Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen?

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms stellt die Philosophie vor neue Herausforderungen. Seit Februar 2001 gilt die "Entschlüsselung" des menschlichen Genoms als abgeschlossen. Denn zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten die beiden einflussreichen naturwissenschaftlichen Zeitschriften, Nature und Science, die Resultate einer langjährigen Arbeit der Sequenzierung und Kartierung des menschlichen Genoms, bei der am Ende das mit öffentlichen Geldern geförderte International Human Genome Sequencing Consortium unter Leitung von F. Collins und die privat finanzierte Celera-Gruppe unter Leitung von J. C. Venter miteinander konkurriert hatten.

Die Veröffentlichung dieser Resultate stellt ohne Zweifel einen bedeutsamen Schritt in der Aufklärung der Lebenszusammenhänge des Menschen und der ihn umgebenden Natur dar. Denn nun wissen wir nicht nur, dass es die Abfolge von vier Basen ist, die auf molekularer Ebene für die durch Vererbung bestimmten Merkmale eines Lebewesens verantwortlich ist; wir kennen auch die Abfolge und den Ort der Basenpaare, wie sie für das Genom der eigenen Spezies, für homo sapiens sapiens, charakteristisch sind.

Wenn wir freilich genauer sagen wollen, was diese Kenntnis bedeutet, stellen sich Fragen ein: Was wissen wir tatsächlich, nachdem wir Abfolge und Ort der "Gene" kennen, und was wissen wir nicht oder noch nicht? Was heißt es ferner, dieses Wissen auch zu verstehen? Welche Bedeutung kommt ihm zu – für das Bild, das wir uns von uns selbst machen, für unsere Deutung von der uns umgebenden Natur und für unsere Vorstellungen von menschlichem Zusammenleben? Und wie wird sich dieses Bild durch das neue Wissen ändern? Und schließlich: Welche praktischen Erkenntnisse benötigen wir, von denen wir uns beim Umgang mit dem neuen Wissen leiten lassen können?

Bei diesen Fragen geht es nicht nur darum, bestimmte, bislang noch verbliebene Lücken in unserem Wissen und Verstehen zu schließen. Ihrer Beantwortung kommt eine sehr viel größere Bedeutung zu. Denn das neue Wissen betrifft uns selbst, und dies in einer Dimension des Menschlichen, die unserer Einsicht und unserem Zugriff bislang nur in begrenzter Weise zugänglich war, nämlich in unserer Natur, genauer unserer individuell geprägten Natur, mit der wir unaufhebbar identisch sind. Mit den genannten Fragen ist daher nicht weniger als eine vierfache Herausforderung formuliert: eine Herausforderung an unser Wissen, an unser Verstehen, aber auch und vor allem an unsere Selbst- und Naturdeutung angesichts des neuen Wissens und an unser Selbstverhältnis und unsere Selbstbegrenzung im Umgang mit den neuen Handlungsmöglichkeiten .

Was kennzeichnet diese Herausforderungen, und was gibt ihnen ihr zugleich wissenschaftliches, kulturelles und existentielles Gewicht? Was lässt die Humangenomforschung zu einem nicht nur wissenschaftlich wichtigen, sondern zugleich für die anthropologische und ethische Vergewisserung des Menschen höchst bedeutsamen Ereignis werden? Wie müssen die wissenschaftlichen und philosophischen Fragen überhaupt formuliert werden, damit wir Antworten finden, mit deren Hilfe wir den genannten Herausforderungen begegnen können?

Das naturwissenschaftliche Wissen

Was wir wissen, nachdem wir die Resultate der aufwendigen Sequenzierung und Kartierung des menschlichen Genoms kennen, ist nach Auskunft der beteiligten Wissenschaft-ler viel und wenig zugleich. Wir wissen, dass die Abfolge der vier Basen im Genom eine entscheidende Grundlage der gesamten Lebensvorgänge darstellt, dass aber noch sehr viel umfangreichere und detailliertere Untersuchungen notwendig sein werden, um die spezifische Funktion zu erfassen, die dem Genom in Wechselwirkung mit dem Proteom, d.h. den durch das Genom bestimmten Eiweißstoffen, und den anderen Faktoren im Gesamten von Zelle und Organismus zukommt. Die Zahl der Gene, so zeigt zudem das Ergebnis der Sequenzierung, ist beim Menschen geringer als erwartet: Sie liegt bei etwa 30.000 - 40.000 Genen._ Schon jetzt ist sicher, dass wir viele der Gensequenzen mit anderen Lebewesen teilen; wir entdecken uns als genetische Verwandte von Bäckerhefe und Fruchtfliege, ganz und gar von der genetischen Evolution bestimmt und durch sie in die uns umgebende Natur eingebunden.

Zugleich macht das gewonnene Wissen deutlich, was wir noch nicht wissen. Fast 99% unserer Gensequenzen haben wir vermutlich mit dem Schimpansen gemeinsam. Aber warum aus den nahezu gleichen Sequenzen im einen Fall ein Schimpanse wird und im anderen Fall ein Mensch, wissen wir bislang nicht. Offensichtlich bestimmen die 30.000 - 40.000 Gene vieles in Form einer Wechselwirkung miteinander - von der Wechselwirkung des Genoms mit den anderen Wirkungsfaktoren unseres Organismus, unserer Umwelt und unseres Verhaltens ganz zu schweigen. "Die wirkliche Revolution der Zellbiologie", so resümiert der Nature-Redakteur Philip Ball, "ist nicht die Entzifferung der Genome von Mensch, Tieren und Pflanzen, sondern die Beobachtung von Genaktivitäten und Wechselwirkungen innerhalb der Sequenzen der Erbsubstanz DNS." Dem Genom steht ein 10 - 100mal größeres Proteom gegenüber, das wiederum nur ein Teilfaktor eines in seiner Größe noch gar nicht abschätzbaren Physioms ist, nämlich dem Zusammenhang "aller Beziehungen der Gene und ihrer Produkte untereinander und mit den Umgebungsparametern, wie sie dem momentanen Funktionszustand einer Zelle, eines Gewebes oder eines Organismus entsprechen" (A. Maelicke). Welchen Sequenzen welche Funktion zuzuordnen ist, kann daher erst die vollständige Analyse des Zusammenhangs von Genom, Proteom und Physiom erweisen. Mit der Ermittlung der Abfolge der Gensequenzen im menschlichen Genom gerade zu Ende gekommen, stehen wir also wiederum am Anfang einer weit umfassenderen Struktur- und Funktionsanalyse. Wenn aber das mit der Entschlüsselung gewonnene Wissen nur einen Ausgangspunkt darstellt, dann wird das ganze Ausmaß dessen sichtbar, was wir mit Blick auf das Humangenom die Herausforderung an das Wissen und die Wissenschaft nennen können.

Wissen im strengen Sinn liegt aber erst dann vor, wenn wir – wie die Formel des Aristoteles lautet – etwas als etwas zu identifizieren und zu charakterisieren vermögen, wenn wir also das, was wir kennen oder kennen gelernt haben, unter Begriffen zu erfassen und in einem umfassenderen Kontext zu deuten vermögen. Für das wissenschaftliche Wissen bedürfen wir bestimmter Hypothesen und (auf höherer Stufe) komplexer Theorien, ohne die die erkannten Phänomene in keinen aufschlussreichen Zusammenhang treten. Schwierig wird dies, wenn völlig neue Phänomenbereiche erschlossen werden, zu ihrer Deutung aber nur Bilder, Metaphern, Begriffe und Theoriemodelle zur Verfügung stehen, die in ganz anderen Zusammenhängen ausgebildet worden sind. Wie die Wissenschaftsgeschichte der neueren Genomforschung zeigt, bedarf es in einer solchen Situation höchst verschiedener Anläufe sowie mannigfacher Korrekturen der zunächst benutzten Deutungsmittel, bis sich ein begrifflich-theoretisches Instrumentarium entwickelt hat, das den neuartigen Zu- sammenhängen einigermaßen angemessen ist. Dabei werden Bilder und Begriffe von ihrem ursprünglichen Sinn abgelöst und mit einem neuen, nur im Kontext der jeweiligen Hypothese bzw. des theoretischen Modells zu verstehenden Sinn verbunden. Ebendies aber leistet einer Gefahr Vorschub, der besonders der mit dem betreffenden Wissenschaftsprozess nicht vertraute Laie (und dies ist nicht selten auch der nicht in diesem Bereich arbeitende andere Wissenschaftler) ausgesetzt ist: nämlich die im neuen Wissenschaftsfeld benutzten Begriffe und Bilder in ihrem ursprünglichen, zum Teil lebensweltlichen Sinn aufzufassen. Der in seiner neuen Verwendung hoch konditionierte Begriff wird gemäß seinem ursprünglichen Sinn ‚vergegenständlicht’ und so missdeutet.

In hohem Maß gilt dies für die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unbekannten molekularen Grundlagen der Vererbung, wie sie durch die Entdeckungen von F. Crick und J. Watson zum Gegenstand der Forschung wurden. Schon die bis jetzt zurückgelegten Schritte haben zu mannigfacher Korrektur der Ausgangshypothesen und zu einer immer intensiveren Nachfrage nach der Angemessenheit der jeweils neu eingeführten Hypothesen, Begriffe und Modelle geführt. Etliches wurde umgestoßen, was wir gestern noch für gesichertes Wissen hielten. So wissen wir inzwischen, dass die These "ein Gen – ein Merkmal" und auch die Annahme "ein Gen – ein Enzym" zu einfach sind und dem Gedanken von einer komplexen Wechselwirkung der Gene untereinander weichen muss. "Mit der Identifizierung der DNA als materieller Träger der genetischen Information", so beschreibt E. Fox Keller die wissenschaftliche Entwicklung, "schien das Gen auf dem Weg, zu einem die ganze Biologie vereinheitlichenden Grundkonzept zu werden. [...] Die erstaunlichen Fortschritte der Molekulargenetik im vergangenen Vierteljahrhundert haben die Zuversicht dahinschmelzen lassen, mit der die ersten Architekten der Genetik einst an ihren Gegenstand herangingen und die sich zunächst so dramatisch zu bestätigen schienen. Tatsächlich ist diese Zuversicht heute so sehr geschwunden, dass wir am Ende des 20. Jahrhunderts fast ebensowenig zu sagen vermögen, was Gene sind und was sie tun, wie zu Beginn des Jahrhunderts."

Haben wir das, was wir wissen, auch angemessen verstanden?

Gefallen ist mit diesem Prozess wachsender Einsicht nicht nur der strenge genetische Determinismus, sondern auch der Gen-Zentrismus, wie er noch R. Dawkins 1976 erschienenem einflussreichen Buch Das ego-istische Gen zu entnehmen ist, in dem er davon ausgeht, dass alle Lebewesen ihren Genen gehorchen und für ihre Gene leben. Nichts, so wird man inzwischen feststellen müssen, ist durch die Fortschritte der molekularen Genetik so nachhaltig in Frage gestellt worden wie der Glaube an diese Idee. Nicht Konstanz und Gleichheit, so könnte man das Resultat der Analyse in pointierter Weise festhalten, sind das Normale, sondern Abweichung und Ungleichheit, nicht die Einheit, sondern die Vielfalt, nicht die einlinige Kausalität, sondern die komplexe Wechselwirkung. Wenn niemand – selbst nicht der monozygote Zwilling – dem anderen genetisch gänzlich gleicht und auch der, der sich ganz und gar für gesund halten kann, schätzungsweise 15 - 20 Gene zu pathologischen Dispositionen in seinem Genom trägt, dann ist der Begriff "genetischer Normalität" ebenso obsolet wie der der "genetischen Gesundheit".

Gewiss zeigt der genetische Befund durchaus auch monogen, d.h. durch ein einziges Gen bedingte Dispositionen – und dazu gehören nicht wenige, die zu schwerer Krankheit führen –, aber sie sind die Ausnahme gegenüber den polygen bedingten – und zu ihnen gehören sowohl die Anlagen für Massenerkrankungen wie Bluthochdruck als auch die für besonders begehrte Eigenschaften wie die Intelligenz.

Je mehr aber die Komplexität der Wechselwirkungen des Genoms mit den anderen Faktoren im Gesamt der Zelle, des Zellverbands, des Organismus und seiner jeweiligen Umwelt in den Blick rückt, um so mehr bestätigt sich die Einsicht, dass der gleiche evolutive Mechanismus, dessen Mutationen wir unsere Entfaltungsmöglichkeiten und unsere Leistungspotentiale verdanken, auch die Ursache unserer Grenzen und unserer Defekte ist und dass deshalb von Natur aus zur Gesundheit die Krankheit gehört – ebenso wie zum Leben der Tod.

Die bislang erreichten Resultate der Genomanalyse werfen nicht nur bisheriges Wissen über den Haufen, sondern wecken auch Zweifel, ob wir das, was wir wissen, bereits angemessen verstanden haben. Es beginnt mit den Metaphern und Modellen, die die Genetik bei der Gewinnung und Deutung des neuen Wissens benutzt und die zumeist aus dem Bereich der Sprache und der Informationstechnik genommen sind: die Gene als "Buchstaben", das Genom als "Text", den wir "lesen", nachdem wir die "Buch-staben" identifiziert haben, oder das Genom als "Code", den wir "entschlüsseln" und der die "Information" darstellt, die vielfach "transkribiert" oder "translatiert" wird und das "Programm" enthält, von dem der Organismus, seine Entwicklung und sein Verhalten bestimmt sind.

Eine zentrale Rolle kommt dabei der Deutung der Gene bzw. des Genoms als "In-formation" zu; denn sie macht den Einsatz der (Bio-)Informatik plausibel, die die "Mo-delle" liefert, mit deren Hilfe wir der Flut der "Daten" Herr werden. Freilich wird dabei ein Begriff von "Information" gebraucht, der sich vom lebensweltlichen Begriff der "Information" deutlich unterscheidet. Denn im einen Fall wird "Information" als nachrichtentechnischer Strukturbegriff benutzt, der die Sequenz der vier Nukleotiden als Abfolge von Ja/Nein-Schaltungen darstellt, ohne einen Sender und Empfänger anzunehmen und ohne diese Abfolge semantisch, d.h. auf ihre Bedeutung hin zu interpretieren. Der lebensweltlich-kommunikativ gebrauch-te Begriff der "Information" dagegen versteht unter der "Information" eine inhaltliche Botschaft mit bestimmten Wahrheitsansprüchen. Welche Bedeutung diesem Unterschied zukommt, zeigt sich, wenn die in einer bestimmten strukturellen Abfolge von Nukleotiden bestehende genetische Informa-tion als Information über ein Krankheitsrisiko gelesen wird. Es entsteht der Anschein, als seien die beiden Informationsbegriffe identisch und die Nukleotidsequenz die Krankheit. In Wirklichkeit findet eine Deutung statt, die aufgrund von komplexen Korrelationen zu einer Aussage führt, deren Bedeutung ohne Beachtung dieses Kontextes Missverständnisse auslösen muss.

Die mit diesen Überlegungen verbundenen Fragen lassen sich fortsetzen: Ist mit dem von W. Johannsen 1909 eingeführten Ausdruck "Gen" wirklich so etwas wie ein "Baustein", d.h. eine eigene Entität gemeint? Oder hat Johannsen das Wort nur eingeführt, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass "viele Merkmale des Organismus in Gestalt spezifischer, isolierter und daher unabhängiger Bedingungen, Grundlagen und Determinanten in den Gameten angelegt seien", um also ein Wort für die Einheiten bzw. Faktoren zur Verfügung zu haben, von denen die Mendel’sche Vererbungslehre spricht. "An-ders als Chromosomen sind Gene keine materiellen Objekte", so stellt der Molekularbiologe W. Gelbart fest, "sondern lediglich Konzepte, die in den letzten Jahrzehnten sehr viel historischen Ballast angesammelt haben." Noch M. Delbrück sah im Gen eine letzte materielle Einheit des Lebens unterhalb der Zelle und suchte – am Paradigma der Physik orientiert – nach einer Quantentheorie des Gens, bis die weiteren Entdeckungen eine Komplexität erkennen ließen, die sich dieser Annahme nicht fügte. So kann nicht länger an der Vorstellung von "Genen" als Stabilität verbürgenden Quasi-Atomen biologischer Wechselwirkungen festgehalten werden, wenn wir davon auszugehen haben, dass die als Gen bezeichnete Nukleotidsequenz, die ein Polypeptid kodiert, ihre Stabilität über die Generationen hinweg gar nicht allein zu bewahren in der Lage ist, sondern eines komplexen Prozesses der Prüfung und Korrektur bedarf. Zudem muss unterschieden werden zwischen dem Gebrauch des Ausdrucks "Gen" auf der molekularen Ebene und im Zusammenhang der Evolution der Arten. Nur wenn wir die komplexen Bedingungen, unter denen der Ausdruck "Gene" verwendet wird, im Blick behalten, werden wir seine wissenschaftlich wie lebensweltlich problematische ‚Ikoni-sierung’ vermeiden.

Längst hat sich auch im lebensweltlichen Sprechen die Unterscheidung zwischen der Keimbahn und dem restlichen Organismus sowie zwischen Genotyp und Phänotyp, d.h. zwischen der Ebene der Gene eines Lebewesens und der Ebene dessen, was wir an einem Lebewesen und seinem Verhalten beobachten können, eingebürgert. Wie P. Janich gezeigt hat, kommt diese für die Entstehung der Genetik so bedeutsame Unterscheidung aus dem Kontext des Züchtungswissens. Erst nachdem G. Mendel – im Unterschied zur vorfindlichen Wirklichkeit – Reinzuchtformen hergestellt hatte, konnte er die nun einheitlichen Merkmale seiner Erbsen als das zu Erklärende verstehen und auf isolierte Faktoren als Erklärung zurückführen. Aus dem vorwissenschaftlichen, der Praxis dienenden Wissen des Züchters wird die deskriptiv verstandene wissenschaftliche Hypothese. Noch 1972 meinte der französische Nobelpreisträger F. Jacob, dass in einem Organismus "ein von der Vererbung vorgeschriebenes Programm verwirklicht (wird). An die Stelle der Absicht einer anima tritt von nun an die Übersetzung einer Botschaft." Aber ist das Genom wirklich das moderne Äquivalent zu der von der aristotelischen Philosophie des Lebendigen angenommenen Seele? Kann man angesichts des erreichten Wissens noch davon sprechen, dass Gene das "Wesen des Lebens" (R. Dawkins) beschreiben, und ist es daher nicht eine unzulässige Reduktion, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms als die Aufdeckung dessen zu bezeichnen, "was es heißt, ein menschliches Wesen zu sein?" (W. Bodmer - R. McKie). Auch die von A. Weismann (1870-1910) eingeführte Unterscheidung von Keimbahn und restlichem Organismus ist, wie Janich hervorhebt, nicht Resultat einer empirischen Entdeckung, sondern Bestandteil einer an einem atomistisch-mechanistischen Verständnis der Physik orientierten Forschungshypothese, um u.a. zu erklären, warum die Weitergabe von Merkmalen im Erbgang unabhängig ist von der Expression auf der Ebene des Genotyps.

Zudem benutzt die Molekulargenetik bei ihren Aussagen vielfach Modelle, so dass man die Aussagen missversteht, wenn man den Sinn der Modelle nicht kennt. Bei jeder Modellbildung ist die Verteilung der Rollen von Erklärung und zu Erklärendem ein entscheidendes Moment, dessen Ausblendung die Funktion des Modells unverständlich macht. Denn Modelle, so ruft Janich mit Berufung auf M. Gutmann in Erinnerung, sind nicht Modelle "von etwas", sondern "für etwas". Missversteht man die Modelle der Genetik in der ersten Weise, enthalten sie die Behauptung einer partiellen oder totalen Struk-turidentität von Modell und Modelliertem. Eben dies aber ist nicht der Fall. Die Legitimität der Anwendung des Modells auf das Modellierte gehört daher mit zu den zu bedenkenden Problemen.

So wenig das Modell mit dem Modellierten identisch und folglich die am Modell explizierte Trennung von Genom und Organismus eine empirisch entdeckbare Wirklichkeit ist, so wenig ist dies auch der "genetische Code". "Meine These" so stellt die Wissenschaftshistorikerin L. Kay im Anschluss an ihre unter dem Titel Who Wrote the Book of Life? The History of the Genetic Code veröffentlichte Begleituntersuchung zum Human-Genom-Projekt fest, "ist, dass es keinen genetischen Code ‚da draußen’ gab, den die Wissenschaftler nur zu entdecken brauchten. [...] Es ist eine Korrelations-tabelle zwischen 64 Codonen und 20 Aminosäuren und es ist eine sehr wichtige Tabelle." Weder eine empirische Entdeckung noch eine bloße Erfindung, ist der genetische Code, so Kay, nach wie vor ein "Rätsel". Wer ihn für eine dingliche Größe hält, sitzt einer Illusion auf.

Unser Selbstverständnis und unser Selbstverhältnis ist tangiert

Damit wird offenkundig, dass die wissenschaftliche ebenso wie die wissenschaftstheoretische Herausforderung nur erfolgreich aufgenommen werden kann, wenn der Blick über die Teile hinausgeht und sich, wie E.- L. Winnacker das zukünftige Programm beschreibt, auf das Verständnis des Ganzen richtet, und die darauf bezogene interdisziplinäre Forschung begleitet wird von einer Vergewisserung ihrer methodologischen Bedingungen.

Eine solche Vergewisserung ist vollends unverzichtbar, wenn es um die Zuordnung des neuen Wissens zu den Vorstellungen geht, die wir uns von uns selbst, von der uns umgebenden Natur und vom sozialen Miteinander der Menschen machen, oder mit anderen Worten, wenn wir die Syntax des entschlüsselten Genoms der Semantik unseres Selbst- und Weltverständnisses zuordnen und die strukturellen Informationen in Sinnbedeutungen übersetzen.

Damit sind wir bei derjenigen Herausforderung, die unser Selbstverhältnis, unser Verhältnis zur Natur und unser soziales Zusammenleben betrifft.

Denn auch wenn das Genom seine Funktion nur in enger Wechselwirkung mit anderen Bestimmungsfaktoren ausübt, so stellt es doch ohne Zweifel eine wesentliche Bestimmungsebene unseres leiblichen Lebens dar, und zwar eine solche, die uns als Individuen eigen ist und uns in der Natur betrifft, mit der wir als leiblich existierende Subjekte unaufhebbar identisch sind. Sie zu "ent-schlüsseln" und in ihrer in Wechselwirkung mit den anderen Faktoren ausgeübten Funktion zu begreifen, heißt, die menschliche Natur einer Einsicht und einem Eingriff von bislang unbekannter Tiefe zugänglich zu machen. Angesichts der Schranken, die uns die Natur bislang an dieser Stelle setzte, wird es verständlich, dass bereits die Möglichkeit solcher Einsicht und solchen Eingriffs Erschrecken auslöst.

Denn auch wenn wir noch weit entfernt davon sind, das Maß der durch die Genomana-lyse eröffneten neuen "Durchsichtigkeit" abmessen und die damit verbundenen Möglichkeiten vertretbarer Eingriffe abschätzen zu können, so ist doch sicher, dass die neue Genetik Diagnose und Intervention in einer Weise erlaubt, die zentrale Dimensionen unseres Selbstverständnisses und unseres Selbstverhältnisses betrifft. Dazu gehört die Grundspannung, die die conditio humana zutiefst bestimmt, nämlich die von naturaler Vorgegebenheit und entwurfsoffener Aufgegebenheit. Gewiss kommt die neue Möglichkeit genetischer Selbstmanipulation dem modernen Konzept der Selbstgestaltung entgegen, das ja inzwischen bis in die "Um-formung des eigenen Körpers" (L. Siep) reicht. Aber wird sich der Spielraum des Selbstentwurfs durch eine genetisch verfahrende "Anthropotechnik" (P. Sloterdijk) tatsächlich positiv erweitern lassen, oder zeigt uns nicht viel mehr die Genomanalyse jetzt schon eine Eingebundenheit in eine Komplexität der Wechselwirkung, die sich zwar ohne große Schwierigkeit stören, aber kaum gezielt "verbessern" lässt? Wird nicht gerade die auf die Genomanalyse folgende Funktionsanalyse sehr viel deutlicher ans Licht treten lassen, wie tief wir in die Evolution eingebunden sind, wie viel daher an uns ‚Schicksal’ ist, und wie begrenzt der Raum der Freiheit für einen verantwortbaren Selbstentwurf durch eine genetische Intervention ist? Wenn die Schere, die sich zwischen der Diagnose genetisch bedingter schwerer Krankheit und deren Therapierbarkeit auftut, ihren Grund in der hohen Komplexität der beteiligten Faktoren hat, ist ohne Zweifel äußerste Vorsicht geboten, die Therapie über die Intervention in das Genom zu versuchen.

Und sollen wir solche genetische Selbstgestaltung – wäre sie denn möglich – überhaupt wollen? Wenn der Mensch mit seiner Natur, zu der er sich verhalten und deshalb diagnostisch und therapeutisch eingreifen kann, zugleich unaufhebbar identisch ist, sind der Möglichkeit der Intervention nicht nur Räume eröffnet, sondern im Blick auf die Wahrung der dem Menschen eigenen Identität auch Grenzen gezogen.

Wie also ist der unter den neuen Bedingungen der Genetik zu findende Ausgleich von Selbsttranszendenz und Leiblichkeit, Entwurfsoffenheit und Determiniertheit, Veränderung und Identitätswahrung zu formulieren? Hier setzt der "Schrecken" ein, den die Möglichkeit der genetischen Selbstmanipulation auslöst. Sich nach dem eigenen Entwurf hervorzubringen, hatte Kant im Hinblick auf die Biowissenschaften noch ausgeschlossen. "Woran wollen wir uns denn orientieren," fragt G. Böhme, "wenn wir die Ordnung der Natur nicht mehr als gegeben hinnehmen, sondern überhaupt erst ‚nach eigenem Entwurf’ hervorbringen wollen?"

Unser Selbstverhältnis ist aber nicht nur durch die Möglichkeit eines bislang unbekannten Eingriffs in das eigene Genom berührt, sondern auch durch die der Einsicht. Auch hier wissen wir beim derzeitigen Stand der Entwicklung, dass die Einsicht wachsen und bislang unbekannte Vorhersagen möglich machen wird, auch wenn Ausmaß und Qualität solcher Prognosen – zumal für die in der Regel multifaktoriell bedingten Massenerkrankungen – noch nicht absehbar sind._ Auch diese Perspektive erweitert unser Selbstverständnis um eine ungewohnte Dimension. Sie wird unser Verhältnis zur eigenen Zukunft und deren Schicksalhaftigkeit verändern und uns mit ambivalenten Folgen konfrontieren. Denn sie wird Wissen über Krankheiten und Krankheitsdispositionen eröffnen, bei denen Therapie oder Prävention möglich ist und das deshalb mit Hoffnung verbunden ist, aber auch Wissen ermöglichen, das die Zukunft unter das Verdikt einer zu einem bestimmten Zeitpunkt ausbrechenden Krankheit stellt, für die keinerlei Abhilfe zur Verfügung steht, und das deshalb als schicksalhafte Last erfahren wird.

Was für den Umgang mit der eigenen Natur gilt, gilt auch für den mit der uns umgebenden Natur. Bis in die Details wird uns der Einblick in das eigene Genom wie in das anderer Lebewesen unsere Verflochtenheit in die Evolution erkennen lassen, und zwar sowohl was die eigene Stammesgeschichte als auch was die Verwandtschaft mit den anderen Lebewesen betrifft. Dies wird uns die hohe Komplexität der Resultate der Phylo- wie der Ontogenese ebenso wie deren Kontingenz erkennen lassen. Wie schon die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Ökologie wird diese Einsicht einerseits das Bewusstsein der eigenen Macht, andererseits aber das der Bindung an die erkennbaren Grenzen verstärken und zu einem veränderten Verhältnis zur umgebenden Natur führen als jener Gesamtheit, deren Teil wir sind und die nur zu bewahren ist, wenn wir uns zu ihr in ein entsprechendes Verhältnis setzen.

Nicht zuletzt zeigt sich die in der Humangenomanalyse liegende Herausforderung im Blick auf das soziale Zusammenleben der Menschen. Denn bislang wissen wir nicht, nach welchen Gesetzen sich das neue individuelle Genom bildet, das bei der Befruchtung aus der Verbindung der beiden haploiden Chromosomensätze der Eltern entsteht, und schätzen das Resultat deshalb als eine – unabhängig von der Partnerwahl - dem ‚Zufall’ sich verdankende Größe ein. Alle nach der Geburt sich zeigenden Krankheiten und Behinderungen oder die dazu führenden Dispositionen wurden bislang mehr oder weniger als ein vom Menschen selbst nicht zu verantwortendes Schicksal betrachtet, das auf die Solidarität der anderen rechnen darf. In welcher Weise ändern sich aber sozial-ethische Konzepte wie Gleichheitsgebot, Anspruch auf wechselseitige Anerkennung, Solidarität u.ä., wenn die genetische Disposition über die pränatale oder präimplantative Diagnostik zur Sache der Wahl eines Dritten oder über den Gentransfer zum Ge- genstand einer Fremd-Intervention in die Keimbahn des Menschen wird? Wenn selbst die Befürworter der Keimbahnintervention in den zu erwartenden sozialen Folgen ungelöst verbleibende Probleme sehen, wird deutlich, dass Erweiterungen von genetischer Einsicht und genetischem Eingriff je nach dem Gebrauch, den wir davon machen, nicht ohne tiefgreifende Veränderungen in den sozialen Beziehungen bleiben werden, auch wenn es nicht zu einer staatlich gelenkten Eugenik kommt.

Die ethische Herausforderung der Humangenomforschung

Was die Humangenomforschung zur ethischen Herausforderung werden lässt, sind Ausmaß, Neuartigkeit und Ambivalenz der durch sie erlaubten Handlungsmöglichkeiten. Sie eröffnen Diagnose und Intervention, wo bislang die Natur dem Menschen Widerstand entgegensetzte und Grenzen zog. Will der Mensch angesichts des weggefallenen Widerstands nicht nach vorn fallen und stolpern, muss er sich an Stelle der Natur selbst die Grenzen setzen.

Notwendig wird diese Selbstbegrenzung durch die unverkennbare Ambivalenz der neueröffneten Möglichkeiten der Einsicht und des Eingriffs. Denn wenn das Genom eine der maßgeblichen Bedingungsebenen des Lebens ist, dann ist auf der einen Seite die Erwartung berechtigt, dass seine Entschlüsselung und die folgende Funktionsanalyse dazu führen werden, Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder die Alzheimersche Krankheit von ihren genetischen Ursachen her aufzuklären und der Therapie bzw. der Prävention zugänglicher zu machen. Zu Recht erhofft daher die Medizin von der Humangenomforschung eine erhebliche Erweiterung ihrer diagnostischen, therapeutischen und präventiven Möglichkeiten, die es erlaubt, die ihr bislang gezogenen Grenzen zu überschreiten. Auf der anderen Seite wird die durch die Genomanalyse eröffnete Einsicht aber auch zur schicksalhaften Last, wenn Therapie- oder Präventionsmöglichkeiten fehlen. Wird darüberhinaus das Wissen von einer hohen genetischen Belastung noch vor Implantation des Embryos oder vor seiner Geburt gewonnen, kann es durch Verzicht auf Implantation oder durch Kopplung mit dem Abbruch der Schwangerschaft zur Verletzung des dem Embryo geschuldeten Lebensschutzes und zu Selektion und Diskriminierung führen.

Auch die durch die gentechnische Entwicklung ermöglichte Intervention in das Genom kann – in Form somatischer Gentherapie auf Körperzellen angewendet – Heilung eröffnen, wo alle anderen Therapieversuche bislang versagen; richtet sie sich dagegen auf das Genom der Keimzellen, wird in die Rechte der zukünftigen Träger des veränderten Genoms eingegriffen und die Tür zum "Gendesign", d.h. einer der Optimierung beliebiger Eigenschaften dienenden Konstruktion genetischer Dispositionen geöffnet.

Wie sollen wir, so fragen sich viele, mit dieser Ambivalenz umgehen? Wird der Traum vom biologisch perfektionierbaren Menschen wieder aufleben und der Mensch in einer unverantwortlichen Weise zum Werk seiner eigenen Hände werden? Wird es durch pränatale Diagnostik zu einer ungewollten Eugenik "von unten" oder durch Keimbahntherapie zu einer genetisch geteilten Gesellschaft kommen? Führen die vor der breiten Einführung stehenden DNA-Chips zu einer ausufernden Gendiagnostik, an deren Ende der "gläserne Menschen" steht?

Es ist die Humangenomforschung selbst, die Erwartungen solcher Art deutliche Schranken setzt. Denn die Resultate bestätigen nicht den genetischen Determinismus, der hinter einem großen Teil dieser Machbarkeitsvorstellungen steht. Wenn sich Gesundheit und Krankheit – wie schon erwähnt – als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels einstellen, in dem die genetischen Dispositionen eine wichtige, aber mit anderen Faktoren vernetzte Rolle spielen, dann sind der Prognose und dem Eingriff deutliche Grenzen gesetzt. Und wenn die neue Genetik eines deutlich macht, dann ist es die tiefe Einbettung der genetischen Ausstattung des Menschen in das komplexe Geschehen der Evolution, das mit seinen Polymorphismen nie nur die erwünschten, sondern auch die als belastend empfundenen Dispositionen hervorbringt, und dessen Natur es mit sich bringt, dass sich Gesundheit mit Krankheit und Leben mit Tod verbindet.

Mehr Wissen und tieferes Verstehen sind daher eine unerlässliche Voraussetzung für den verantwortlichen Umgang mit den neuen Erkenntnissen der Genetik. Sie zeigen Möglichkeiten wie Grenzen und gebieten Vorsicht, geben aber noch keine Auskunft auf die Frage, an welche Kriterien sich der gesuchte verantwortliche Umgang zu halten hat. Auch auf diese Frage ist die Antwort nicht einfach; denn angemessene Rechtsnormen müssen erst gefunden werden, und die moralischen Überzeugungen, an die die Rechtsregelung anknüpfen könnte, sind in der modernen pluralistischen Gesellschaft in vielen Punkten kontrovers. Deshalb bleibt nur der Ansatz bei den fundamentalen, allgemein anerkannten Normen, wie sie im Gedanken der Menschenwürde und Menschenrechte festgehalten sind. Der daraus für das medizinische Handeln folgende Grundsatz, dass kein Eingriff ohne Aufklärung und Zustimmung der betroffenen Person erfolgen darf (informed consent), hat gerade für den Umgang mit der Humangenetik zentrale Bedeutung. Er fordert bei genetischen Tests eine Wahrung des den Betroffenen zukommenden Rechts auf Wissen wie auf Nichtwissen; dies wiederum macht Beratung vor und nach dem Test unabdingbar.

Doch können die Bindung von Diagnose und Eingriff an die Selbstbestimmung des einzelnen Patienten und das Verbot der Diskriminierung nicht genügen, wenn Diagnose und Eingriff Menschen betreffen, die zur Wahrung dieser Selbstbestimmung nicht in der Lage sind, und der Eingriff Eigenschaften der Gattungsnatur betrifft, ohne deren Wahrung auch die individuellen Rechte nicht geschützt werden können. Soll Medizin nicht zur beliebigen Serviceleistung werden, muss zur Bindung des Gebrauchs der Humangenetik an das Recht auf Selbstbestimmung die Bindung an die Ziele des ärztlichen Handelns treten. Dies bedeutet Anwendung prädiktiver genetischer Tests von Krankheiten nur im Bereich ärztlicher Ziele und im Rahmen des Arzt-Patient-Verhältnis-ses.

Doch auch die letztgenannten Grundnormen lassen Fragen offen: Wird der Krankheitsbegriff eine hinlänglich scharfe Grenzziehung erlauben, um legitime Prävention und Therapie von problematischem "enhancement" unterscheiden zu können?_ Wessen Eigentum ist eigentlich das individuelle und das kollektive menschliche Genom, und wie ist das Wissen vom menschlichen Genom geschützt? Lassen sich Gensequenzen, die doch keine Artefakte des Menschen sind, zum Gegenstand von Patenten machen, die sich ihrem Wesen nach auf Erfindungen und nicht auf Entdeckungen beziehen?_ Wo liegen die grundrechtlich gezogenen Grenzen der Anwendung prädiktiver genetischer Diagnostik, und wie ist mit dem Gebrauch solcher Tests im Versicherungswesen und am Arbeitsmarkt umzugehen, wenn eine Diskriminierung aufgrund der individuellen genetischen Ausstattung vermieden werden soll? Sind Eingriffe in die menschliche Keimbahn nur deshalb zu verbieten, weil sie bislang mit unübersehbaren Risiken verbunden sind, oder gibt es im Blick auf die dazu notwendigen Menschenversuche und auf die Ansprüche der zukünftigen Träger des veränderten Genoms kategorisch zu ziehende Grenzen?

Die Liste dieser Fragen ließe sich ohne Mühe fortsetzen. Sie machen deutlich, dass die biomedizinischen Wissenschaften mit der Sequenzierung und Kartierung des menschlichen Genoms eine wissenschaftliche Herausforderung aufgenommen haben, über deren Resultate wir ebenso wie über ihre Grenzen erst mit fortschreitender Forschung Gewissheit haben werden. Schon jetzt aber ist deutlich, dass die sich abzeichnenden Möglichkeiten die naturalen Grundbedingungen des menschlichen Selbstbezugs betreffen. Wenn aber Grundbedingungen des menschlichen Selbstverhältnisses in Frage stehen, muss die Frage, ob und inwieweit wir von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen wollen, zu einer zentralen ethischen Herausforderung werden, die weit über die üblichen Regelungsprobleme im Umgang mit neuen Technologien hinausgeht.

Die Frage nach dem normativen Kern unseres menschlichen Selbstverständnisses

Eine solche Herausforderung lässt sich nur aufnehmen, wenn wir im Blick auf die gewonnenen wissenschaftlichen Einsichten und die daraus geborenen technischen Veränderungspotentiale die Frage nach dem normativen Kern des menschlichen Selbstverhältnisses in einer in jeder Hinsicht neuen Weise stellen. Das fordert nicht weniger als eine umfassende Reflexion dessen, was uns die wissenschaftliche Erkenntnis erschließt und was diese Erkenntnis für das normative Selbstbild des Menschen bedeutet. Im Raum zwischen Wissenschaft und Ethik wird damit eine wissenschaftstheoretische, anthropologische, sozialwissenschaftliche und naturphilosophische Vergewisserung erforderlich, die es erlaubt, wissenschaftliche Erkenntnis und Selbstbild des Menschen auf eine den neuen Umständen entsprechende Weise aufeinander zu beziehen. Worum es dabei geht, ist mehr als Aufklärung über Wissenschaft oder Integration ihrer Resultate in den tradierten lebensweltlichen Rahmen, sondern eine neue, den veränderten Verhältnissen entsprechende Verhältnisbestimmung von wissenschaftlicher Erkenntnis und normativem Selbstbild. Dies aber fordert eine Öffnung der beteiligten Wissenschaften füreinander und eine Auseinandersetzung insbesondere der Geisteswissenschaften mit den Naturwissenschaften, die sich nicht mit dem Austausch wechselseitig interessierender Aspekte begnügt, sondern die Sache selbst zur Verhandlung bringt - wie nämlich der Mensch sich unter den neuen Bedingungen zu seiner eigenen Natur verhalten soll, will er das Lebewesen in einem Ensemble anderer Lebewesen bleiben, das sich als Subjekt unter anderen Subjekten gleicher Natur versteht.

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Autor

Ludger Honnefelder ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Bonn.

Die Originalfassung dieses leicht gekürzten Textes erscheint als Einleitung zu dem Band L. Honnefelder - P. Propping (Hrsg.), Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen? DM 48.--, Dumont Buchverlag Köln 2001. Der Band enthält Beiträge von C. Bayertz, K.; Böhme, G.; Breidbach, O.; Engel, W.; Fischer, E. P.; Herdegen, M.; Honnefelder, L.; Isensee, J.;