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Jahrgang 2022 - Heft 3-4 / 2022 - letzte Ausgabe

BEITRÄGE ZUM JUBILÄUM 50 JAHRE INFORMATION PHILOSOPHIE Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Beiträge zum Jubiläum

Beiträge zum Jubiläum
 
Aus: Information Philosophie, Heft 3-4/2022, S. 8-61
 
 
Martin Bondeli: 50 Jahre Information Philosophie
 
Ein persönlicher Rückblick auf philosophische Tendenzen, Konjunkturen und Streitlagen, ein Wort der Anerkennung und eine Fußnote zur Philosophie der Epoche Kants und Hegels
 
50 Jahre Information Philosophie. Der Gedanke veranlasst mich spontan zu einem persönlichen Rückblick auf das philosophische Zeitgeschehen, nahm ich doch zwei Jahre nach der Gründung dieser verdienstvollen Zeitschrift das Studium der Philosophie an der Universität Bern auf, das mich für die Habilitation an die Universitäten Bochum und München führte.
 
In den 1970er-Jahren zählte ich zu jenen politisch engagierten Studierenden, die es, einem Diktum Lenins folgend, für geboten hielten, sich ausgiebig mit Hegels Wissenschaft der Logik zu befassen, um sich sodann den dialektischen Denkwegen in Marx’ Programm der Kritik der politischen Ökonomie widmen zu dürfen. Das war faszinierend, aber auch ungemein zeitraubend. Vor dem Hintergrund der heutigen Studienpläne und akademischen Bedürfnislagen ist dies kaum mehr vorstellbar. Wie bei vielen Studierenden meiner Generation stieß bei mir selbstverständlich auch die Lektüre von Schlüsseltexten der Frankfurter Schule, die kritisches gegen traditionelles Denken einforderten, auf Sympathie. Mit Adorno lernten wir, gegen ideologische Formen der verwalteten Welt mit einem Bewusstsein der Nichtidentität uns zu wappnen, mit Habermas, den historischen Materialismus unter Einbeziehung der Genese des Moral- und Rechtsbewusstseins und von Strukturen der Intersubjektivität zu rekonstruieren. Am stärksten prägte mich hierbei wohl das Bemühen, mit Marx’ Methodenbewusstsein und ausgehend vom »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, den es seit den 1960er-Jahren mit dem Kritischen Rationalismus Poppers auszufechten galt, eine denkeri-sche Perspektive zu gewinnen. Dies führte mich zur Rezeption Poppers, der Vertreter des Wiener Kreises und wissenschaftstheoretischer Autoren der Richtung Thomas W. Kuhns. Doch gleichfalls nicht wenige Exponenten der erklärten Gegenrichtungen neupositivistischen Philosophierens und dabei nicht zuletzt der notorisch umstrittene Antipode Carnaps, Martin Heidegger, standen auf meiner Leseliste. Ich sah mich hiermit in Kontroversen involviert, die vielerorts mit akademischen und politischen Grabenkämpfen einhergingen. Auf der einen Seite gab es die von renommierten amerikanischen Universitäten geförderten Spielarten der analytischen Philosophie, auf der anderen die vorwiegend an deutschsprachigen Universitäten favorisierten und zunehmend in die Defensive gedrängten Strömungen einer hermeneutischen, dialektischen und phänomenologischen Philosophie. Gegenseitiges Ignorieren, Verachten, Diffamieren war nicht unüblich.
 
An manchen amerikanischen und deutschen Universitäten bestand allerdings, wie ich in den späten 1980er-Jahren zur Kenntnis nehmen konnte, schon längere Zeit eine sich in den Fachdiskussionen als produktiv erweisende Durchlässigkeit der Fronten. Zudem waren die intellektuellen und politischen Konstellationen dort vielschichtiger und verwickelter. In den frühen 1990er-Jahren nahm die Bereitschaft zu, rigide Positionierungen aufzugeben und sich auf Formen einer kompetitiven Kooperation zu einigen. In dieser Phase ließ sich mitverfolgen, wie schlagartig anderweitige, auf Bedürfnisse der ökologischen und neuen sozialen Bewegungen sowie des technologischen Digitalisierungsschubs abgestimmte philosophische Interessen in den Vordergrund rückten. Zum Teil zog dies eine Restrukturierung des Intellektuellenprofils nicht nur in den «harten» Wissenschaften, sondern auch in der professionellen Philosophie nach sich. Neben Fachkompetenz stan-den nun auch Kommunikationswerte und Anforderungen der Flexibilität und Integrationsfähigkeit hoch im Kurs. Kaum verändert hat sich indessen die Brisanz der Frage, ob die Philosophie sich an Nachfragen und Standards anderer Einzelwissenschaften orientieren und zustimmend auf Aufgaben reagieren soll, die von staatlicher oder privatwirtschaftlicher Seite erwünscht sind. Desgleichen hat sich meine Einschätzung hierzu, abgesehen von der Feststellung, dass diese Frage wohl noch virulenter geworden ist, kaum gewandelt. Es scheint mir evident, dass die Wissenschaft der Weltweisheit zur Wahrnehmung und Lösung von Problemen in Wissenschaft allgemein, Gesellschaft und Politik beitragen kann und soll. Als seit 2010 nebenberuflicher Dozent für Wirtschaftsphilosophie und Wirtschaftethik weiß ich aber auch um die Schwierigkeiten und begrenzten Erfolgsaussichten dieses Ansinnens. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass von Seiten der Philosophie eine Grenze zu ziehen ist. Die Philosophie ist kein Dienstleistungsbetrieb. Sie hat eine genuine Aufgabe des Sich-Orientierens und des übergreifenden Verstehens dessen, was ist. Und sie hat ihre eigenen Fragen, Aufgaben und Probleme, ihre eigene Geschichte.
 
Nach der Jahrtausendwende, als ich mich nach einer mehr als 10-jährigen universitären Lehrtätigkeit als Privatdozent, in welcher die klassische deutsche Philosophie und insbesondere die Epoche Kants und des deutschen Idealismus zu meinen Schwerpunkten gehörte, um die Edition der Gesammelten Schriften des nachkantischen Philosophen und Aufklärers Karl Leonhard Reinhold zu kümmern begann, sah ich mich von einer an meine Studienanfänge erinnernden akademischen Diskurslage eingeholt. Bei Gesprächen mit Studierenden und Lehrpersonen konnte ich nicht umhin, mich für eine Art des Philosophierens zu rechtfertigen, die gerne als klassisch oder traditionell etikettiert wird. Wozu noch, so wurde ich gefragt, ein Philosophieren universalsystemischer Art, wie dies in den Zeiten Kants und Hegels betrieben worden ist? Wozu eine derart akribische Erforschung einer rund 200 Jahre zurückliegenden philosophischen Epoche? Die Fragen sind nicht unberechtigt, jedoch verfehlt, falls gemeint ist, wir seien gut beraten, uns ausschließlich und ohne Umschweife auf Gegenwartsphilosophie zu konzentrieren. Meines Erachtens kann ein mit dem nötigen Enthusiasmus betriebenes Studium philosophischer Klassiker und ihrer epochalen Kontexte einem adäquaten Verständnis der aktuellen philosophischen Probleme nur förderlich sein. Was wir heute zu Methoden der Erkenntnisbegründung, zu Modellen der Subjektivität und zur Fundierung ethischer, rechtlicher und staatspolitischer Konzepte zur Diskussion stellen, beruht meiner Erfahrung nach auf philosophischen Paradigmen, für deren Aufstellung Platon, Aristoteles, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, die deutschen Idealisten und andere namhafte philosophische Köpfe verantwortlich sind. Es gilt deshalb mit Nachdruck fortzuführen, was mehr oder weniger gezielt gerade auch von jenen heutigen Philosophen und Philosophinnen von Profession getan wird, die einer Beschäftigung mit Geschichte der Philosophie skeptisch gegenüberstehen. Die in den vergangenen Epochen erarbeiteten Wissensbestände und entwickelten Argumentationswerkzeuge sind für die Gegenwart aufzubereiten.
 
 
An dieser Stelle sei anerkennend erwähnt, dass die verantwortlichen Personen in Redaktion und Verlag der Zeitschrift Information Philosophie während des vergangenen halben Jahrhunderts mehr als nur dafür besorgt waren, den erforderlichen Informationsfluss und Vernetzungsprozess innerhalb der philosophischen Community zu unterstützen. Sie haben auch den Gang des philosophierenden Geistes in einer komprehensiven und ausgewogenen Weise und mit einem Sensorium sowohl für neue Trends als auch für seit längerem bestehende Arbeitsfelder verfolgt. Sie haben der Vielschichtigkeit des philosophischen Schaffens und der Verwobenheit historischer und systematischer Aspekte des Philosophierens Rechnung getragen. Da sie ihr Augenmerk von Haus aus auf die deutschsprachige philosophische Szene richten, versteht sich, dass sie stets ein reges Interesse an Berichten zur Interpretation und Forschung im Bereich der klassischen deutschen Philosophie bekundet haben. Dies nicht aus Parteilichkeit, sondern aus dem Bestreben, auf den Erfahrungsreichtum und das innovative Potential dieser Strömung aufmerksam zu machen.
 
Die Zeitschrift Information Philosophie hat mit ihrer Offenheit und umsichtigen Zielsetzung so nicht zuletzt großen Anteil daran, dass die Philosophie Kants und des deutschen Idealismus bis heute in ihrer Anschlussfähigkeit sichtbar geblieben ist und bei Studierenden kaum an Attraktivität eingebüßt hat. Was den neueren Gang der Diskussion und Forschung zu dieser auch als nachkantische Systemphilosophie bezeichneten Epoche betrifft, lässt sich summarisch sagen, dass es hier denn auch an erfreulichen Erneuerungsaktivitäten nicht mangelt.
 
Die Zeiten, in denen der Denkweg von Kant bis Hegel als eine philosophische Stufen-, Aufstiegs- und Erfolgsgeschichte von Kant zu Hegel geschildert wurde, sind inzwischen passé. Und die wenig ergiebigen Querelen zur Frage, ob nun die Philosophie Fichtes, Hegels oder Schellings als die wahrhafte Schlussgestalt des deutschen Idealismus gelten könne, sind heute ebenso rückläufig wie die Dispute darüber, ob man Kant sinnvollerweise dem deutschen Idealismus zurechnen könne, der deutsche Idealismus seinerseits nicht vielmehr eine Gegenbewegung zum kritizistischen Denken darstelle. Seit einigen Jahrzehnten wird die Epoche Kants und des deutschen Idealismus von vielen Lehrenden und Forschenden primär als eine von aufklärerischen und geistesrevolutionären Dynamiken in Gang gesetzte Denkbewegung verstanden, bei der mit hoher Intensität philosophische Grundfragen und Sachprobleme in kritischer, konfrontativer und perspektivenreicher Weise erörtert wurden. Es wird inzwischen berücksichtigt, dass das Spektrum der an dieser Denkbewegung partizipierenden Personen und Diskussionszirkel breiter war als gemeinhin angenommen. Von daher werden heute nicht mehr nur die Werke Kants und der Protagonisten des deutschen Idealismus interpretiert, sondern gleichfalls die vielfach scharfsinnigen und originellen Schriften der sogenannten kleineren Geister, Außenseiter, Rand- und Hintergrundfiguren. Zu Wort kommen damit vermehrt die damals auffälligen Erneuerer der Lehren Spinozas und eines authentischen Leibniz, die an Locke und Hume geschulten Neo-Empiristen und Neo-Skeptiker, die Frühromantiker sowie schließlich die sich als orthodox oder selbstdenkend begreifenden frühen Anhänger Kants. Entsprechend hat sich die Situation bei den Editionsvorhaben fortentwickelt. Zu den – zum Teil abgeschlossenen – Großeditionen zu den Hauptvertretern sind schlankere Ausgaben der Werke und Dokumente der Kantianer Immanuel Diez und Friedrich Forberg sowie des Pioniers der nachkantischen Systemphilosophie, Reinhold, hinzugekommen.
 
Dabei ist es meines Erachtens nicht vermessen zu behaupten, dass die Berücksichtigung Reinholds (zur Edition seiner Schriften siehe www.klreinhold.ch), dessen philosophische Leistung zwar im Neukantianismus bei Ernst Cassirer bereits gewürdigt, jedoch erst seit den 1970er-Jahren mit den Fichte-Interpretationen von Reinhard Lauth und Dieter Henrich eingehender besprochen worden ist, zu den Meilensteinen in der neueren Erforschung der nachkantischen Systemphilosophie gehört. Die auf Reinhold zurückgehenden Anregungen zu einem vertieften Verständnis der Philosophie Kants und des deutschen Idealismus sind beachtlich und stoßen in einschlägigen Fachkreisen zunehmend auf positive Resonanz. Erwähnt sei hier lediglich, dass Reinhold als Anhänger Kants Vorschläge zu einer durch das Axiom des intentionalen Bewusstseins gefestigten Neudarstellung des Systems der kritischen Vernunft unterbreitete und dabei eine durchsichtigere Herleitung der Urteilsfunktionen und Verstandeskategorien, Schlussformen und Vernunftideen zur Diskussion stellte. Im Verbund mit Salomon Maimon monierte er eine fatale Zirkularität in Kants transzendentalem Beweis synthetischer Erkenntnis a priori und zeigte auf, wie dieser unter Einbeziehung des Bewusstseins-Begriffs in einer überzeugenden Weise zu führen sei. In Auseinandersetzung mit Kants Lehrstück der ursprünglichen Apperzeption gelangte Reinhold zu einem Begriff des Selbstbewusstseins, der nach heutiger Beurteilung als missing link zu Fichtes Auffassung einer wissensimprägnierten Selbstbeziehung des handelnden Ich begriffen werden kann, jedoch auch ein neues Licht auf die Bedeutung und Funktion von Kants Ansicht wirft, wonach das sich selbst affizierende Subjekt ein der Verdeutlichung und Schematisierung von Begriffen dienliches Reflexionsresultat zu erbringen vermag. Im Bereich der Moralphilosophie verteidigte Reinhold eine gleichermaßen gegen den sinnlichen wie gegen den Vernunftfatalismus gerichtete Theorie der Freiheit. Mit seiner These, Freiheit sei im Kern das Vermögen der wollenden Person, sich für oder wider das Sittengesetz zu entscheiden, rief er eine Kontroverse zum kantischen Verständnis von moralrelevanter Willkürfreiheit hervor, die in der heutigen Kant-Diskussion und anderweitigen Untersuchungen zur Frage der Willensfreiheit nach wie vor bedeutsam ist. In späteren Phasen seines Denkens wandte sich Reinhold, nach einer Kehre zu einem System des rationalen Realismus, mit sprachphilosophischen und wahrheitstheoretischen Ansichten gegen die seines Erachtens spekulativ-idealistischen Philosopheme seiner vormaligen Mitstreiter Fichte, Schelling und Hegel. Dabei teilte er untergründig mit Hegel den Vorschlag, wahres Wissen als Überstimmung des Seins mit sich selbst zu definieren, den Anspruch wahren Wissens mittels eines Verfahrens der Selbstprüfung des Bewusstseins einzulösen sowie von einem holistischen Wahrheitskriterium des Eingebundenseins von Aussagen in eine ganzheitliche Ordnung von Grund- und Folgesätzen abhängig zu machen.
 
Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass Reinhold in seiner Rolle als freimaurerischer Aufklärer zeitlebens ein breites Publikum mit kantischen Ideen zu moralischer, rechtlicher, politischer, ästhetischer und religiöser Gemeinschaft vertraut machte. Wiederholt stellte er Kants Idee eines rechtlichen und ethischen Staates in den Mittelpunkt von Reformplänen, und dies selbst in jenen Jahrzehnten, in welchen der progressive Republikanismus und Kosmopolitismus der 1790er-Jahre einem nationalen Staatsdenken der europäischen Restauration gewichen war. Reinholds Reformbemühungen mögen uns heute – und wohl erst recht unter dem Eindruck der »Zeitenwende« in der europäischen Friedenspolitik, von der wir seit Anfang 2022 Zeuge sind – als ohnmächtig und naiv erscheinen. Aber künftige politische und ökonomische Friedensordnungen werden auf Bausteine eines aufgeklärten Moral- und Rechtsbewusstseins, wie wir sie bei Kant und Reinhold finden, schwerlich verzichten können.
 
Tilman Borsche: Die Philosophie hat – wieder einmal – ihre Grenzen gesprengt. Ist das nicht ihre Aufgabe?
 
Ich werde die letzten fünfzig Jahre der Philosophie in Deutschland aus der Perspektive meiner Erinnerungen schildern, die insofern einen perspektivisch-repräsentativen Einblick bieten können, als ich sie tatsächlich an deutschen Universitäten in diesen Jahren erfahren und erlebt habe; perspektivisch, weil es meine Erfahrungen sind, repräsentativ, weil es Erfahrungen sind, die vielfach geteilt und gespiegelt wurden.
 
Vor fünfzig Jahren reichte ich mein Gesellenstück bei der Zunft ein, eine Magisterarbeit an der Uni Bonn über die Sprachtheorie von Noam Chomsky, dessen kometenhafter Aufstieg in der gesamten Akademie mit dem Werk Language and Mind sogar die deutschen Philosophen zu irritieren vermochte. Danach glaubte ich zu sehen, welche zeitgemäß-unzeitgemäße Aufgabe vor mir lag: das philosophische Sprachdenken vor der Illusion seiner gerade verkündeten wissenschaftlichen Vereinnahmung zu bewahren. Seit mehr als fünfzig Jahren suche ich meinen Ort in diesem Feld, das eher einem Rhizom gleicht als einem Acker, und stelle fest, dass dieser Ort sich mit den Jahren stark gewandelt hat und mit ihm das ganze Feld. „Grenzen sprengen“ ist die kürzeste Formel, auf die ich meine Erfahrungen eines abenteuerlichen Ritts durch, über und gegen die Wellen des Zeitgeistes bringen kann.
 
Philosophie war ihre Geschichte. So trat sie Mitte der sechziger Jahre in meinen jungen akademischen Horizont. Diese Geschichte war eine exklusive Geschichte. Sie bestand aus einer Kette großer Namen und großer Probleme. Der Bezug zur eigenen Gegenwart verstand sich von selbst. Er musste nicht thematisiert werden, man musste ihn sehen. Wirkliche Aktualität wurde in diesem Rahmen als Störung erfahren. Das geschah, als mit marxistischen Parolen die Kehrseite der eigenen Vergangenheit in die Idylle der historischen Arbeit am Begriff einbrach.
 
Im Zentrum der philosophischen Arbeit standen Kant und Hegel, im Hintergrund Platon und Aristoteles. Ist damit nicht alles Wesentliche erfasst? wozu noch anderes lesen? In einer solchen an kanonischen Texten orientierten Initiationsphase konnte man lesen lernen: sehr genau, sehr subtil, durchaus kritisch, aber exklusiv. In den Produkten solcher Lektüre bestand die philosophische Meisterschaft. Historisch-philologische Strenge, Behutsamkeit und kritische Hellhörigkeit im Umgang mit Worten und Texten, die in den geschlossenen Kreisen der akademischen Philosophie geübt und perfektioniert wurden, stellen ein unentbehrliches Rüstzeug für alle Formen differenzierten Denkens dar; aber sie sind nicht die ganze Philosophie. Die Dissertation war der Ort, diese Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, ich zehre noch heute davon. Vorher andernorts zu publizieren war weder erforderlich noch erwünscht, so verlangte es die akademische Disziplin.
 
Die Selbstbeschränkung der Philosophie auf diese Lektürepraxis war, das wurde mir erst mit der Zeit klar, eine Folge der Verstrickungen in die ideologischen Abgründe der vorhergehenden Generationen der Väter, aber auch schon der Großväter. Jedenfalls war die angesprochene thematische Exklusivität künstlich und unhaltbar, sie musste sich auflösen. Mit ihr hat sich aber auch die geschilderte Lektürepraxis verloren. Den neuen Generationen von Bologna II-Studierenden fehlt kaum etwas so sehr wie diese Schulung. Sie ist so fremd geworden, dass man aus den Sozialwissenschaften für sie den neuen Namen des „close reading“ importiert hat, und dieses nun als eine innovative Arbeitsmethode preist.
 
Die Geschichte der Philosophie in Deutschland ist seither eine Geschichte der Sprengung bestehender Fesseln und der Erkundung vernachlässigter alter, unbekannter neuer, irritierend fremder Horizonte des philosophischen Denkens. Ein viel beschrittener dieser Wege (s.u. (3)) erscheint mir als eine Sackgasse, der zur Selbstauflösung der Philosophie führen würde, wenn er sich durchsetzte. Ich habe diese allmähliche Öffnungs- und Erneuerungsgeschichte in vier Schüben bzw. auf vier Feldern erlebt, die ich erst im Rückblick als solche unterscheiden und bestimmen konnte. Sie markieren keine zeitliche Abfolge, jedenfalls nicht primär, sondern eher Intensitätsgrade der fachöffentlichen Wahrnehmung und Wertung immer schon bekannter Themen, die mit der Zeit in den Kernbereich der Philosophie vorgedrungen sind.
 
1. Historische Öffnung
Die erste Öffnung, die ich miterleben und -gestalten durfte, war eine Erweiterung des als philosophisch anerkannten historischen Horizonts der europäischen Geistesgeschichte. Meine erste Anstellung fand ich als Redakteur des Historischen Wörterbuchs der Philosophie, dieses geradezu klassischen Projekts einer Selbstbesinnung deutscher Nachkriegsphilosophie. Kaum vorstellbar, dass ein solches Projekt andernorts hätte entstehen können. Die philosophischen Begriffe werden nicht mehr definiert, weder am Anfang noch am Ende ihrer Diskussion, sondern als unabgeschlossene Kette von historischen Definitionsbemühungen präsentiert. Schön, wenn es einem Autor gelingt, die Übergänge plausibel zu motivieren. Charakteristisch für das hier angesprochene Thema ist nun die Feststellung, dass eingereichte Skripte für die wichtigen, historisch durchgängig belegten Begriffe häufig nur die klassische Antike und die moderne Philosophie seit Descartes behandelten. Das Mittelalter wurde bestenfalls beiläufig erwähnt. Spätantike war nur dünn vertreten, Renaissance kam kaum vor. Lateinische Philosophie, antik oder neuzeitlich, genoss wenig Kredit in deutschen Philosophenkreisen. Meine Tübinger Redaktion wollte das so nicht hinnehmen. Nun ist das Wörterbuch selbst ein Werk mit Geschichte, erschienen in den Jahren 1971 bis 2004. Ich konnte beobachten, wie mit der Zeit die vernachlässigten Epochen in den Beiträgen immer ausführlicher dargestellt wurden bzw., wenn alte Skripte bereits vorlagen, neue Ergänzungsaufträge vergeben werden mussten. Am Ende war die europäische Philosophiegeschichte in ihrer ganzen historischen Breite präsent; nicht in ihrer Diversität – Philosophinnen u. a. vernachlässigte Gruppen blieben unterrepräsentiert –, aber doch historisch vielfältig.
 
2. Methodische Öffnung
„Wittgenstein gehört zu den Dingen, von denen nichts zu wissen ich mit Recht stolz bin“, konnte man in den Echoräumen eines Philosophischen Seminars noch während der sechziger Jahre unwidersprochen hören. Die nächste Öffnung hatte da bereits begonnen, eine methodische Öffnung zur sprachanalytischen Philosophie. Dass die Sprache zu einem zentralen Thema der Philosophie des 20. Jahrhunderts geworden war, war allgemein anerkannt. Umso mehr waren die Deutungshoheit und der Stellenwert dieses Themenfeldes, insbesondere aber die angemessene Art seiner Bearbeitung, umstritten. Wie in der populären Musik und anderen Bereichen der modernen Lebenswelt der Nachkriegsjahrzehnte wehte hier ein frischer Wind über den Kanal und über den Atlantik und zog eine jüngere Generation von Philosophen in seinen Bann, sicherlich gefördert durch großzügige Auslandsstipendien und günstige Karriereaussichten.
Rückblickend nehme ich diese Öffnung als ein reinigendes Gewitter für die Diskussionskultur der akademischen Philosophie in Deutschland wahr. Sie vertrieb die Reste eines rückwärtsgewandten Pathos und des häufig damit verbundenen vornehmen Tons aus der Sprache der Philosophie. Die gerade in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert hoch entwickelte Philosophie der Sprache hat das Gewitter der via nova gleich mit ausgetrieben, indem diese wie die grammatica speculativa des späten Mittelalters die Sprache als einen wissenschaftlichen Gegenstand unter anderen analysiert(e), ohne das philosophische Problem einer untrennbaren Verschränkung von Sprache, Denken und Sein überhaupt in den Blick zu nehmen. Wiederum analog zur lingua franca des Mittelalters, dem Lateinischen, artikuliert sie sich allein in der neuen lingua franca, auf Englisch. Im Zuge der Auseinandersetzung mit Beiträgen der Hermeneutik, des Strukturalismus und poststrukturalistischer Strömungen vor allem aus Frankreich hat sich diese nur scheinbar bloß methodische Konfrontation allmählich differenziert und zu einer besseren wechselseitigen Wahrnehmung, sogar zu Anzeichen von Verständnis geführt. Die Diskussion geht weiter, und sie findet mitunter glückliche Orte. Der generelle Trend zeigt allerdings auch hier, dass zahlreiche Diskurse nebeneinander herlaufen, sich wechselseitig zwar nicht mehr offensiv das Existenzrecht in der Philosophie absprechen, aber unverbunden bleiben. „Philosophie“ ist zu einem weitgehend entleerten Dachbegriff geworden, in dessen Schutz unkoordinierte Interessen logieren. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen. Man stört sich nicht, man streitet allenfalls um administrative Ressourcen. Wissenschaftspolitisch dominant (Drittmittel, Stellenbesetzung) aber ist seit vielen Jahren der analytische Diskurs; immerhin hat er sich erheblich differenziert und erweitert. Im Zuge dieser Entwicklung und als eine Folge von ihr ist die Sprache der Philosophie klarer und nüchterner geworden. Sie trägt nun ein „wissenschaftliches“ Gewand, doch dieses Kleid steht ihr nicht wirklich gut.
 
3. Reduktion der Philosophie auf Wissenschaft
Die analytisch dominierte Philosophie, betrachtet aus der Perspektive eines Außenstehenden, hat sich zu einer neuen Scholastik entwickelt, die wie ihre mittelalterliche Schwester mit der Zeit den Kontakt zur Lebenswelt verlor und sich nur noch um ihre internen Probleme sorgt. Würde Philosophie insgesamt diesen Weg nehmen, was derzeit nicht der Fall ist, würde sie sich selbst überflüssig machen. Die Wissenschaften brauchen keine philosophische Gouvernante; sie genügen sich selbst, ergänzen sich gegenseitig und differenzieren sich aus. Die Zahl der wissenschaftlichen Disziplinen wächst unaufhörlich. Für einen Blick auf das Ganze aber fühlt keine sich zuständig. Ein solcher Blick ist, allenfalls und notgedrungen, Sache der Politik, die in dieser Funktion auch den Weg der Wissenschaften vorzeichnet, indem sie die notwendigen Mittel zuteilt. Das gilt bis heute, heute mehr denn je. Ein neuer Humanismus tut not, wie im Vorhof der Neuzeit.
 
Ist Philosophie eine Wissenschaft? Im Sinne des Wissenschaftsbegriffs von Kant oder Hegel – selbstverständlich: Nur die Philosophie ist Wissenschaft. Im Sinne des modernen Begriffs einer Forschungswissenschaft, der heute allein das Feld behauptet – nein. Nur ca. die Hälfte der Studierenden, denen ich zu Beginn einer Vorlesung diese Frage stellte, antwortete mit ja. Eine solche Frage in einem solchen Kontext ist allerdings weder repräsentativ noch ‚wissenschaftlich‘.
 
Der Drang zu einer imitatio scientiae ist gegenwärtig eine der letzten Grenzen im Sinne von Selbstbeschränkung, die die akademische Philosophie in Deutschland zu überwinden hat. Ich kenne viele Orte, an denen versucht wird, jenseits einer Bindung an etablierte Wissenschaften ein freies Philosophieren im Gegenwärtigen zu üben. Aber im Rahmen der Akademie, d. h. innerhalb der Universitäten, sind die inneren Hemmungen und die äußeren Hindernisse groß. Denn hier geht es nur inzidentell um Philosophie, d. h. um offene philosophische Fragen; primär geht es um Geld, um Stellen, um Pfründe. Geld aus öffentlichen Mitteln kann man nur für wissenschaftliche Projekte beantragen, und dafür muss man die übliche methodische Rechtfertigung und den Bedarfsnachweis liefern, selbstverständlich gemäß anerkannter wissenschaftlicher Kriterien. Philosophische Projekte, die sich ausdrücklich als solche präsentieren, die die gegenwärtig anerkannten Grenzen und Ziele der Wissenschaft in Frage stellen, haben kaum eine Chance. Die bürokratisch eingebundenen Entscheider in den Förderinstitutionen müssen ihre Entscheidungen gegenüber ihren Auftraggebern rechtfertigen. Es ist kaum zu vermeiden, dass das nach bereits geltenden Kriterien geschieht.
 
Ein Weg in eine offenere Zukunft wäre das Philosophieren außerhalb universitärer Disziplin. Ein Blick auf die Geschichte institutioneller Formen des philosophischen Denkens zeigt rasch, dass Philosophie nicht an die Universität als Lebensraum gebunden ist. Sie ist älter als die Universität. Zwar hat sie die Universität zu ihrer Ausbreitung und Anerkennung jahrhundertelang gut nutzen können, doch das muss nicht so bleiben, wenn staatliche Förderung und Kontrolle, z. B. in der Gestalt von Zielvereinbarungen, die Freiheit des Denkens stärker einschränken als es für die philosophische Wahrheitssuche erträglich ist. Unabhängigkeit des Denkens und Loyalitätspflichten des beamteten Philosophen müssen nicht, können aber ernsthaft in Konflikt geraten. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass solche Konflikte immer wieder aufbrechen. Zwar müssen akademische Freiheiten geschützt, gefördert und kontrolliert werden, aber Schutzpatron muss nicht der allmächtige Staat sein, zumal dann nicht, wenn er auf einem Nachweis gesellschaftlicher Anwendbarkeit des Philosophierens beharrt.
 
Noch ist die Universität in Deutschland ein privilegierter Ort freien Philosophierens, aber der Druck von oben wächst. Und es ist vielerorts zu beobachten, dass sich auch von unten ein noch nicht klar orientierter und schon gar nicht langfristig organisierter Widerstand gegen die staatlich reglementierten Rahmenbedingungen des Studierens regt. Wie es im Mittelalter vor allem geistliche Orden und Kongregationen gab, die kritisches Denken in ihrem jeweils speziellen Rahmen ermöglichten, so sind es heute Stiftungen, die vermögend genug sind, Ähnliches zu leisten. Akademische Freiheit ist nicht das Ziel, sondern die Voraussetzung für philosophische Wahrheitssuche. Im Raum der gesetzlich geschützten Freiheit an den Universitäten wird sie zunehmend durch Belastungen unterlaufen, die ihre Ausübung erschweren: die Nötigung zu administrativen Arbeiten und ein viel zu früh einsetzender Publikationsdruck, der auf Kosten der Zeit für das Lesen und Reflektieren geht. Im Zuge dieser Entwicklung haben sich die Arbeitsbedingungen an der Universität stark verändert. Sie sind gegenwärtig der Entwicklung eines selbständigen und sich umfassend informierenden Denkens nicht förderlich.
 
4. Erweiterung der Philosophie auf fremdes Denken
Es war früh abzusehen, dass mein Studium des Japanischen für eine akademische Laufbahn in der Philosophie nutzlos sein würde. Dass es sachlich für einen Blick von außen auf die philosophischen Grundbegriffe und die Leitthemen der eigenen Tradition hilfreich und nötig war, fiel nicht ins Gewicht. Erst ein Wandel des Zeitgeistes im Rahmen der ökonomischen Globalisierung sowie das Nischendasein der akademischen Philosophie an der jungen Universität Hildesheim schufen günstige Bedingungen dafür, dass an diesem Ort und zu dieser Zeit ein lange nicht für möglich gehaltener institutioneller Wandel nicht verhindert wurde, als sich eine Gelegenheit bot. Seit gut einem Jahrzehnt kann man am Institut für Philosophie einer deutschen Universität neben traditionellen philosophischen Themenfeldern auch japanische Philosophie studieren sowie Einblicke in viele für uns fremde Formen des philosophischen Denkens anderer Regionen und Kulturen gewinnen, aber auch in das Denken der Künste. Selbst chinesische Kalligraphie in Theorie und Praxis ist anerkannter prüfungsrelevanter philosophischer Lehrstoff.
Unter der Hand erweitert sich damit der nie festgeschriebene Begriff der Philosophie. Ihr Name erweist sich rückblickend als weitsichtig und passend gewählt: nicht amor scientiae, sondern, wenn schon lateinisch, amor sapientiae.
 
Der neue zeitgemäße Wandel hat mindestens drei Dimensionen.
 
1. geographisch: Es geht nicht um eine Globalisierung des Denkens – auch in Japan werden Kant und Wittgenstein gelesen –, sondern um dessen Diversifizierung. Nach einem durchaus gängigen, weiten Begriff von Weisheit haben alle Völker, Kulturen, Epochen Weisheitslehren. Es hat sich herumgesprochen, dass diese nicht mehr wie unmündige Kinder am Rockzipfel der europäischen Wissenschaft zerren, um über die Wahrheit, die in Europa lebt, aufgeklärt zu werden. Vielmehr werden sie auch im Denken zu Begegnungen auf Augenhöhe eingeladen; was gerade uns, wie allseits zugegeben, sehr schwerfällt. Es fehlen eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Begriffe, gemeinsame Themen. Geteilte Probleme und Interessen werden wechselseitig angesonnen – ohne Gewähr.
 
2. sprachlich: Englisch kann nicht das verbindend-verbindliche Medium sein, auch nicht unter dem Vorwand, dass es leicht zu lernen und nun einmal als weltweite lingua franca anerkannt sei. Denn das würde eine philosophisch viel problematischere Voraussetzung implizieren, nämlich die, das Denken „an sich“ sei unabhängig von seinem sprachlichen Ausdruck, so dass man die Mühen der Übersetzung sparen könne. Medium des Austauschs müsste stattdessen die Vielfalt der Artikulationsformen des Denkens sein, die wir weltweit tatsächlich antreffen. Auf diese Weise würden alle GesprächsteilnehmerInnen sehr rasch die Grenzen des eigenen Denkhorizonts erfahren und müssten zur Kenntnis nehmen, dass Orientierung im Denken stets konkret ist und nur für die Probleme der Zeit, der Lage und der Natur im Rahmen von Geschichte(n), die für die Beteiligten und Betroffenen nachvollziehbar sind, erreichbar ist.
 
3. Sachlich: Unsere Tore zur Welt, die Sinneswahrnehmungen, sind perspektivisch gebunden, und sie können täuschen. Wahrheit finden wir nur im Denken und drücken sie in Worten aus. Doch was immer wir auf diese Weise darstellen, bleibt Konjektur. Objektivität in einem szientifischen Sinn, d.h. Wahrheiten unabhängig von Zeit, Raum, Umständen und unabhängig von ihrer Repräsentation in Zeichen, d. h. unabhängig von den Personen, die sie behaupten, die sie verstehen, die ihnen gemäß oder ihnen entgegen leben, gibt es nicht. Wer meint, solche Wahrheiten nicht nur finden zu können, sondern finden zu müssen, hat sich auf das Sprachspiel der Wissenschaft eingelassen, nicht das der Philosophie. In jenem mag er oder sie erfolgreich sein, doch das wäre kein Philosophieren mehr. Ich könnte es auch so auszudrücken: Wer etwas weiß, hat nichts verstanden. Wer glaubt, der denkt – und er handelt danach. Tun wir das nicht alle? Philosophisch betrachtet gilt es, eine Balance zu finden zwischen Tradition und Usus, zwischen Lebensformen und Denkformen der Beteiligten und Betroffenen – im je Gegenwärtigen. Es gilt, einen Modus vivendi zu finden, der Frieden und ευδαιμονια zu stiften vermag, solange ein Gespräch wir sind und solange und soweit wir es zu bleiben die Kraft finden.
 
Rainer Enskat: Der Anfang vom Ende der klassischen Philosophie?
 
Die philosophische Arbeit der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum bildet eine vielfältige Erbschaft unterschiedlicher methodischer Traditionen. Ein Rückblick auf diese Jahrzehnte würde sich daher selbst amputieren, wenn er nicht wenigstens skizzieren würde, wie die Philosophie während der vergangenen Jahrzehnte an diesen Traditionen partizipiert oder sie planmäßig ignoriert hat. Die älteste Tradition verbindet sie mit der klassischen Philosophie, die die Zeit von Platon bis Hegel überspannt. Weniger als hundert Jahre nach Hegel widmet ihr Heidegger – ungeachtet seiner spezifisch seinsgeschichtlichen Prämissen – eine einzigartig eindringliche, dreißigjährige Vorlesungstätigkeit. Diese Art von fast zweieinhalb Jahrtausende währender Klassizität ergab sich aus dem ununterbrochen währenden Respekt, den jeder Nachfolger Platons den Theorien entgegenbrachte, durch die seine eigenen Vorgänger und Zeitgenossen ihn gefördert hatten – nicht zuletzt dadurch, dass sie ihm Gelegenheit geboten haben, in ihrem Medium das Philosophieren zu lernen, aber auch durch Kritik von Insuffizienzen ihrer Arbeit einen um Verbesserung bemühten theoretischen Entwurf zuwege zu bringen. Diese lange währende Tradition der klassischen Philosophie ergab sich daher ganz zwanglos aus der respektvollen und kritischen Spontaneität, mit der jeder Nachfolger Platons den unerschöpflichen von ihm gestifteten thematischen Fundus und die endlose methodische Fruchtbarkeit seines dialogischen Philosophierens mit Hilfe von anderen methodischen Einstellungen fortsetzen konnte.
 
Diese Tradition kam vor hundert Jahren an ein erstes vorläufiges Ende, als in den 1920er und 1930er Pubertätsjahren der später so apostrophierten Analytischen Philosophie einige ihrer damaligen Wortführer einer ‚Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache‘ das Wort redeten. Doch die Unreife dieses Programms wurde auf zwei ganz verschiedenen Wegen offenkundig. Zum einen ließen sich die bekennenden Analytischen Philosophen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch Peter F. Strawsons Projekt einer descriptive metaphysic auf thematische Pfade führen, auf denen sie mit ihren strikten analytischen Mitteln vor allem mit Aristoteles‘, Descartes‘, Leibniz‘ und Kants metaphysischen Beiträgen zur klassischen Philosophie eine neue, rekonstruktive Tradition ins Leben riefen.
 
Auf einem anderen Weg wurde die Unreife des früheren Programms der Überwindung der Metaphysik der klassischen Philosophie schrittweise sogar antizipiert. Denn schon um 1900 begann die planmäßige mikro-hermeneutische Erschließung der überlieferten klassischen Philosophie. Vor allem die Planungen der kritischen Gesamtausgaben von Platons und von Kants Werken konnten an den Mustern zweier weit voneinander entfernter Philosophen in paradigmatischer Weise zu dieser Antizipation beitragen. Denn gerade die mikro-hermeneutische Interpretation ihrer Texte konnte bis heute immer überzeugender das mikro-analytische Niveau sichtbar machen, auf dem Philosophen wie sie mit ihren Begriffen, Thesen und Argumenten umgingen – Platon mit den ingeniösen kritisch-analytischen Kunstgriffen, die er seiner Sokrates-Gestalt in der Auseinandersetzung mit den Thesen, Fragen und Argumenten von deren fiktiven Gesprächspartnern in den Mund legt, und Kant, der seine ‚critische‘ Wende der von Platon herkommenden Philosophie mit ganz besonderer analytischer Sorgfalt vorbereiten und ausführen musste, um die ‚critisch‘ gewendeten Begriffe, Thesen und Argumente seines Philosophierens angemessen aufeinander abzustimmen und seinen Lesern verständlich zu machen.
 
Die in diesen Traditionen gemachten Arbeitserfahrungen haben in den Jahrzehnten, auf die die Information Philosophie zurückblickt, Formen von mehr oder weniger relativen Verselbständigungen durchgemacht. Aus ihnen sind nicht wenige disziplinäre Diversifizierungen und Spezialisierungen hervorgegangen, die bis heute die philosophische Arbeit tragen, aber auch das Bild mitbestimmen, das ihre Zaungäste durch ihr publizistisches Erscheinungsbild und durch die Aufmerksamkeit interessierter Journalisten von ihr gewinnen. Zu den disziplinären Verselbständigungen gehört vor allem die Wissenschaftstheorie. Sofern sie einen echten Teil der Analytischen Philosophie bildet, ist es ihr während der vergangenen Jahrzehnte gelungen, unser Bild von den formalen Strukturen wissenschaftlicher Begriffe, Sätze, Erklärungen und Theorien in einem Maß zu verfeinern und zu vertiefen, von dem vergangene Jahrhunderte noch nicht einmal träumen konnten. Indessen hatte dieser Erfolg wie so oft auch eine Schattenseite. Denn das Licht, das diese Wissenschaftstheorie wirft, ist durch seine ausschließliche Konzentration auf das Paradigma der Physik erkauft – mit ihren seit dem 17. Jahrhundert exponentiell gewachsenen Entdeckungen von Naturgesetzen bildet sie bis heute den bedeutsamsten Fundus für Erklärungen der Naturereignisse, inmitten von denen wir leben. Die Formen solcher Erklärungen zu klären, bildet – auch im Horizont von Thomas S. Kuhns Herausforderung, die Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen zu klären – bis heute das hauptsächliche Themenfeld der analytischen Wissenschaftstheorie.
 
Im Schatten, den das paradigmatische, aber einseitige wissenschaftstheoretische Licht wirft, verharren die entsprechenden Elemente einer ganzen Wissenschaftsgruppe im Zustand diffuser Unklarheit – vor allem die der Praktischen Wissenschaften wie Medizin, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft. Für die Politikwissenschaft war diese Situation erst durch die jahrzehntelange Arbeit von Wilhelm Hennis am Paradigma der Regierungslehre und für die Medizin durch die medizintheoretischen Arbeiten Wolfgang Wielands am Paradigma der ärztlichen Diagnose und Heilbehandlung überwunden worden.
 
Die Analytische Philosophie hat indessen auch disziplinäre Seitenzweige hervorgebracht, deren Repräsentanten nicht selten versucht sind, sich zu Überlegenheitsattitüden gegenüber Schlüsseldisziplinen der klassischen Philosophie verführen zu lassen. Eines der Musterbeispiele für diese Fehlentwicklung bildet die Herablassung, mit der ein bekennender Analytischer Philosoph wie Wolfgang Stegmüller die Epistemische Logik als die genuine Nachfolgerin der von Platon bis Kant kultivierten ‚weiland Erkenntnistheorie‘ apostrophiert hat. Immerhin stand die Erkenntnistheorie schon durch Platons Arbeit am Unterschied von Wissen und Meinung in einem Mittelpunkt. Vor allem durch den Impuls, der von Descartes‘ Meditationen ausging, war sie zur Schlüsseldisziplin der klassischen Philosophie der Neuzeit Philosophie geworden, obwohl sie erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf ihren seither konventionell gewordenen disziplinären Namen getauft worden ist.
 
Vor allem durch die Formalisierungen von Sätzen, in denen Menschen sowohl einander wie sich selbst Wissen, Meinungen, Überzeugungen, Gewissheiten und andere kognitive Formate attestieren, hat die Epistemische Logik ein elementares Licht in die strikte Subjektabhängigkeit aller kognitiven Formate gebracht, deren Menschen fähig sind. Subjektunabhängige kognitive Widerfahrnisse wie die von einem subjekt- und welt-transzendenten Gott gespendete Offenbarung sind daher in Übereinstimmung mit der Erkenntnistheorie der klassischen Philosophie kein mögliches Thema.
 
Doch nicht nur solche Tragweiten liegen außerhalb des Horizonts der geschichtsvergessenen Epistemischen Logik. Eine besonders gravierende Insuffizienz handelt sie sich auf dem ureigenen Feld der von ihr kultivierten Axiomatik ein. Ihr zentrales Axiom legt fest, dass eine Person, die über das Wissen um einen Sachverhalt verfügt, zur notwendigen Voraussetzung hat, gleichzeitig die entsprechende Meinung über diesen Sachverhalt zu hegen. Hier rächt sich die Geschichtsvergessenheit der Epistemischen Logik in einer besonders empfindlichen Form. Denn schon lange hat man darauf aufmerksam gemacht, dass Platon inmitten der unerschöpflichen Fülle der von ihm behandelten Themen nicht nur an der Klärung des tiefen Unterschieds zwischen Wissen und Meinung gearbeitet hat. Vor allem hat er von Anfang an klargestellt, dass Wissen ein kognitives Format hat, zu dessen Gunsten Meinungen nach Möglichkeit überwunden werden sollten. Es wäre im Rahmen dieser Skizze nicht am Platz, mit der angemessenen Ausführlichkeit zu erörtern, wie nach der Auffassung Platons und anderer Philosophen Meinungen zugunsten von Wissen überwunden werden können. Immerhin kann ein weithin akzeptiertes Kriterium zwingend plausibel machen, dass und warum Meinungen zugunsten von Wissen überwunden werden sollten: Meinungen sind prinzipiell irrtumsanfällig, während Wissen prinzipiell irrtumsresistent ist. Durch das Wissens-Axiom der Epistemischen Logik, dass eine und dieselbe Person zu einer und derselben Zeit sowohl ein irrtumsresistentes Wissen über einen Sachverhalt innehat und (notwendigerweise) eine irrtumsanfällige Meinung über denselben Sachverhalt hegt, handelt sie sich im Umkreis ihres Zentralnervs eine erkenntnistheoretische Absurdität ein.
 
Eine im Vergleich mit dieser Entwicklung ganz andersartige, geradezu stürmische Entwicklung hat während der vergangenen Jahrzehnten zu den diversen disziplinären Verzweigungen der so apostrophierten Angewandten Ethik geführt. Ungewöhnlich im Vergleich mit allen anderen disziplinären Verzweigungen der klassischen Philosophie sind die philosophie-externen Anstöße zu dieser Entwicklung. Denn es waren die immer breiter und tiefer in unser praktisches Leben eingreifenden wissenschaftlich-technischen Innovationen, die diese Entwicklung auf den Plan gerufen haben. Am Anfang dieser Entwicklung stand daher alles andere als zufällig das Projekt einer Wissenschafts-Ethik. Denn ihr war die Aufgabe zugedacht, planmäßig über Regeln, Kriterien und Normen nachzudenken, die geeignet sind, die Schritte zu lenken, die die Einführung von wissenschaftlichen Entdeckungen und wissenschaftsbasierten technischen Innovationen in unsere praktische Lebenswelt für einen nützlichen und guten Gebrauch dienstbar machen können. Indessen zeigte sich rasch, dass eine allgemeine Wissenschaftsethik gerade wegen ihrer Allgemeinheit dazu verurteilt war, an diverse Grenzen zu stoßen. Das zeitweise sogar mit entsprechend denominierten Professuren geförderte Projekt der Technikfolgenabschätzung stieß ebenfalls bald an solche Grenzen. Denn die Technikfolgenabschätzung ist besser auf den spezifisch verschiedenen Aufgabenfeldern von Wissenschaft, Technik und Praxis aufgehoben. Das Thema der Verantwortung für künftige Generationen bildet in gewisser Weise, wenngleich mit besser fundierten Aussichten die ethisch konzentrierte Fortsetzung dieses kurzlebigen Projekts. Die schwierigen, teilweise sogar heiklen Beurteilungsprobleme, die am medizinisch-klinisch-ärztlichen Brennpunkt zwischen Wissenschaft, Technik und Praxis aufgebrochen waren, sind in dem bald ins Auge gefassten und rasch prosperierende Projekt einer Medizin-Ethik bis heute am intensivsten aufgehoben, nicht zuletzt durch Einrichtung einer Vielzahl von entsprechenden sachgebiets-spezifischen universitären Instituten mit ihren Professuren und Mitarbeiterstäben.
 
Indessen ist auch die Angewandte Ethik mit ihren sachgebietsspezifischen Verzweigungen aus einem Gestaltwandel einer traditionsreichen Disziplin der klassischen Philosophie hervorgegangen – aus der vor allem von Platon und Aristoteles auf den Weg gebrachten Tugend-Ethik. Schon ihr disziplinärer Name zeigt an, dass es ihr um die Klärung der teils kognitiven und teils praktischen Tugenden der Personen geht, die ihre Handlungsweisen inmitten der konkreten individuellen Situationen ihrer alltäglichen Lebenswelt nicht nur zugunsten von nützlichen und guten Zielen, sondern auch auf nützliche und gute Weise zu gestalten suchen. Einen Gestaltwandel macht diese uralte Konzeption mit der Angewandten Ethik durch, weil im Mittelpunkt von deren Aufmerksamkeit nicht mehr diese personalen Voraussetzungen der nützlichen und guten Praxis stehen, sondern die Bemühungen um die Formulierung und die Begründung von abstrakten und allgemeinen Regeln, Kriterien und Normen für eine solche Praxis. Kognitive und praktische Tugenden wie Scharfsinn, Besonnenheit, Klugheit, Umsicht, Vorsicht, Rücksicht und Erfahrung bilden nicht mehr ihre Leitthemen.
 
Die Angewandte Ethik ist allerdings rasch auf das notorische Defizit aufmerksam geworden, das ihre Bemühungen begleitet, weil die intendierten Regeln, Kriterien und Normen systematisch von den konkreten Situationen und ihren individuellen personalen und handlungsrelevanten Umständen abstrahieren. Doch sie hat ebenso rasch gelernt, dieses Abstraktions-Defizit mit Hilfe eines methodischen Kunstgriffs zu kompensieren, der sich inzwischen zu einer weit verzweigten und komplexen Kasuistik ausgewachsen hat – also zu dem Versuch, fiktive, aber möglichst realistische Situationen zu ersinnen, in denen (fiktive) individuelle Personen mit (fiktiven) individuellen Umständen konfrontiert sind, in der Auseinandersetzung mit denen diese Personen Bewährungsproben bestehen sollen, indem sie die vom Autor zu bedenken gegebenen abstrakten Regeln, Kriterien und Normen auf Bewährungsproben stellen.
 
Diese kompensatorische Kasuistik hat den notorischen Mangel, dass sie – wie jede Kompensation – an dem zur Kompensation anstehenden Defizit nichts ändert. Im günstigsten Fall zeigt der Autor des entsprechenden ethischen Entwurfs und seiner Kasuistik, dass er in dieser abstrakten und kasuistischen Dimension ein scharfsinnig, klug, umsichtig, vorsichtig, rücksichtsvoll und erfahren reflektierender und analysierender Autor ist. Ob er als unmittelbarer Akteur in einer praktischen Situation seiner kasuistischen Muster diese Tugenden bewähren würde, bleibt ganz und gar offen. Obwohl sie durch unmittelbare Herausforderungen unserer modernen, wissenschaftlich-technisch geprägten Lebenspraxis auf den Plan gerufen worden ist, wird die Angewandte Ethik die unvermeidlichen Defizite nicht los, die jeder Aufenthalt im Schattenreich der Abstraktionen mit sich bringt, zu denen sich jede philosophische Arbeit selbst verurteilt.
 
Ein Rückblick auf die Entwicklung der Philosophie während der vergangenen Jahrzehnte bliebe unrealistisch, wenn er nicht aktuelle externe Umstände berücksichtigen würde, von denen die Existenz einer um methodische Strenge bemühten Philosophie im öffentlich-rechtlich geschützten Raum einer Institution wie der Universität abhängt. Schon Platon hatte durch seinen Rückzug in die von ihm gegründete Akademie signalisiert, dass er den Gefahren des Wildwuchses vorbeugen wollte, denen die Philosophie ausgesetzt ist, solange sie einen der Spielbälle im ungehegten ‚Bedürfnissystem der Gesellschaft‘ (Hegel) bildet. Erst im Rahmen des Studiums eines Fachs an einer wissenschaftlichen Hochschule, also der Universität sollen die Studienanfänger zum ersten Mal planmäßig die methodischen Einstellungen einzuüben lernen, mit deren Hilfe man Einsichten, Erkenntnisse und Entdeckungen gewinnen kann, ohne ernsthaft auch nur fragen zu müssen, welchen praktischen Nutzen jeder einzelne Schritt auf dem Weg zu entsprechenden Einsichten, Erkenntnissen und Entdeckungen mit sich bringen könnte. Eine stillschweigende und seit Jahrhunderten bewährte Voraussetzung jedes universitären Studiums vermittelte seinen Absolventen die Gewissheit, dass ihr Studium umso besser zum praktischen Nutzen ihrer künftigen beruflichen Tätigkeit beitragen werde, je besser sie die spezifischen methodischen Einstellungen ihres Fachs auszuüben gelernt haben werden. Sogar das Studium der vielfältigen Spezialfächer einer so eminent praktischen Wissenschaft wie der Medizin verlangt von ihren Absolventen nicht, solche Fragen und Antworten in Verbindung mit praktischer Verantwortung zu formulieren, bevor nach dem Staatsexamen die unmittelbare praktische Einübung in die ärztliche Sorge um individuelle Patienten beginnt.
 
In den Fächern vor allem der alten Philosophischen Fakultät zeichnete sich zum ersten Mal eine immer schärfer werdende Zäsur ab, als um die Wende zu den 1970er Jahren unter den Stichworten gesellschaftliche Relevanz und Demokratisierung zwei pseudo-wissenschaftliche Kriterien nicht nur unter wissenschaftlich unerfahrenen Studenten, sondern auch unter aktivistisch disponierten Hochschullehrern immer mehr auf Resonanz stieß – und damit unter wohlfeilen abstrakten Euphemismen den Störfaktor der unaufhörlichen gesellschaftlichen Kontroversen in das wissenschaftliche Studium importierte. Die nicht nur pseudowissenschaftliche, sondern auch pseudopolitische, weil verfassungswidrige Forderung nach Demokratisierung der Universität fand in diesen Kreisen eine ähnlich willfährige Aufnahme, weil sie für die Jahrhunderte lang bewährten Erfolgsbedingungen universitärer Entscheidungsgremien blind waren. Auf beide Tendenzen reagierten einige Wissen-schafts- bzw. Kultusministerien damals erstmals mit Maßnahmen, die verrieten, dass ihr Zutrauen abzunehmen begann, das sie bislang in die Fähigkeiten der Professoren vor allem der Philosophischen Fakultät gesetzt hatten, aus eigener Kraft für eine gedeihliche Entwicklung von Lehre und Forschung zu sorgen. Die Stunde der Exekutive begann zu schlagen.
 
In derselben Zeit begann die bis heute fortgesetzte kriterienlose Förderung der Steigerung der Studentenzahlen – und damit die Vermehrung von Studenten, denen es nur allzu offensichtlich an der ausreichenden Befähigung zu einem methodisch strengen Studium mangelt. Der gleichzeitig vernachlässigte Ausbau von Fachhochschulen brachte die akademische Ausbildung um eine unschätzbare Form der dualen Ausbildung für die zu vielen, die erst im Rahmen eines universitären Grundstudiums die Erfahrung machen, dass sie in einer dualen, also auch unmittelbar praktisch fokussierten akademischen Ausbildung besser aufgehoben wären.
 
Alle diese Entwicklungen zusammen haben die regierungsamtliche Universitätspolitik in den vergangenen Jahrzehnten zu immer neuen Notwehrmaßnahmen gegen die von ihr selbst geförderte maßlose externe Überforderung der universitären Kernaufgaben geführt. Unter dem pädagogisch-didaktisch verniedlichenden Namen der Verschulung werden Lehre, Studium und Forschung in ein Kontrollsystem überführt, in dem deren grundgesetzlich garantierte Freiheit zu einem nostalgischen Traum degeneriert – insgesamt nicht mehr und nicht weniger als das letzte Stück des finalen Wegs in die technokratisch regierte Universität. Auf diesem Weg ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis für die klassische Philosophie – außer einem Nimbus, den niemand mehr versteht, und vielleicht einigen ihrer ehemaligen formalen Hilfsdisziplinen, aber ohne philosophischen Rückhalt – an unseren Universitäten kein Platz mehr sein wird.
 
 
Gerhard Gamm: Weltlich gerichtet. Die Wiederkehr der Metaphysik über die Hintertreppe der Ideen
 
Man kann Metaphysik ablehnen, aber man darf dann nirgends mehr mitreden wollen.
Wolfgang Stegmüller
 
(1) Was ist philosophisch passiert und möglicherweise der Rede wert, seit die „Information Philosophie“ ihren frischen Wind in den Blätterwald philosophischer Zeitschriften geblasen und eine – der pragmatischen Wende der Wissenschaftstheorie vergleichbare – Wende philosophischer Selbstdarstellung und Öffentlichkeit in die Wege geleitet hat? Sie durch ein dichtes Zwei-Spalten-Layout den philosophischen Sinn ernüchtert und den ästhetischen in die Bleiwüste der Lettern geschickt hat? Und dennoch überraschend die Neugier auf Philosophie zu wecken wusste, weil sie relevante, weltläufig gestreute und unterdrückte Information mit der Kommunikation, was gegenwärtig Philosophie zu leisten in der Lage ist, verbunden hat. Glückwunsch!
 
(2) Die frühen 70er, in die Universitätsphilosophie kommt Bewegung, ein Wechsel der Themen sowie eine Neuorganisation des Studiums stehen an. Die auf epistemische Fragen beschränkte Wissenschafts- und Erkenntnistheorie gerät ins Hintertreffen, Forschungsprogramme und scientific communities gewinnen an Bedeutung, der studentische Protest flaut ab, die Hochschulen öffnen sich, technokratisches Planungsbewusstsein macht sich breit. – Sprache, Ethik, Kommunikation und Gesellschaft rücken in den Vordergrund und erobern verloren gegangenes Terrain. Die Wechselwirkung muss dem Netz und dem Regelkreis, der Wurzel (radix), dem Rhizom und die Geschichte der Struktur weichen. Funktion und Struktur, Sprach- und Verhaltensanalyse suchen der Philosophie einen neuen, wissenschaftsnahen und nichtmentalistischen Boden zu bereiten. Sie wagt sich aus dem Elfenbeinturm der Philosophiegeschichte heraus. Natur und Umwelt, Technik und Wissenschaft rücken vom Rand der Aufmerksamkeit stärker ins Zentrum eines Denkens, das pragmatisch ernüchtert und, wie alles in dieser Zeit der Reform und der Planung, darauf drängt, Wissen und Wollen konsequent in den Dienst der Selbst- und Weltermächtigung zu stellen. Erkenntnis verbindet sich mit Interesse, Wissen mit dem Wunsch und Willen zu (wertgeleiteter) Finalisierung. Das Bewusstsein für den maßlosen und die Erde verwüstenden Umwelt- und Energieverbrauch der Industrienationen erwacht. Die Grenzen des Wachstums werden sichtbar. Dem Wachstum oder dem schieren „Mehr“ als urkapitalistischem Unternehmen wird ein sehnsüchtiges „small ist beautiful“ engegen-, besser, zur Seite gestellt.
 
(3) Die „Legitimationsprobleme spätkapitalistischer Gesellschaften“ (1973) rücken ins Blickfeld einer medial sich mächtig aufspielenden Öffentlichkeit; ebenso die ewige Frage nach der „Stellung der Philosophie in der veränderten Welt“ (1972). Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit nimmt Fahrt auf. Die Politik fasst sich ein Herz, sie ruft dazu auf, „mehr Demokratie“ zu wagen. Brandts Kniefall am Denkmal für das Warschauer Ghetto Ende ´70 wird (auch für ‚Intellektuelle‘) zur Bewusstsein verändernden Geste, ihr Verhältnis zur Politik zu überdenken. Die Philosophie sieht ihr liebstes Kind, die Vernunft, in arge Bedrängnis gebracht, ihr droht der Konkurs. Vernunftkritik und Postmoderne fordern sie im Namen der „Differenz“ (1971, dt. 1976) heraus. Rationalität wird zum Zauberwort und die analytische Philosophie – verstärkt durch eine sprachanalytische Rekonstruktion klassischer Probleme (1976, 1979) – zur lingua franca des Fachs. Die große Tradition der Kritik von Kant bis Marx sieht sich an ein Ende gekommen. Der Glaube an die Fortschrittsgeschichte westlicher Zivilisation bröckelt. Eine vielstimmige Artikulation des Unbehagens macht sich breit. Das Gewahrwerden weltweiten Unrechts wird durch das wachsende Bewusstsein für die Dinge geschaffen, die ausgelassen oder übersehen, zurechtgemacht (konstruiert) oder unsichtbar (invisibilisiert) werden. – Das Aufbegehren der Dritten Welt, der Kalte Krieg, ein weltweit grassierender Ethnozentrismus und Rassismus ziehen die Vernunft im Blick auf ihre Macht und Größe in Zweifel. Man sucht der „Mikrophysik der Macht“ auf die Spur zu kommen, die soziale Grammatik im Verkehr von Selbst und Anderen zu entschlüsseln; über das, was „normal“ ist, wird lebhaft gestritten, Ein- und Ausgrenzungsprozesse wollen verstanden werden, währenddessen verschwindet der Mensch „wie am Ufer ein Gesicht im Sand“ (1966, dt. 1971). – Ein letztes Seminar bei Ernst Bloch, der wie aus der Zeit gefallen und in nie versiegender „Hoffnung“ auf Revolution seine Texte – nahezu erblindet – fast wörtlich memoriert.
 
(4) Im akademischen Betrieb geht es gemächlicher, gründlicher, auch melancholischer zu. Der alltägliche Kampf mit den Klassikern macht mürbe. Ein Werk aus der Mitte der 70er Jahre bringt einen Grundzug der kommenden Philosophie auf den Punkt: Rehabilitation der praktischen Philosophie. Sprachphilosophisch versiert nimmt sie Kurs auf Ethik und Politik, Gesellschaftstheorie und Sozialkritik. In der Wiederaufnahme praktischer Vernunft geht es nicht allein um Ethiken, die an die Antike, insbesondere an Aristoteles anschließen, sondern auch um Konzeptionen, die, wie Kantianismus, Utilitarismus und Kontraktualismus, sich dem Aufstieg der modernen, auf Liberalität und Individualität gestellten Welt verschrieben haben. Eine „Theorie der Gerechtigkeit“ (1971, dt. 1973) macht Furore. Sie sucht „unseren Gerechtigkeitssinn“ durch zwei, für die Existenz liberaler Gesellschaften substanzielle Prinzipien zu beschreiben.
 
(5) Und was ist mit Metaphysik? – Vor ihr läuft man wie zu Zeiten Hegels „wie vor einem mit der Pest Behafteten davon“. Man hat sie satt, auf ihre Arbeit in den Grenzgebieten sicheren Wissens kann man verzichten, auf sie ist wenig Verlass. Sie verströmt – auch ihrer abgestandenen Sprache wegen – wenig Zuversicht, die Anlass gäbe, sich mit unseren welt- und selbstverbessernden Ambitionen auf sie zu stützen. Aber ein Keim ist mit der praktischen Vernunft, die, wie Fichte sagt, „die Wurzel aller Vernunft“ ist, gelegt. Nicht die der Welt abgewandte Seite ist von Interesse –, es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Die Frage nach den ersten und letzten Dingen wird in den Hintergrund gedrängt, die nach dem Einen und Ganzen fällt – der ‚völkischen‘ Anklänge und Vereinnahmungen wegen – dem Ideologieverdacht zum Opfer. Das In-der-Welt-Sein wird endlich zur Domäne eigenen Rechts, die Heilsgeschichte muss als verzettelte und verzeitlichte Weltgeschichte mit gutem Ausgang geschrieben werden. „Handel durch Wandel“ zieht ein. Wo das Unbehagen an der Hochsäkularzivilisation auf schwer zu beantwortende Fragen stößt, sucht man sich mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technik und anderen Sinngebungsinstanzen wie Kunst und Kultur, Ethik und Politik aus der Affäre zu ziehen. Der differenzlose Begriff der (freien) Welt, der vorgibt, in ihr heimisch werden zu können, erlebt einen Aufstieg sondergleichen. Philosophie in der modernen Welt kann es – von fragwürdigen Ausnahmen abgesehen – nur als „Nachmetaphysisches Denken“ (1988) geben. Die „Vergleichgültigung der Metaphysik“ (W. Schulz) zeigt sich im Desinteresse der Welt und der Philosophie gleichermaßen. Kritik und Aufklärung, Bildung und Begründung, vor allem Orientierung lauten die selbstbewussten bis skeptischen Vokabeln für das, was Philosophie zu leisten verspricht.
 
(6) Mit der Indifferenz gegenüber der Metaphysik verliert auch die Philosophie ein fundamentales Forschungsprogramm, das auf dem „Kampfplatz endloser Streitigkeiten“ (Kant) über zwei Jahrtausende ihr besonderes Interesse geweckt und gewahrt hatte: die Idee. Ohne sie, die (spekulative) Idee, hatte Hegel am Vorabend der „Vollendung der abendländischen Metaphysik“ geschrieben, wäre die Philosophie „nichts anderes als nur eine Erzählung zufälliger Meinungen“. Und genau das tritt ein. In der Philosophie noch von Idee zu reden, ist verpönt. Gefragt ist sie allenfalls in klein


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