnis zu entsprechen und die Lücke zu schließen, ist derzeit ein Zeitschriftenprojekt in Planung.
 
Philipp Richter ist Professor für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Philosophiedidaktik und der praktischen Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.



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